Duisburg wurde nach Ende des Ersten Weltkrieges von Frankreich besetzt. Französische Soldaten standen in der Stadt, um Forderungen aus dem Versailler Vertrag geltend zu machen. Die an Stahl und Kohle reiche Stadt leistete Widerstand, es kam zu Verhaftungen und Toten. Heute erinnert daran nicht mehr viel. Schon dafür hat sich die Lektüre von "63 Orte der deutsch-französischen Geschichte" gelohnt.
Geschichte, die beinahe verschwunden ist
In dem Sammelband geht es natürlich auch um das Schloss Versailles, die Schlachtfelder von Verdun, das Konzentrationslager Buchenwald, den Élysée-Palast oder das Europäische Parlament in Straßburg. Die Herausgeber Tobias Bütow, Corine Defrance und Ulrich Pfeil suchen aber erfreulicherweise auch dort, wo die Geschichte zweier "Erzfeinde" beinahe verschwunden ist. Das sind Städte und Dörfer, Friedhöfe, Gebäude, aber auch Stadien und Hotels.
Zeitlich beginnt das Buch mit dem Krieg von 1870/71. Dabei führt es durch die beiden Weltkriege, Besatzung und Verfolgung, die schwierigen Jahre danach und schließlich zur Aussöhnung und europäischen Zusammenarbeit. Die 63 wurde gewählt, weil 1963 Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag unterzeichneten. 63 Jahre später erscheinen nun 63 Orte.
Straßburg als Beispiel
Besonders gern habe ich das Kapitel über Straßburg gelesen. Die Stadt kennt jeder, der sich ein wenig mit Europa beschäftigt. Aber gerade an ihr lässt sich zeigen, wie schwer Geschichte in nationale Schubladen passt. Straßburg war französisch, deutsch und wieder französisch. Herrschaft und Sprache wechselten, hinterließen ihre Spuren, wurden nur langsam kritisch aufgearbeitet. Heute befinden sich dort das Europäische Parlament, der Europarat und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Sie ist ein Symbol für Versöhnung.
Dabei erfahren wir in jedem Kapitel auch, wie es um die Aufarbeitung bestellt ist. Gibt es ein Denkmal? Eine Tafel? Ein Museum? Wie wird an das Geschehene erinnert? Manchmal lautet die Antwort: kaum. Einige Orte, die für das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich eine Rolle gespielt haben, sind fast vergessen. Diese zweite Ebene hat mich genauso interessiert wie das historische Ereignis. Damit wird deutsch-französische Geschichte nicht einfach als Erfolgsgeschichte erzählt, sondern als kritische Reflexion.
Eine Geschichte zum Entdecken
Darüber hinaus ist die multimediale Ergänzung bemerkenswert. Zu den 63 Beiträgen gibt es QR-Codes, über die Lesende zur französischen Fassung und zur digitalen Plattform "Cartorik" gelangen. Auf einer Karte können die Schauplätze gefunden werden, und man kann sich weiter durch ihre Geschichten bewegen.
Und auch sonst lädt der Band zum Herumspringen ein. Dafür sorgen die unterschiedlichen Autorinnen und Autoren der 63 Kapitel. Corine Defrance ist Historikerin und Forschungsdirektorin beim französischen CNRS, Ulrich Pfeil lehrt Deutschlandstudien an der Université de Lorraine. Tobias Bütow ist Historiker und Politikwissenschaftler sowie Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Trotzdem ist der Band kein Werk ausschließlich für Historiker, sondern unterhaltsam und spannend. "63 Orte der deutsch-französischen Geschichte" zeigt, wie vielfältig Geschichte ist, wie sie weiterlebt und wie aus Feinden Freunde werden können.
Tobias Bütow, Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hg.) (2026): 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute. Verlag: Herder, Freiburg im Breisgau, 336 Seiten, 23 Euro.
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