Nürnberg (epd). Zum Übernehmen von Verantwortung und zum Kampf gegen rechtsextremen Terrorismus hat Semiya Simsek die Bundesrepublik Deutschland aufgerufen. "Auch nach 26 Jahren können wir nicht einfach sagen, es ist lange her. Für uns ist es jeden Tag", sagte die Tochter des vom rechtsextremen NSU ermordeten Enver Simsek am Mittwochabend in Nürnberg. Eingeladen zu dem Gedenkakt am Enver-Simsek-Platz hatten Angehörige sowie das Solidaritätsnetzwerk Betroffener rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.
Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) ermordete zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen. Neun der Opfer hatten einen Migrationshintergrund. Erst nach dem Auffliegen der Terrorzelle im Jahr 2011 erkannten die Ermittler die rassistischen und rechtsextremistischen Motive - zuvor konzentrierten sich die Ermittlungen vor allem auf die Familien. In Nürnberg erschossen die NSU-Täter am 9. September 2000 den Blumenhändler Enver Simsek an seinem Verkaufsstand.
Nachhaltige Erinnerungsstrukturen gefordert
Simseks Tochter sprach auch Fragen an, die heute immer noch nicht geklärt seien, unter anderem nach Mittätern und Mitwissern der NSU-Mordserie. Unterstützung bekam sie in ihren Forderungen von weiteren Angehörigen, wie der Tochter des am 15. Juni 2005 in München ermordeten Theodoros Boulgarides.
Mandy Boulgarides kritisierte das aus Sicht der Angehörigen fehlende Engagement der Bundesregierung. Menschen, die Opfer rechtsextremen Terrors geworden sind, würden seit Jahrzehnten um nachhaltige Strukturen der Erinnerung und der Aufarbeitung kämpfen: "Aber wir werden auf Zuständigkeiten, Haushaltsvorbehalte, Prüfverfahren und politische Entscheidungsprozesse verwiesen." Für das laut Koalitionsvertrag in Nürnberg geplante NSU-Dokuzentrum sind im Bundeshaushalt 2027 keine Mittel vorgesehen.
Neben den Familien der zwei ermordeten Männer waren weitere Angehörige von NSU-Opfern, Betroffene und Unterstützerinnen wie die Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz sowie Nürnbergs zweiter Bürgermeister Andreas Krieglstein vor Ort. Rund 150 Menschen kamen zu dem Gedenken, einige legten Blumen nieder.