Wie werden die anthroposophischen Grundlagen von Rudolf Steiner heute in den bayerischen Waldorfschulen umgesetzt? Und was bedeutet das konkret im Schulalltag?

Andrea Wiericks: Anthroposophie ist bei uns kein Unterrichtsfach. Wir unterrichten nicht Anthroposophie, und wir sagen den Schülern niemals: "Rudolf Steiner hat dies oder jenes gesagt, so und so ist es, und das müssen wir jetzt glauben." Das anthroposophische Menschenbild ist vielmehr die Grundlage unserer Pädagogik. Sie kennen wahrscheinlich den Spruch: "Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." Genau darum geht es. Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch in seinem eigenen Tempo die für ihn richtigen und wichtigen Entwicklungsschritte geht. Beim einen geht es schneller, beim anderen langsamer. Der eine braucht Hilfe, der andere nicht. Aber der Mensch ist da, um sich zu entwickeln – davon gehen wir aus.

Zudem verstehen wir den Menschen als Bürger zweier Welten. Er hat einen irdischen, physischen Anteil und einen geistigen Anteil – ob man das nun spirituell oder göttlich nennen möchte. Beide Entwicklungen müssen wir im Blick haben, wenn wir auf Kinder und Jugendliche schauen. Es geht nicht darum, die körperliche Entwicklung einseitig zu betonen, aber auch nicht die seelische oder die intellektuelle.

Deshalb haben wir in den Schulen die Ausbildung von Kopf, Herz und Hand. Für den Kopf gibt es das Denken. Für das Herz gibt es gerade bei den Kleinen die vielen sinnigen Geschichten, Märchen, Fabeln und Heiligenlegenden. Und für die Hand gibt es das viele Handwerk. Darin sehe ich die direkte Umsetzung des anthroposophischen Menschenbilds.

Diese drei Bereiche – Kopf, Herz und Hand – sind also gleichberechtigt? In staatlichen Schulen, würde ich sagen, steht der Kopf klar im Vordergrund.

Ja, so ist es. Bei uns sind alle drei gleichberechtigt, was durchaus dazu führt, dass sich Schüler in der Oberstufe, also in der zehnten oder elften Klasse, manchmal darüber beklagen, warum sie so viel Handwerk haben. Mathe wäre doch viel wichtiger, sagen sie dann.

Macht das den Umgang mit dem Zentralabitur schwieriger?

Nein, das macht es nicht schwieriger, weil durch das viele Handwerk ja etwas im Menschen ausgebildet wird. Da werden bestimmte Kompetenzen angelegt: Genauigkeit, bewusstes Hinschauen, Nachdenken, bevor man etwas macht. Das praktische Lernen kommt dem Intellekt und dem Verstand dann wieder zugute.

Sie sprechen von Entwicklung und davon, den ganzen Menschen zu bilden. Worauf bereitet diese Schulform dann fürs Leben vor – gerade angesichts der aktuellen Weltlage?

Wir versuchen, jedes Kind da abzuholen, wo es steht, und bringen den Kindern Wertschätzung entgegen, ohne sie zu beurteilen. Die Kinder erfahren: Ich bin, wie ich bin, und das ist im Großen und Ganzen in Ordnung. Ich werde mich entwickeln, aber ich werde nicht ständig negativ beurteilt oder auf meine Defizite hingewiesen. 

Wir bereiten Kinder darauf vor, dass im Leben wirklich nicht jeder Abitur machen und zur Universität gehen muss und womöglich ein unglücklicher Akademiker wird.

Man kann auch als Schreiner glücklich werden, wenn man goldene Hände und ein bisschen Verstand hat. Alle Wege sind in Ordnung – vorausgesetzt natürlich, sie stehen auf einem gesunden ethischen und moralischen Boden.

Angesichts der fortschreitenden Polarisierung, die wir überall erleben, finde ich es umso wichtiger, in den geisteswissenschaftlichen Fächern anzulegen, dass ich mir zuerst in Ruhe alle Aspekte anschaue, bevor ich mich in ein bauchgeführtes, emotionales Urteil stürze, das dann immer mit Antipathie oder Sympathie verbunden ist und mich für alles Weitere blind macht. Darauf legen wir viel Wert. Das Urteil sollte wirklich am Ende einer Sache stehen. Zuerst sollte man sich erarbeiten: Worum geht es hier eigentlich?

