Welche Erwartungen knüpfen wir an die Reden von Politiker:innen, wenn sie zu besonderen Anlässen sprechen? Worauf ist unser geschultes Ohr geeicht? Auf wiederkehrende Floskeln, auf mögliche Fehler, an denen man sich abreagieren kann, auf den Dialekt, die Stimmlage – oder tatsächlich auf die Inhalte und die Botschaft, die hinter der gesamten Performanz aus Mensch, Politiker, Bühne, Worten und Anlass steht?
Der Fall Mario Voigt: Warum KI bei Gedenkreden besonders irritiert
Ein Politiker steht derzeit beinah schon karikaturhaft für diese Frage. Entzündet hat sie sich daran, dass Recherchen von "Frag den Staat" ergeben haben, dass er sich ganze Reden und Gastbeiträge in Zeitungen mithilfe von KI schreiben ließ.
Es geht um Thüringens Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU). Besonders unverzeihlich wirkt das ausgerechnet dort, wo menschliche Worte anscheinend mehr wiegen als anderswo – etwa beim Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) und kürzlich erst bei der Gedenkrede zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald (6. April).
Also an Anlässen, die etwas verlangen, das eine Maschine nicht hat: ein Verhältnis zu Schuld, zu Opfern, zu Gefühlen – den eigenen und denen eines Kollektivs –, und zu der Frage, was es heißt, Verantwortung zu tragen. Alles, was ein artifizieller, mystifizierter "Mitarbeiter" namens Künstliche Intelligenz da verfasst, wirkt hingegen fassadenhaft, leblos, kalt und letztlich würdelos.
KI als Werkzeug: Warum Politiker auf künstliche Intelligenz kaum verzichten können
Dass ein Politiker KI nutzt und auch seine Texte von einem Sprachprogramm redigieren lässt, steht außer Frage. Es ist sogar in vielen Fällen ein Geschenk. Im Zeitalter der KI, wie man heute freimütig die aktuelle Zeit definiert, ohne so richtig zu wissen, was das eigentlich bedeutet, gewöhnt man sich daran, dass grobe Fehler nicht mehr vorkommen.
"Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich" – so lautete früher der beleidigende Merkspruch gegen einen der hartnäckigsten Rechtschreibfehler. Heute, leicht abgewandelt, könnte er lauten: Wer KI nicht nutzt, ist dämlich.
Man schaue nur kurz in sein E-Mail-Postfach. Keine Rechtschreibfehler, perfekte Absätze und ein verdächtig höflicher Ton, ja ChatGPT ist äußerst zuvorkommend, – wobei das "ist" in die Irre führt. Dahinter steckt kein Wesen, sondern ein Konzern, der genau kalkuliert hat, dass sich Höflichkeit besser vermarkten lässt.
Die Stimme schafft Vertrauen: Was keine KI ersetzen kann
Beim Zuhören ist das ein wenig anders. Da kommt etwas hinzu, das ein Text nicht ersetzen kann: die Stimme (KI-Sprachsysteme einmal ausgenommen – aber das ist ein anderes Thema). Sie schafft einen Moment größerer Intimität, eine Präsenz, die an Zeit und Ort gebunden ist und genau dadurch ein Beziehungsmoment ist, der mehr verlangt, als nur eine Information unter die Leute zu bringen.
Das Ziel ist, als ganzer Mensch zu überzeugen, ein Vertrauen herzustellen, das sich atmosphärisch im Raum ablesen lässt. Da werden perfekte, "zu runde" Sätze zur Mauer. Und die Zuhörenden reagieren live und ungefiltert: Murren, Lachen, Klatschen, Zwischenrufe. Je nach Überzeugungskraft.
Friedrich Merz und die Kraft unbequemer Worte
Ein Politiker, der diese Dynamik regelmäßig erlebt, ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Doch gerade das zeigt, ironischerweise, etwas, das weder ChatGPT noch seine engsten Berater:innen ihm je geraten hätten:
Wörter zu wählen, die verletzen, die diskriminierend wirken oder die bewusst auf Provokation zielen – wie "kleine Paschas" nach den Berliner Silvesterkrawallen, die "Stadtbild"-Debatte, "Drecksarbeit" im Zuge der israelischen Angriffe auf den Iran im Juni 2025, oder seine Aussage nach der Weltklimakonferenz in Belém, bei der er sagte, viele Journalist:innen seien "froh" gewesen, wieder im schönen Deutschland zu sein.
Glaubwürdigkeit statt Perfektion: Warum politische Kommunikation Risiko braucht
Man weiß, woran man bei Friedrich Merz ist, und er zahlt auch den Preis dafür. Er erfährt für seine Aussagen viel Gegenwind und löst Proteste aus, während andere ihm dafür Respekt zollen, den Mut zu haben, die Dinge beim Namen zu nennen.
Wie auch immer man es bewertet: Merz steht als Mensch hinter dem, was er sagt, und seine Sätze dringen deshalb zu den Menschen durch, weil sie nach eigener Überzeugung klingen und nicht nach einstudiertem Text. Nebenbei beschert er auch dem Medienbetrieb gute Tage, der sich nach jedem Auftritt schon die Hände reibt.
Bei aller Vorsicht gegenüber seinem Wortschatz und politischen Forderungen: Das ist eine Form von Ehrlichkeit, die man nicht unterschätzen sollte. Und Ehrlichkeit ist an einen Menschen gebunden, der für seine Worte geradesteht und ins Risiko geht. Ein Sprachmodell simuliert nur eine Haltung, auf Grundlage von Wahrscheinlichkeiten, die niemand überprüfen kann.
KI in politischen Reden: Helfer ja, Ersatz nein
Also: KI in politischen Reden, ja! Aber als Untertan. Als Zulieferer von Ideen, als Redaktionsgehilfe, als Sparringspartner im Gespräch. Nicht als schöpferischer Sprecher oder Schreiber.