"Wir müssen wieder mehr miteinander reden." Diesen Satz höre ich ständig: in Talkshows, in Kolumnen und sogar im privaten Gespräch. Er klingt vernünftig, ja beinahe selbstverständlich. Und doch glaube ich: Er stimmt nicht.

Wenn ich an die Tage meiner Kindheit und Jugend zurückdenke, lange vor Social Media, egal ob im Verein, im Chor oder am Tresen, dann fällt mir auf: Da wurde nicht über Politik gestritten, wenn jemand völlig anderer Meinung war. Meistens wechselte man in solchen eher seltenen Fällen schnell das Thema.

Die Freundeskreise waren politisch weitgehend homogen und wer konservativ war, hatte selten enge Bekannte, die überzeugte Linke waren – und umgekehrt. Diese angeblich verlorene Kultur, in der alle ständig über politische Gräben hinweg im Gespräch waren, hat es wahrscheinlich nie gegeben.

Social Media konfrontiert uns mit vielen anderen Meinungen

Hinzu kam, dass es bis weit in die 1990er Jahre hinein eigentlich nur zwei politische Standpunkte gab, denen sich die allermeisten irgendwie zuordnen ließen. Diese wurden durch die beiden Parteien SPD und CDU vertreten.

Das wirklich Neue an unserer Zeit ist, dass wir durch Social Media plötzlich mit einer Vielzahl anderer Meinungen konfrontiert werden – und das nicht nur im direkten Gespräch, sondern permanent und ohne Gnade.

Wenn ich meinen Feed öffne und unter einem beliebigen Posting die Kommentarspalte herunterscrolle, sehe ich innerhalb weniger Minuten Positionen, die meiner eigenen komplett widersprechen. Früher wäre ich ihnen im Alltag nie begegnet.

Dass uns das manchmal schockiert oder überfordert, ist verständlich. Und die Algorithmen verstärken diesen Eindruck noch, da sie oft genau jene Beiträge nach oben spülen, die am heftigsten polarisieren. So entsteht das Bild einer Gesellschaft, die permanent am Rande des Bürgerkriegs steht.

Nicht mehr reden – besser reden

Doch dieser Eindruck trügt. Der Soziologe Nils Kumkar weist in seinem Buch "Polarisierung" darauf hin, dass es bei vielen Themen erstaunlich breite gesellschaftliche Konsense gibt – auch dort, wo uns die Medien erbitterte Fronten vorspielen. Ob beim Klimaschutz, bei Fragen sozialer Gerechtigkeit oder bei Migration: Die Unterschiede sind meist kleiner als man denkt. Aber Extreme verkaufen sich eben besser und Empörung bringt Reichweite.

Deshalb reicht die Aufforderung, einfach mehr miteinander zu reden, nicht aus. Es wird ja längst viel geredet, gestritten und kommentiert – oft sogar zu viel. Was fehlt, ist eine andere Art des Zuhörens. Nicht sofort in Lagern denken. Nicht jedes Gespräch als Kampf auffassen. Man sollte Geduld aufbringen, den anderen wirklich verstehen zu wollen, und darauf vertrauen, dass sich irgendwo ein gemeinsamer Boden finden lässt.

Die eigentliche Herausforderung ist also nicht die Quantität, sondern die Qualität: nicht mehr reden, sondern besser reden – und vor allem besser zuhören.

Und vielleicht am Allerwichtigsten: Niemals, wirklich niemals, Kommentare unter Social-Media-Posts lesen.