24.03.2020
Familie in der Krise

Mehr Streit wenn alle zuhause sind: Experten warnen vor Anstieg häuslicher Gewalt in Corona-Zeiten

Daheim lernen statt in der Schule, Betreuungsprobleme und viel gemeinsame Zeit auf begrenztem Raum: Die Corona-Pandemie stellt Eltern und Kinder vor besondere Herausforderungen. Kinderärzte und Pädagogen sind besorgt - insbesondere mit Blick auf sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler.
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Ärzte und Lehrer befürchten schwerwiegende Folgen der Corona-Krise für viele Kinder. So warnt der Deutsche Lehrerverband, dass sich infolge des derzeitigen Heimunterrichts das Leistungsgefälle zwischen Schülern weiter vergrößern könnte. "Die Schere zwischen Schülern mit und ohne Unterstützung von zu Hause wird weiter aufgehen", sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger dem Sonntagsblatt. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht die Gefahr der Überforderung vieler Eltern in der derzeitigen Situation.

Drastische Folgen drohen nach Angaben von Meidinger vor allem, wenn die Schulschließungen länger andauern sollten. "Wenn es bei drei Wochen bleibt, können wir die Effekte noch einigermaßen im Rahmen halten, etwa durch Wiederholungskurse nach den Ferien", erklärte der Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf.

"Aber wenn der Zustand länger andauert, dann bekommen wir ein ganz großes Problem. Vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien drohen dann Nachteile für die weitere schulische Laufbahn."

Ein großer Druck laste aktuell auf den Eltern, die ihre Kinder beim Lernen zu Hause unterstützen sollten, betonte der Verbandspräsident: "Die größte Herausforderung haben die Eltern, das muss man wirklich sagen." Zum einen seien viele Väter und Mütter stark damit ausgelastet, ihre eigene Arbeit im Homeoffice mit der Betreuung der Kinder unter einen Hut zu bringen. Zum anderen seien sie zum größten Teil nicht didaktisch auf die Aufgabe als Ersatzlehrer vorbereitet:

"Eltern sind natürlich nicht dahin ausgebildet, um komplexe schulische Sachverhalte zu erklären."

Eltern sollten auch von dem Anspruch Abstand nehmen, den normalen Schulunterricht zu Hause eins zu eins fortsetzen zu wollen, riet Meidinger. "Eine Konzentration auf die Kernfächer und Schwerpunkte ist sinnvoller", sagte er. "Und es müssen auch nicht vier oder fünf Stunden pro Tag sein, zwei Stunden intensiven Arbeitens nach dem eigenen Biorhythmus sollten in der Regel reichen, für Grundschulkinder auch schon eine Stunde." Es wäre bereits ein Erfolg, wenn ein Viertel des regulären Stoffs im "Homeschooling" vermittelt werde.

Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, rief Familien in der Corona-Krise dazu auf, sich bei Überforderung frühzeitig Hilfe zu suchen.

"Besonders Eltern, die schon unter normalen Bedingungen an der Grenze sind, und deren Kinder sind jetzt gefährdet", sagte Fischbach dem Evangelischen Pressedienst in Köln.

Er rät Betroffenen, Angebote der Wohlfahrtsverbände zu nutzen oder das Jugendamt um Unterstützung zu bitten. Weil Schulen und Kitas geschlossen sind, stünden Familien derzeit vor besonderen Herausforderungen. Die Gefahr häuslicher Gewalt steige dadurch.

Fischbach sprach sich zudem erneut gegen ein generelles Großelternverbot aus. "Wenn Oma und Opa nicht älter als 60 Jahre alt sind und gesund, dann dürfen sie die Enkel selbstverständlich weiterhin sehen." Die Großeltern aus der Betreuung herauszuhalten, sei in diesen Fällen nicht nötig.

Für Kinder sei es wichtig, dass Familien nun eine feste Tagesstruktur beibehalten. Die Kleinen dürften nicht "vor der Glotze geparkt werden", mahnte der Experte. "Eltern sollten nach Möglichkeit die Zeit nutzen, um sich mit ihren Kindern viel zu beschäftigen." Hier liege auch eine Chance in der Corona-Krise: "Die intensive gemeinsame Zeit führt vielleicht zur Wiederentdeckung des Familienlebens."

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