23.09.2018
Gesundheit

Übergewicht: Ärzte fordern Zuckersteuer

Vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten sind die Leidtragenden: Kinderärzte verzeichnen seit Jahren einen Anstieg der Fettleibigkeit. Deshalb fordern sie eine effizientere Präventionspolitik.
Ein Glas Cola deckt bereits die Tageshöchstration Zucker.
Ein Glas Cola deckt bereits die Tageshöchstration Zucker.

Ärzteverbände haben von der Politik entschiedenere Maßnahmen gegen Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen gefordert. Während die Gesamtzahl der Kinder mit ernsten Gewichtsproblemen zuletzt etwa gleich geblieben sei, habe im vergangenen Jahrzehnt die soziale Ungleichheit beim Auftreten von krankhaftem Übergewicht stark zugenommen, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, in Berlin.

Bisherige Präventionskampagnen erreichten nicht die Risikogruppen: bildungsferne und sozioökonomische benachteiligte Familien. Zusammen mit Vertretern der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und der Deutschen Adipositasgesellschaft sprach sich Fischbach unter anderem für eine Besteuerung zuckerhaltiger Getränke aus, wie beispielsweise in Großbritannien und Mexiko.

Jedes sechste Kind ist fettleibig

Aktuell leiden den Angaben zufolge fast jedes sechste Kind zwischen drei und 17 Jahren (15,4 Prozent) in Deutschland an Fettleibigkeit und 5,9 Prozent an krankhafter Fettleibigkeit, sogenannter Adipositas. Als größter Risikofaktor für kindliches Übergewicht gilt eine ungesunde Ernährung.

Die Ärzteverbände plädieren deshalb auch für ein Verbot von zuckerhaltigen Getränken in Kitas und Schulen wie in Belgien und Frankreich sowie für eine Kennzeichnung gesunder Lebensmittel auf der Packungsvorderseite. Vorbild sollte dazu der in Frankreich bereits eingeführte "Nutriscore" sein. Mit dem "Nutriscore" würden Lebensmittel vor allem aufgrund des Gehaltes an Zucker, gesättigtem Fett und Salz mit einem Buchstaben- und Farbcode gekennzeichnet, ähnlich der in Europa gängigen Kennzeichnung des Energieverbrauches bei Elektrogeräten, sagte Berthold Koletzko, Vorsitzender der DGKJ-Ernährungskommission.

Mit Apps das Gewicht kontrollieren

Fischbach riet Verbrauchern dazu, "bis zur allgemeinen Einführung des Nutriscore" eine App wie etwa "Open Food Facts" auf das Mobiltelefon zu laden. Damit könne im Supermarkt der Barcode der Produkte gescannt werden, um die jeweilige Bewertung durch "Nutriscore" zu erhalten. Die Ärzteverbände schätzen gesellschaftliche Folgekosten von 393 Milliarden Euro über die gesamte Lebenszeit der heute übergewichtigen Kinder.

Zentraler Risikofaktor sei der Bildungsstatus der Eltern, erklärte Fischbach. Ein fehlender Bildungsabschluss der Eltern erhöhe das Adipositas-Risiko bei den Kindern erheblich. Adipositas bei Kindern und Jugendlichen führt zu stark erhöhten lebenslangen Krankheitsrisiken, wie etwa Zuckerkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall und einige Krebsarten. Außerdem sinke die Lebenserwartung. Bisherige Präventions- und Informationsangebote würden vor allem bildungsnahe Familien und die Mittelschicht erreichen. Weiter sprechen sich die Ärzteorganisationen für eine konsequente Beschränkung von Lebensmittelwerbung, die an Kinder gerichtet ist.

Kinder trinken einen halben Liter zuckerhaltige Getränke am Tag

So liegt bei 11- bis 13-jährigen Jungs der tägliche Konsum von zuckerhaltigen Getränken bei fast einem halben Liter (450 ml). Susanna Wiegand von der Deutschen Adipositas Gesellschaft betonte, viele wissenschaftliche Studien belegten, dass regelmäßiger Verzehr von zuckerhaltigen Getränken ein starker eigener Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas sei. "Kinder sollten lernen, Wasser zu trinken, um ihre Gesundheit zu schützen", sagte Wiegand.

Koletzko forderte von der Politik konsequente Maßnahmen. "Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun", sagte Koletzko. Zugleich kündigten die Verbände ihre Mitarbeit in der vor gut einem Jahrzehnt gegründeten "Plattform Ernährung und Bewegung (PEB)". Zur Begründung sagte Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, "die überwiegende Mehrzahl der PEB-Mitglieder kommt aus der Lebensmittelwirtschaft und blockiert die dringend notwendige Diskussion über zielführende Maßnahmen zum Schutz der Kindern vor zu viel ungesunden Lebensmitteln".

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