30.03.2019
Soziales

Frauenhäuser reagieren verhalten auf Drei-Stufen-Plan des Freistaats zum Schutz vor Gewalt

Der Plan klingt erst einmal ehrgeizig: Die Frauenhäuser in Bayern sollen mehr Plätze und mehr Personal bekommen. Zudem soll es ein Programm zur Gewaltprävention geben. Das will die Staatsregierung - doch die Praktiker reagieren bisher eher verhalten.
Gewalt;Frauen

Bayerns Politik will endlich handeln: Mit einem "Drei-Stufen-Plan zum Gewaltschutz und zur Gewaltprävention" sollen Frauen nach häuslicher Gewalt besser unterstützt werden. Frauenministerin Kerstin Schreyer (CSU) möchte unter anderem mehr Plätze in Frauenhäusern schaffen und die Qualität der Einrichtungen verbessern. 24 Millionen Euro sind dafür im Doppelhaushalt 2019/2020 vorgesehen.

"Wir sind froh, dass die Absichtserklärungen nach der Veröffentlichung der Bedarfsanalyse vor zwei Jahren nun etwas konkreter werden", sagt dazu Franziska Boes, Leiterin des Frauenhauses des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Würzburg. Laut der im Februar 2016 veröffentlichten Analyse sind jedes Jahr in Bayern rund 140.000 Frauen von akuter Partnergewalt betroffen. Viele würden gern in ein Frauenhaus fliehen. Doch längst nicht alle finden Platz.

Rund 140.000 Frauen in Bayern von Gewalt durch Partner betroffen

Laut der Analyse können jedes Jahr in Bayern bis zu 2.000 Frauen trotz eines Bedarfs nicht in ein Frauenhaus aufgenommen werden. Auch ist es nicht möglich, sie zeitnah weiterzuverweisen. Ob sich diese Situation künftig verbessern wird, lässt sich laut Boes aus dem Drei-Stufen-Plan derzeit noch nicht herauslesen. Die erste Stufe des Plans griff bereits 2018: Sie sah Sofortmaßnahmen in Höhe von 1,5 Millionen Euro vor, um die drängendste Not in den Frauenhäusern zu beheben.

Das betraf vor allem auch die Kinderbetreuung. Vielen Frauenhäusern wurden zusätzliche Erzieherinnenstunden genehmigt. "Auch wir konnten eine weitere Erzieherin mit 13,65 Stunden einstellen", informiert Boes. Die zweite Stufe, die heuer realisiert werden soll, sieht einen Platz- und Personalausbau in den Frauenhäusern vor, darüber hinaus sollen sie barrierefrei werden. Langfristig will das Ministerium als dritte Stufe ein umfassendes Konzept zum Gewaltschutz und zur Prävention entwickeln.

Frauenhäuser zum Drei-Stufen-Plan: "Uns fehlen Einzelheiten"

Inwieweit der Plan ungesetzt werden kann, liegt laut Sozialministerium nicht zuletzt an den kommunalen Spitzenverbänden. Die müssten dem Konzept noch "verbindlich zustimmen", weil solch ein bedarfsgerechtes Hilfesystem eine vorrangig kommunale Aufgabe sei. Die bereitgestellten Mittel sind für Franziska Boes zumindest ein erster Schritt, um die lange schon ungute Situation zu verbessern. "Wie weit das reicht, kann ich aktuell nicht beurteilen", sagt die SkF-Mitarbeiterin.

Überhaupt kenne sie keine konkreten Schritte zur Umsetzung des Drei-Stufen-Plans. Das geht nicht nur ihr so. "Auch uns fehlen Einzelheiten", sagt Christine Wittmann vom Autonomen Frauenhaus in Erlangen. In Fürth steht man ebenfalls noch vor vielen offenen Fragen. "Wir wissen nicht, wie viel Geld uns zur Verfügung stehen wird, um das Konzept umzusetzen, welches Zeitfenster wir haben und wann wir mit der Planung beginnen können", erklärt Kirsten Ghosh, pädagogische Leiterin des Frauenhauses.

Der Plan wird mit Sicherheit für mehr Qualität sorgen, meint Gabriele Unverdorben, Leiterin des Caritas-Frauenhauses in Landshut: "Doch er war nicht notwendig." Durch die Studie zur Bedarfsermittlung sei ja klar gewesen, wo dringend gehandelt werden müsse: "Der Drei-Stufen-Plan hat unserer Meinung nach das Ganze nur verzögert."

Mehr Plätze und Personal in Frauenhäusern nötig

In Landshut, wo es zwei Frauenhäuser der Caritas und der AWO mit jeweils fünf Plätzen für Frauen und sieben für Kinder gibt, wartet man seit langem auf Verbesserungen. "Aus Platzmangel nehmen wir seit Jahren mehr Frauen auf, als wir Plätze haben", schildert Unverdorben. 47 Frauen lebten 2018 in den beiden Landshuter Frauenhäusern. Sie brachten 57 Kinder mit. Im Laufe des Jahres fragten insgesamt über 300 Frauen an, ob ein Platz in einem der beiden Häuser frei wäre.

Das, was ihrer Mutter angetan wurde, belastet die Kinder oft stark. "Die Aufarbeitung der Gewalt bei den Kindern und die dazugehörige Unterstützung der Mütter in ihrer Elternrolle erfordert ein hohes Maß an Wissen und Kompetenz", unterstreicht Kirsten Ghosh aus Fürth. Sie plädiert deshalb für den Einsatz von Sozialpädagoginnen bei der Kinderbetreuung im Frauenhaus.

In Landshut erhofft man sich vom Drei-Stufen-Plan Mittel, um bereits etablierte Präventionsangebote ausbauen zu können. Die zielen vor allem darauf ab, Multiplikatoren zu gewinnen, die das Hilfesystem bei häuslicher Gewalt kennen. Zudem wird für die Problematik sensibilisiert. "Frauen sollen ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und häusliche Gewalt früh erkennen", erläutert Gabriele Unverdorben. Ein flächendeckender Ausbau der Präventionsarbeit sei nur mit mehr Personal möglich.

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Autor
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