11.05.2019
Rummelsberger Diakonie

Wie das Nürnberger Mutter-und-Kind-Haus alleinerziehenden Frauen in Not hilft

Seit 20 Jahren können Alleinerziehende und von Wohnungsnot bedrohte Frauen mit Kindern im Mutter-Kind-Haus in Nürnberg unterkommen. Für sie ist das Haus oft der letzte Rettungsanker - wie das Beispiel dieser Mutter mit fünf Kindern zeigt.
Kinder auf dem Spielplatz

Veronika Horyna sitzt im Büro der Einrichtung. Sie ist sprachgewandt, lacht viel und herzlich. Die 44-Jährige hat das Schlimmste hinter sich. Vor sieben Jahren aber wusste sie sich nicht mehr zu helfen. Die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern war arbeitslos, in ihrer Wohnung waren die Wände verschimmelt. Die gelernte Friseurin hatte Angst, dass ihr das Jugendamt die Kinder wegnehmen könnte. Eine aussichtlose Situation, in der sie sich an das Haus Mutter-und-Kind wandte.

Hilfe in der größten Not - dafür steht das Haus. Amely Weiß, die Dienststellenleiterin, betreut mit einer zweiten Sozialpädagogin 30 Frauen, die in der Einrichtung leben. "Wir sind nicht das typische Mutter-Kind-Haus. Wir sind eine besondere Einrichtung für alleinerziehende Frauen, die von Wohnungsnot bedroht sind", erklärt sie. Es gibt einen Kindergarten und eine Krippe, in denen die Kinder der Mütter bevorzugt einen Platz bekommen.

Alleinerziehende Frauen finden Unterstützung im Nürnberger Mutter-Kind-Haus

Die Einrichtung der Rummelsberger Diakonie beherbergt 30 Wohnungen. Das Haus gehört dem Evangelischen Siedlungswerk (ESW). Es vermietet die Wohnungen an die Frauen. Weiß hat im Laufe der Jahre viele Frauen betreut, die Schlimmes erlebt haben. Viele der hier lebenden Mütter kommen direkt vom Frauenhaus in die Einrichtung. "Sie waren von Gewalt bedroht, haben Trennungen hinter sich, können ihre Miete nicht bezahlen und haben kein Geld, um ihre Kinder zu versorgen", sagt die Dienststellenleiterin.

Immer wieder berichten Frauen laut Weiß auch von ihrem Ex-Mann, der eigentlich gut verdient, sich aber dennoch weigert, Unterhalt zu bezahlen. Fünf Jahre dürfen die Bewohnerinnen in der Einrichtung leben. Innerhalb dieses Zeitraums sollen sie auf ein alleinverantwortliches Leben vorbereitet werden. "Wir wollen, dass die Frauen stabilisiert werden. Sie sollen lernen, ihr schweres Leben mit den Kindern zu meistern", sagt Weiß. 

Hilfe bei Wohnungsbesichtigungen und Finanzplanung

Die beiden Sozialpädagoginnen geben für alle Notlagen Tipps. Zusammen mit den Müttern wird ein Plan aufgestellt. "Wie teile ich mein Geld ein", diese Frage stehe oft im Mittelpunkt der Beratung, sagt Weiß. Sie und Kollegin Sabine Kormann unterstützen bei Briefen und Telefonaten, sie helfen, Anträge für Ämter auszufüllen und finanzielle Unterstützung zu beantragen.

Die Mütter lernen, sich auf eine Arbeitsstelle und um eine Wohnung zu bewerben. Weiß gibt aber auch Tipps für Wohnungsbesichtigungen. Wie ziehe ich meine Kinder an, wie müssen sie sich verhalten? Letztlich gehe es darum, gemeinsam mit den Frauen eine Perspektive für ihr weiteres Leben zu entwickeln, erklärt die Dienststellenleiterin.