Das ist heute eine ungeheure Aufgabe, in einer Zeit, in der man Nachrichten – egal von welcher Seite – nur noch wenig vertrauen kann. Fake News – wer kannte dieses Wort denn vor zehn Jahren? Mit dem Aufstieg gewisser Politiker ist es einhergegangen, dass man alternative Fakten anbietet.

Sie unterrichten selbst auch Ethik. Nun gibt es ja neben klassischen Schulfächern auch verschiedene Formen des Religionsunterrichts an Waldorfschulen. Können Sie das System erklären?

Wir können vier verschiedene Unterrichtsformen anbieten: evangelischen oder katholischen Religionsunterricht, dann die Christengemeinschaft und den freien Religionsunterricht.

Was ist die Christengemeinschaft?

Die Christengemeinschaft ist eine eigene – zwar nicht staatlich anerkannte – Konfession. Sie ist die Kultusgemeinde der Anthroposophen. Es gibt dort geweihte Priester, Sakramente, am Sonntag den Gottesdienst. Es gibt die letzte Ölung, die Trauung, die Taufe, die Konfirmation. Die Christengemeinschaft ist tatsächlich eine religiöse Erneuerungsbewegung, wie Steiner es genannt hat – auch wenn das jetzt schon 100 Jahre her ist. Es ist eine religiöse Gruppierung, die zutiefst christlich ist.

Wie unterscheidet sie sich von den etablierten christlichen Konfessionen?

Ein Unterschied besteht in der Vorstellung von Gnade. In der Christengemeinschaft und in der anthroposophischen Sicht liegt der Schwerpunkt stärker auf dem individuellen Entwicklungsprozess als auf der Idee eines unverdienten Geschenks Gottes: Gnade wird als Impuls verstanden, mit dem der Mensch eigenverantwortlich arbeitet. Die Rolle des Priesters oder eine hierarchische Leitung wie der Papst spielt dabei keine zentrale Rolle.

Bei der Beichte ist es ganz ähnlich. In der Christengemeinschaft versteht man sie eher als biografisches Entwicklungsgespräch. Es geht darum, das eigene Handeln im größeren Zusammenhang zu sehen und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – nicht darum, wenn man Mist gebaut hat, das einfach zu beichten und durch feste Bußübungen wieder gutzumachen, wie in der katholischen Beichte.

Bei uns ist die Beichte ein vertrauliches Gespräch, das hilft, das Leben zu ordnen und seelisch gesund zu bleiben.

Wie ist heute die Verteilung? Welche Form des Religionsunterrichts wird am ehesten angeboten?

Wenn Sie vor Ort keine Christengemeinschaft haben, ist der entsprechende Unterricht schwierig, weil eine Gemeinde da sein muss, damit der Unterricht leben kann und die Kinder auch zur Sonntagshandlung kommen können. Es hängt also davon ab, wo die Schule liegt.

Ich bin in Prien, das ist Oberbayern Ost. Da sind viele Kinder traditionsgemäß katholisch. An meiner Schule gab es relativ wenig evangelische Kinder, einen guten Anteil von Christengemeinschafts-Kindern und genauso viele im freien Religionsunterricht. Der hieß früher "frei-christlicher Religionsunterricht" und heißt jetzt nur noch "freier Religionsunterricht". Er soll völlig überkonfessionell ein religiöses Empfinden vermitteln – auch bei den Kleinen mit heiligen Geschichten, etwa zur Schöpfung, zur Entstehung der Erde. Franziskus kommt vor, und dann steigt es langsam auf zu Fragen wie: Was ist gut und böse? Was ist das Gewissen? Was ist Moral?

Im evangelischen und katholischen Religionsunterricht gibt es einen vorgeschriebenen Lehrplan, an den sich die Kollegen halten. Allerdings haben wir das Problem, dass wir von den konfessionellen Einrichtungen gar nicht mehr genügend Lehrkräfte bekommen.

Wie kommt das? Ich dachte, es gäbe viele Pastorinnen und Pastoren, die an Schulen unterrichten.

