Es war der 11. September 2001 und ich wollte MTV schauen. Ich war gerade von München nach Berlin gezogen, befand mich aber gerade bei meinen Eltern in Reutlingen. Am frühen Nachmittag wollte ich eine Musiksendung sehen. Ja, das gab es damals noch: MTV zeigte tatsächlich Musik. Nur an diesem Nachmittag nicht.
Stattdessen lief auf allen Kanälen dasselbe. Es wurden Bilder von brennenden Türmen in New York und Menschen auf der Flucht gezeigt, immer wieder dieselben Aufnahmen. Ein Flugzeug war in einen der Türme des World Trade Centers geflogen. Dann ein zweites. Irgendwann wurde klar: Das war kein Unfall.
Ich hatte sofort ein sehr schlechtes Gefühl. Es war eine Mischung aus Unsicherheit, Angst und Unglauben. Man sah etwas, das man gleichzeitig überhaupt nicht begreifen konnte. Und während die Bilder immer wieder liefen, war da dieses Gefühl: Hier passiert gerade etwas, dessen Folgen niemand absehen kann.
Heute, 25 Jahre später, weiß ich, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hat. Nur verstand ich damals noch nicht, was eigentlich zu Ende gegangen war.
Die Welt nach 1989
Meine ganze Generation war mit dem Gefühl aufgewachsen, dass die großen politischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts vorbei waren. 1989 fiel die Mauer, 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt und die Sowjetunion löste sich auf. Europa wuchs vermeintlich zusammen. Grenzen verschwanden und Demokratien schienen sich auszubreiten.
Natürlich war die Welt auch damals nicht friedlich. Es gab Kriege, Diktaturen, Armut, Rassismus und jede Menge politisches Elend. Aber es gab noch kein Internet. Und so lag über den 90er Jahren in weiten Teilen Europas eine eigentümliche Zuversicht: Die Geschichte hatte sich auf einen guten Weg begeben. Oder, wie der Politikwissenschaftler Fukuyama in seinem berühmten Irrtum erklärte, war sie sogar beendet.
Das war natürlich naiv. Aber es war das Lebensgefühl einer Generation. Doch dann kam der 11. September und zerstörte diese Illusion.
Nicht sofort. Nicht an diesem Nachmittag in New York. Aber in den Wochen und Monaten danach wurde die Welt düsterer. Plötzlich war wieder von Feinden, Krieg, Sicherheit, Bedrohung und Zivilisation die Rede. Das Gefühl, dass die großen ideologischen Kämpfe hinter uns lägen, verschwand sehr schnell.
Rückblickend wird mir noch etwas anderes klar: 9/11 war nicht nur ein Ereignis, das die Welt verändert hat. Es war ein Ereignis, dessen politische und gesellschaftliche Folgen bis heute reichen.
Vielleicht lassen sich drei besonders folgenreiche Entwicklungen erkennen.
Erstens: Wir bekamen Angst voreinander
Nach dem 11. September veränderte sich der Blick auf Muslim:innen, auf Menschen aus arabischen Ländern und auf alles, was irgendwie arabisch und/oder muslimisch aussah oder klang.
Natürlich gab es diese Vorurteile schon vorher. Der Orient war in der europäischen Geschichte seit Jahrhunderten eine Projektionsfläche für Ängste und Fantasien. Die Klischees des Orientalismus waren längst nicht verschwunden und Rassismus gegenüber Menschen aus Westasien oder mit muslimischem Hintergrund gab es selbstverständlich auch schon vor 2001.
Aber die Dringlichkeit änderte sich. Plötzlich war der vermeintliche Muslim nicht mehr nur der Fremde, der irgendwie nicht dazugehört. Er konnte schnell zum potenziellen Sicherheitsrisiko werden.
Menschen riefen die Polizei, weil sie jemanden Arabisch sprechen hörten – oder das, was sie dafür hielten. Menschen wurden verdächtigt, weil sie einen bestimmten Namen trugen, bestimmte Kleidung trugen oder so aussahen, wie sich die Mehrheitsgesellschaft einen Muslim vorstellte. Angst und Misstrauen waren ein hervorragender Nährboden für einen ohnehin vorhandenen Rassismus.
Und die Medien spielten dabei nicht immer eine rühmliche Rolle. Die Berichterstattung über Terrorismus war vielfach geprägt von einer Mischung aus Sensationslust und Angst. Bilder und Begriffe verstärkten meist Vorurteile, anstatt sie zu hinterfragen.
25 Jahre später ist die Bilanz ernüchternd: Islamfeindlichkeit ist keineswegs verschwunden. Im Gegenteil. Was nach 9/11 zunächst als Reaktion auf einen konkreten Terroranschlag erschien, ist zu einem dauerhaften politischen und gesellschaftlichen Konflikt geworden. Auch aktuelle Rückblicke auf 9/11 verweisen auf die langfristige Zunahme von Diskriminierung und antimuslimischer Stimmung.
Ohne die Verschiebungen nach dem 11. September wäre die politische Atmosphäre, in der Thilo Sarrazin mit Thesen über Muslime und angeblich genetisch bedingte Intelligenz ein Millionenpublikum erreichen konnte, schwer vorstellbar. Auch die AfD konnte später an einen gesellschaftlichen Resonanzboden anknüpfen, auf dem Islam, Migration, Sicherheit und die vermeintliche Bedrohung der eigenen Lebensweise längst miteinander verbunden worden waren. Sie musste den Ton nur noch etwas lauter drehen.
Der Terroranschlag hatte die Gesellschaft verunsichert. Und er hatte dabei geholfen, die Vorstellung zu verbreiten, dass bestimmte Menschen grundsätzlich verdächtiger seien als andere.