Am meisten liegen Weiß die Kinder am Herzen. Sie sollen zur Ruhe kommen können. "Viele wurden mit ihrer Mutter aus der Wohnung geworfen, sie verlieren ihre Freunde, haben viele Brüche hinter sich." 

91 Prozent der Allerziehenden in Bayern sind Frauen

Viele Frauen in Bayern befinden sich in einer ähnlichen Situation: Bayernweit sind rund 16 Prozent der Familien mit Kindern unter 18 Jahren alleinerziehend, dies geht aus den neuesten Zahlen des Landesamtes für Statistik hervor. Insgesamt gibt es in Bayern 383.000 Alleinerziehende, davon sind 91 Prozent Frauen.

Bei etwa der Hälfte der Mütter drückt sich der Vater vor den Zahlungen oder ist selbst mittellos. Die Folge: Zwei Drittel aller Alleinerziehenden mit drei oder mehr Kindern in Bayern sind Hartz IV-Empfänger. Veronika Horyna ging es ganz schlecht. "Ich wusste nicht mehr weiter. Ich musste doch für meine Kinder sorgen. Meinem Sohn lief wegen der verschimmelten Wände Blut aus der Nase", erzählt sie. Die Friseurin erlitt vor Stress zwei Herzinfarkte und ist seitdem arbeitsunfähig.

Frauen dürfen fünf Jahre im Mutter-Kind-Haus wohnen

Hilfe fand sie im Haus-Mutter-und-Kind. Hier lebt sie zwar auch von staatlicher Unterstützung, aber hat ein gepflegtes Dach über dem Kopf. Horyna fühlt sich in der Einrichtung sehr wohl. Eigentlich hätte sie bereits vor zwei Jahren ausziehen müssen, aber trotz der Unterstützung der Sozialpädagoginnen konnte sie bis heute keine eigene Wohnung für sich und ihre fünf Kinder finden.

Bei ihrer Wohnungssuche erfährt die 44-Jährige viel Enttäuschung. "Wenn ich mich am Telefon für eine Wohnungsbesichtigung bewerbe und der Vermieter hört, dass ich fünf Kinder habe, legt er meistens sofort wieder auf." Horyna nimmt die Ablehnung so sehr mit, dass ihr oftmals die Kraft ausgeht. "Ich schaffe es dann für einige Wochen nicht einmal mehr, ins Internet zu sehen", erzählt sie.

Nürnberger Mutter-Kind-Haus gibt es seit 20 Jahren

Vor 20 Jahren wurde das Haus-Mutter-und-Kind eröffnet. Seitdem betreut Sozialpädagogin Sabine Kormann die Hälfte der hier lebenden Frauen. Sie weiß aus den Gesprächen: "Jeder hat hier sein eigenes Drama. In Gesprächen habe ich viel Not, Tränen und Kummer mitbekommen." Viele der Frauen belaste, dass sie ihren Kindern "kein Nest geben können". Innerhalb der fünf Jahre in der Einrichtung seien die Frauen diese Sorge zwar los, aber danach müssen sie in eine eigene Wohnung ziehen.

Dies sei oft nahezu unmöglich. Zwar arbeitet die Einrichtung mit Vermietern des sozialen Wohnungsbaus zusammen. Aber dennoch sei der Vorbehalt gegenüber Alleinerziehenden immens, sagt Kormann. Es helfe deshalb nur eines, die Frauen müssen sich immer wieder bewerben und darauf hoffen, dass "irgendwann jemand zu ihrer Anfrage ja sagt und sie mit ihren Kindern ein neues Leben beginnen können."

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Autor
Eine gute halbe Stunde lang wartet Eva Neuner vor dem Schnellimbiss auf die 14-Jährige, die bei ALMA, der Weißenburger Beratungsstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt angerufen hat und sich mit der Sozialpädagogin treffen wollte. Zwei Stunden später ruft sie dann an und erklärt "Ich war da, wollte Sie aber erst mal aus der Ferne betrachten. Was ich zuhause erlebt habe, kann ich nicht einfach so jemandem anvertrauen."