Es gibt einfach keine Leute mehr – der Markt ist leer. Früher sind wir davon ausgegangen, dass die Kirche uns jemanden schickt. Wir bieten die Räume an, damit dieser Unterricht stattfinden kann. Aber auf einmal gab es bei uns am Chiemsee keinen evangelischen Religionsunterricht mehr, weil es niemanden gab, der ihn erteilen durfte. Beim katholischen das Gleiche. Dann haben wir gesagt, wir könnten doch selbst Leute einsetzen. Aber das geht nicht. Man braucht die Vocatio oder die Missio. Man kann nicht einfach sagen: Ich mache jetzt evangelischen Religionsunterricht.

Gibt es Rückfragen von Eltern, die das Angebot vermissen?

Das gibt es immer wieder. Meine Schule hat tatsächlich selbst einen evangelischen Religionslehrer angestellt, weil er es unterrichten kann und unbedingt hier bleiben wollte. Dann haben wir einen eigenen Vertrag mit ihm gemacht, der nicht über die Kirche läuft. Das kann man ja machen, ist nicht verboten. Das war allerdings ein Glücksfall. 

Bei dieser religiösen Vielfalt im eigenen Angebot stellt sich die Frage: Wie gehen bayerische Waldorfschulen mit der wachsenden weltanschaulichen und religiösen Vielfalt um? Nicht nur christlich, sondern auch muslimisch, jüdisch und andere Glaubensrichtungen?

Es gibt zum Beispiel in Mannheim eine interkulturelle Waldorfschule, die genau diese Frage zu leben versucht und darauf reagiert, dass wir in einer pluralen Gesellschaft leben. Hier in Bayern ist die Pluralität allerdings nicht so groß. Ich habe irgendwo gelesen, dass zum ersten Mal in Deutschland weniger Menschen einer Konfession angehören als nicht. Ich glaube, 47 Prozent sind noch in den christlichen Konfessionen verankert, alle anderen sind muslimisch, buddhistisch, hinduistisch oder konfessionslos. Das fand ich sehr beeindruckend.

In den bayerischen Waldorfschulen wird das aber nicht wirklich widergespiegelt. Wir haben bei uns Protestanten, Katholiken, Christengemeinschafts-Mitglieder. Natürlich auch Menschen, die sich in der Kirche nicht mehr zu Hause fühlen, aber in gewisser Weise religiös sind und die Feste pflegen – das hatten wir schon immer. Für Buddhismus und Yoga gibt es heute einen Hype, da gibt es auch an Waldorfschulen einige Interessierte. Aber in Bayern haben wir an unseren Schulen ganz, ganz wenig Muslime, wirklich wenig. Und auch wenig Kinder jüdischen Glaubens. Das ändert sich total, wenn Sie nach Berlin gehen – da sind Waldorfschulen wesentlich heterogener.

Im Unterschied zu staatlichen Schulen sind Waldorfschulen ja Privatschulen. Da stellt sich für Eltern die Frage: Wie komme ich überhaupt an einen Platz, und was kostet das?

Es soll nicht am Geld scheitern. Wir hatten in den letzten Jahren das Glück, dass die Zuschüsse für Privatschulen in Bayern sukzessive leicht erhöht wurden. Tatsache ist aber immer noch, dass wir nicht so auskömmlich finanziert werden, dass wir 100 Prozent unserer Kosten durch staatliche Zuschüsse bekämen. Keine Privatschule in Bayern ist wirklich zu 100 Prozent vom Staat refinanziert.

Für uns bedeutet das: Die Lehrer verzichten auf etwas Gehalt. Aber das würde immer noch nicht reichen. Deshalb müssen wir Elternbeiträge nehmen, was uns sehr schmerzt, weil wir es eigentlich nicht wollen.

Wir wollen auch keine elitäre Schule sein und keine Schule für Reiche.

Deshalb haben wir Schulgeldermäßigungen. Es gibt Schulen, die haben freie Plätze – Menschen, die gar nichts zahlen können, werden auch aufgenommen. Es soll nicht am Geld scheitern.

Nur, wenn es Menschen gibt, die gar nichts zahlen, müssen andere mehr zahlen können, denn irgendwo muss der Schulhaushalt gedeckt sein. Es ist immer ein vorsichtiges Austarieren. Das Schulgeld empfinde ich als zweischneidig, weil es natürlich dazu führt, dass Menschen vor der Hürde stehen und sagen: Kann ich nicht, betteln will ich nicht, Reduktion will ich nicht, dann komme ich nicht. Das muss man hinnehmen.

