8.11.2018
Familiengeld

Kinderbetreuung: Pflegeeltern wehren sich gegen Ausschluss vom Familiengeld

Ministerpräsident Söder hatte vor der Landtagswahl versprochen, dass das Familiengld allen Kindern zugute kommen wird - er meinte damit auch Kinder von Hartz-IV-Empfängern. Dass eine andere Gruppe leer ausgeht, ist bislang kaum bekannt: Pflegekinder.
Fabian Dörschner und Silvia Wehner-Dörschner
Fabian Dörschner und Silvia Wehner-Dörschner kämpfen für die Gleichstellung von Pflegekindern mit leiblichen Kindern.

Für Petra Waldinger aus Kulmbach ist das neue Bayerische Familiengeld in Höhe von 250 Euro für ein- und zweijährige Kinder eine gute Idee. Allerdings: Sie hat nichts davon. Denn der einjährige Liam, den sie großzieht, ist "nur" ihr Pflegesohn. Würde er bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen, bekäme die Familie für ihn Familiengeld. Doch Liams Mutter kann ihn nicht erziehen: "Das ist ihr aufgrund ihrer Lebensumstände nicht möglich." Schon mit drei Tagen kam Liam daher zu den Waldingers.

Liam hat einen dreijährigen Bruder und eine achtmonatige Schwester. Während der leiblichen Tochter der Waldingers bald Familiengeld zusteht, geht das Pflegekind leer aus. Was die Kulmbacherin empört: "Herr Söder versprach, dass das Familiengeld allen Kindern zugute kommen wird." Wie könne es sein, dass zwei Kinder, die im selben Haushalt aufwachsen, derart unterschiedlich unterstützt werden?

"Das Familiengeldgesetz verlangt grundsätzlich die Erziehung des eigenen Kindes", heißt es vom Bayerischen Familienministerium. Dort räumt man zwar ein, "dass Pflegefamilien einen enormen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten". Eben deshalb würden sie stark vom Staat unterstützt. Diese Förderung ziele darauf ab, dass Pflegepersonen dem Pflegekind den gleichen Lebensstandard wie den eigenen Kindern bieten können: "Ohne aus eigenen Mitteln zuschießen zu müssen."

Nicht genügend Förderung vom Staat

Genau das stimmt aber nicht, sagt Waldinger. Für Liams Ernährung, für sein Zimmer, für Möbel, Kleidung, Spielsachen und Freizeitgestaltung des Kindes erhält die Familie rund 500 Euro im Monat. Hinzu kommt eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 300 Euro für sie als Eltern: "Also dafür, dass wir 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche für das Kind da sind." Der Gesamtbetrag decke die Aufwendungen bei weitem nicht ab: "Wer kann es sich denn überhaupt schon erlauben, für 300 Euro im Monat den Job aufzugeben, um ein Pflegekind zu erziehen?"

Petra Waldingers Mann ist derzeit in Elternzeit, sie selbst, die einen guten Job als Personalleiterin hat, arbeitet in Teilzeit. Beide Eltern versuchen, ihre drei Kinder so gut es geht zu fördern: "Wir nehmen mit unserem Pflegekind zum Beispiel am Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP) teil." Diese Frühförderung im ersten Lebensjahr werde weder von der Krankenkasse noch vom Jugendamt bezahlt.

Die Knauserei der Staatsregierung versteht Waldinger umso weniger, als sie weiß, dass ein Heimplatz für Kinder, die nicht in ihrer Familie aufwachsen können, viele Tausend Euro pro Monat kostet. Sie will gegen die Benachteiligung von Pflegekindern kämpfen: "Wir werden auch für Liam einen Antrag auf Familiengeld stellen." Vermutlich werde der Antrag abgelehnt: "Dagegen werden wir mit einem Anwalt klagen." Zudem wollen die Waldingers zusammen mit dem Landesverband Bayern der Pflegekinder-Organisation "Pfad für Kinder" (Pfad) eine Petition einreichen, um auch Familiengeld für Pflegekinder durchzusetzen.

"Immer wieder fallen Pflegefamilien hinten runter", bestätigt Peter Able, Geschäftsführer des Landesverbands und sechsfacher Pflegevater. Able nimmt schon lange Pflegekinder in seine Familie auf. Aktuell lebt ein eineinhalb Jahre altes, schwerbehindertes Kind bei ihm. Das brauche vielfältige Hilfen, die beim Bezirk beantragt werden müssen: "Der lehnt erst mal grundsätzlich ab, wir müssen um jeden Cent kämpfen."

"Kinder zweiter Klasse"

Der Ausschluss vom Familiengeld sorge für "Kinder zweiter Klasse", meint auch Silvia Wehner-Dörschner. Sie erzieht zusammen mit ihrem Mann Fabian Dörschner den sechsjährigen Kevin (Name geändert). Die Ausgaben für den Jungen übersteigen das Budget, das sie von öffentlichen Stellen erhalten, sagt die Familie aus Röttingen im Landkreis Würzburg.

Mit drei Monaten nahm Wehner-Dörschner Kevin auf: "Damals hatte ich noch gedacht, dass ich keine eigenen Kinder bekommen könnte." Doch sie wollte ihr Leben mit Kindern teilen. So nahm sie die Herausforderung an, Pflegemama zu werden. "Das hatte für mich bedeutet, komplett aus dem Beruf auszusteigen", sagt die Bankkauffrau, die inzwischen zwei leibliche Kinder im Alter von zweieinhalb Jahren und fünf Monaten hat.

Vom Familiengeld würde das Pflegekind des Röttinger Paars zwar nicht profitieren, da es nur an Kinder vom 13. bis zum 36. Lebensmonat ausgezahlt wird. Dennoch gehen die beiden an die Öffentlichkeit. Denn sie wollen, dass Pflegefamilien endlich als "normale Familie" anerkannt werden.

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