Zweitens: Wir begannen, überall einen Plan zu sehen
Die zweite Veränderung kam etwas später. Bei mir jedenfalls.
Einige Jahre nach 9/11 sah ich den Film "Zeitgeist: The Movie". Der 2007 erschienene Film von Peter Joseph verbindet in seinem zweiten Teil die Anschläge vom 11. September mit der Behauptung, Teile der US-Regierung hätten die Anschläge geplant oder zumindest zugelassen, um einen Krieg gegen den Terror zu rechtfertigen und Freiheitsrechte einzuschränken.
Ich weiß noch, wie ich damals vor dem Film saß und zunächst baff war. Plötzlich schien alles zusammenzupassen. Und genau darin lag die Faszination. Bis dahin waren Verschwörungstheorien für mich etwas aus alten Büchern gewesen. Etwas Mystisches, Abstraktes, Geheimnisvolles. Ich hatte eher Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel" im Sinn als irgendein YouTube-Video.
Verschwörungstheorien hatten für mich etwas Elitäres. Sie waren die Obsession hochgebildeter, alter Männer, die in verrauchten Bibliotheken nach irgendwelchen verborgenen Zusammenhängen suchten.
Das Internet machte aus der Verschwörungstheorie ein Massenphänomen. Plötzlich konnte jeder eine Erklärung anbieten. Und jeder konnte sie finden. 9/11 war dafür der perfekte Ausgangspunkt. Denn es war ein Ereignis, das so überwältigend war, dass die offizielle Erklärung vielen Menschen nicht genügte. Ein paar Terroristen hatten die mächtigste Militärmacht der Welt getroffen. Wie konnte das passieren? Wer hatte davon gewusst? Wer hatte versagt? Wer profitierte davon?
Diese Fragen sind teilweise bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet. Die Antworten, die der besagte Film lieferte, halten jedoch keiner kritischen Prüfung stand. Vielleicht war 9/11 deshalb ein Wendepunkt in der Geschichte des Verschwörungsdenkens: nicht, weil es die erste Verschwörungstheorie hervorgebracht hätte, sondern weil das zeitgleich immer weiter verbreitete Internet sie für sehr viel mehr Menschen zugänglich und attraktiv machte.
Drittens: Wir antworteten auf Terror mit immer mehr Krieg
Und dann gab es die politische Antwort. Nach den Anschlägen vom 11. September zogen die Vereinigten Staaten in den Krieg. Zunächst gegen die Taliban und al-Qaida in Afghanistan, später gegen den Irak. Aus dem Kampf gegen eine Terrororganisation wurde der sogenannte Krieg gegen den Terror – ein politisches Projekt, das weit über die ursprüngliche Reaktion auf die Anschläge hinausging.
Afghanistan. Irak. Guantánamo. Abu Ghraib. Drohnenkriege. Geheimgefängnisse. Überwachung. Über allem schwebte die Vorstellung, militärische Macht könne politische Probleme lösen. Das war die Hybris einer Supermacht, die bis ins Mark getroffen worden war und beweisen wollte, dass sie immer noch die mächtigste Kraft der Welt war.
Doch das funktionierte nicht. Afghanistan wurde nicht demokratisiert. Der Irak wurde kein Leuchtturm des Nahen Ostens. Stattdessen wurden Staaten destabilisiert, Gesellschaften zerstört und neue Gewaltspiralen ausgelöst.
Die menschlichen Kosten der Kriege nach dem 11. September sind kaum noch zu überblicken. Das "Costs of War Project" der Brown University kommt für die untersuchten Konflikte inzwischen auf mehrere Millionen direkte und indirekte Tote.
Und die militärische Logik ist keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: Ihr Schatten reicht bis in die Gegenwart. Heute erleben wir erneut militärische Abenteuer mit dem Iran und eine Welt, in der Krieg wieder zunehmend als politisches Instrument erscheint.
Vielleicht ist das die interessanteste Pointe der Geschichte: Die Anschläge vom 11. September sollten die USA treffen. Ihre eigene Reaktion darauf hat jedoch auch die politische Ordnung beschädigt, die die USA selbst jahrzehntelang geprägt hatten. Manche würden sogar sagen: zerstört.
Was von 9/11 geblieben ist
Vielleicht lässt sich 25 Jahre später deshalb eine andere Geschichte des 11. Septembers erzählen. Die Geschichte dessen, was danach kam.
Eine Welt, in der Menschen einander stärker misstrauten. Eine Welt, in der Muslime und Menschen mit arabischem Hintergrund unter Generalverdacht gerieten. Eine Welt, in der Verschwörungserzählungen aus obskuren Büchern und kleinen Zirkeln ins Massenpublikum übergingen. Und eine Welt, in der der Westen auf Terror mit militärischer Gewalt antwortete, die in ihrer Konsequenz nichts anderes als Terror ist.
Natürlich wäre es falsch, all das allein auf den 11. September zurückzuführen: Der Rassismus war vorher da. Verschwörungstheorien gab es vorher. Die militärische Machtpolitik der USA gab es vorher.
Aber 9/11 verstärkte all diese Entwicklungen immens. Und wahrscheinlich war genau das die eigentliche Zeitenwende.
Ich habe das damals nicht verstanden. Ich saß bei meinen Eltern in Reutlingen und wollte MTV schauen. Doch statt Musikvideos liefen Bilder von brennenden Türmen. Ich wusste nicht, was geschah, und noch weniger, was daraus entstehen würde. Ich wusste nur, dass sich gerade etwas Entscheidendes verändert hatte.
Heute weiß ich: An diesem Nachmittag gingen nicht nur Angriffe auf New York und Washington in die Geschichte ein. Es begann eine Epoche, die unsere Gegenwart bis heute prägt. Und aller Voraussicht nach auch weiterhin prägen wird.