Mir wäre auch lieber, wir müssten kein Schulgeld erheben.

Wie sieht es mit Wartelisten aus?

Für die ersten Klassen haben wir schon immer Wartelisten, weil eine einzelne Klasse zwischen 28 und 36 Kinder aufnehmen kann. Was machen Sie aber, wenn Sie 60 Anmeldungen haben? Entweder gehen die auf die Warteliste, oder sie werden ein Jahr zurückgestellt, oder sie wenden sich ab. Es kann nur ein neuer Schüler aufgenommen werden, wenn ein bestehender Schüler geht oder wegzieht. Wenn Sie fragen, ob sich das in den letzten Jahren geändert hat: Die Wartelisten sind glücklicherweise stabil geblieben. Sie sind nicht größer geworden – das fände ich schlimm, weil man dann in den Ruf kommt, hochnäsig zu sein und die Kinder handverlesen auszusuchen. Sie sind aber auch nicht geringer geworden, was ich gut finde, weil das bedeuten würde, dass die Nachfrage sinkt.

Sie haben eben die Zusammenarbeit bei Prüfungen erwähnt. Darüber hinaus: Ist das Verhältnis zwischen Waldorf- und staatlichen Schulen grundsätzlich spannungsreich – immerhin handelt es sich um unterschiedliche pädagogische Konzepte?

Von unserer Seite aus überhaupt nicht. Wir arbeiten ja mit Realschulen und Gymnasien zusammen, um die externen Prüfungen abzulegen – den Realschulabschluss und das Abitur. Das können wir als private Schule mit Genehmigungscharakter nicht selbst machen, sondern wir brauchen staatliche Einrichtungen, mit denen wir kooperieren. Und da empfinden wir in aller Regel eine totale Kollegialität zwischen Waldorflehrern und staatlichen Kollegen. Natürlich kann es unter den Jugendlichen eine gewisse, durch Unkenntnis des anderen Systems bedingte Skepsis geben. Aber in dem Moment, wo man sich gegenseitig zu Theaterspielen oder Konzerten einlädt, hebt sich die auch auf.

Zum Abschluss eine Frage zur öffentlichen Wahrnehmung: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Mythen über Waldorfschulen, die man endlich aufräumen sollte?

Ich würde eine Lanze für die Eurythmie brechen. Ich kann es nicht mehr hören, wie sie in Verbindung mit Tanzen gebracht wird. Das ist ein Mythos.

Die Eurythmie ist ein Fach, das ungeheuer viele Kompetenzen anlegt – wirkliche Fähigkeiten. Die Eurythmie immer auf irgendwie Tanzen zu reduzieren, tut dem Fach vollkommen unrecht. Durch die Eurythmie lernen Schüler wirklich wahrzunehmen – räumliche Wahrnehmung.

Kennen Sie das, wenn Sie auf der Straße laufen und vor Ihnen läuft jemand und Sie wollen ihn auf dem Gehsteig überholen? Das ist nicht immer einfach. Die Eurythmie bildet so etwas wie Augen nach hinten aus. Banales Beispiel, ja, aber es bedeutet unendlich viel: Wie nehmen Sie wahr, was um Sie herum vorgeht? Wie nehmen Sie wahr, wenn Sie auf einer Bühne stehen – ist es besser, jetzt vorne zu stehen oder hinten? Was drücken diese Dinge aus durch die Art, wie man sich bewegt?

Der zweite Mythos, den ich gerne aufräumen würde, ist: Man fährt bei uns einen Kuschelkurs und kommt spielerisch zum Abitur. Das stimmt nicht.

Rudolf Steiner hat nirgendwo in 350 Bänden gesagt, dass Leistung etwas Schlechtes ist. Wir freuen uns durchaus darüber, wenn unsere Schüler die Leistung bringen, die ihnen möglich ist, und nicht darunter bleiben. Von wegen Kuschelkurs. Schule ist Schule, nichts ist spielerisch. Das wertet die Schule ab – auch wenn es nicht als Abwertung gemeint ist.