Der frühere Sportjournalist und Autor Marcel Friederich (37) lebt seit seiner Geburt mit dem Möbius-Syndrom, einer seltenen neurologischen Erkrankung. In seiner linken Gesichtshälfte fehlen die Nerven, sodass sich das Auge nicht komplett schließt und auch der Mundwinkel nicht mitbewegt - auch beim Lachen. So entstehe ein "schräger Gesichtsausdruck", wie Friederich im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagt.
Lange Jahre habe er sich deshalb minderwertig gefühlt und geglaubt, mehr leisten zu müssen als andere Menschen. Doch dann kam der Wendepunkt in Friederichs Leben: Der Leiter der Kommunikation bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL), der auch schon bei Schalke 04 und bei RB Leipzig angestellt war, stieg Ende 2024 aus dem Journalismus aus und widmete sich seiner Krankheit und dem Anderssein. Sein Buch "Mutmacher-Menschen: Schräg. Stark. Außergewöhnlich" soll ein Vorbild für andere sein, aber auch in die Gesellschaft hineinwirken: für mehr Verständnis, Respekt und Offenheit.
Herr Friederich, an welche kuriosen Reaktionen auf Ihr Aussehen erinnern Sie sich?
Marcel Friederich: Als ich als Journalist die ersten Interviews mit Sportlern vor der Kamera gemacht habe, meinte ein ehemaliger Kollege zu mir, dass ich auf viele Zuschauer wie "Quasimodo" wirken könnte. Das war heftig. Heute bin ich froh darum, weil ich nicht so sehr reflektiert hatte, wie ich auf andere wirke. Das war wirklich ein Schocker.
"Das Gute aber ist, dass ich jetzt mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein und einer Prise Humor an die Sache herangehen kann."
Mit welcher Art von Humor haben Sie auf die Beeinträchtigung reagiert?
Ich habe mir zum Beispiel von einer Grafikerin extra ein schräges Smiley-Emoji kreieren lassen, was jetzt auch zum Logo meiner Initiative wurde, um zu zeigen: Es ist eben nicht alles perfekt im Leben. Und mit ein bisschen Humor und Selbstironie geht es leichter im Leben.
Was antworten Sie, wenn Sie auf Ihr schräges Gesicht angesprochen werden - zum Beispiel von Kindern?
Wenn mich früher jemand auf mein schräges Gesicht angesprochen hat, waren Schweißausbrüche und gestammelte Erklärungsversuche das Ergebnis. Heute zücke ich bei Kindern meinen Sticker mit dem schrägen Smiley. Das ist das Allerschönste für mich, wenn man mit Groß und Klein ins Gespräch kommt, weil sich dadurch Verständnis entwickelt.
Sie haben eine beachtliche Karriere als Sportjournalist hingelegt. Wie sind Sie von einer vermeintlichen Schwäche in die Stärke gekommen?
Von Kind an dachte ich, ich sei wegen meines schrägen Gesichtes weniger wert. In der Konsequenz bedeutete das, ich musste mehr tun als andere. Deshalb war ich in der Schule sehr fleißig und habe besonders viel Selbstvertrauen aus meiner Arbeit bezogen. Zunächst als Praktikant in der Sportredaktion mit 14, 15 Jahren, als ich meine ersten Artikel über Lokalspiele geschrieben habe. Das war für mich ein Riesen-Vertrauensschub. So bin ich meinen Mutmacherweg als Journalist gegangen.
"Irgendwann merkte ich, das ist auch ein Stück Kompensation, weil ich immer wieder dieses Gefühl des Weniger-wert-Seins hatte."
Daraus resultierte auch ein ungesunder Lebensstil, weil ich Jobs schnell gewechselt habe und nie länger als drei Jahre bei einem Arbeitgeber war.
Was hat die Veränderung bewirkt?
Das war vor fünf Jahren, als ich einen Job bei der Dachorganisation der Fußballbundesliga als Kommunikationsleiter bekommen habe. Das war für mich das gefühlte Nonplusultra: Was sollte danach noch groß kommen? Ich bin damals auch in meine Heimatregion Mainz zurückgekehrt, nach Jahren in anderen Städten. Und ich lernte in dieser Phase meine jetzige Frau kennen.
Das Thema Partnerin hatte ich bis dahin verschämt vor mir hergetragen, weil ich dachte, mit meinem Aussehen nicht der allerattraktivste Mensch für gut aussehende Frauen zu sein. Heute denke ich: Du bist mit dieser großartigen Frau zusammen, hast diesen tollen Job und bist wieder in deiner Heimat.
"Vielleicht ist es an der Zeit, nicht immer nur zu kompensieren, sondern sich um sich selbst zu kümmern."
In Ihrem Buch haben Sie Gespräche mit Menschen geführt, die ebenfalls vermeintlich anders sind. Was waren bei ihnen die entscheidenden Momente, die aus dem Anderssein eine Stärke werden ließen?
Es gibt keinen klassischen Weg, wie Menschen mit ihren Hürden, Herausforderungen oder Lebenstexten umgehen. Das ist sehr individuell, man kann niemals eine Schablone anlegen. Deshalb wollte ich die Wege von so unterschiedlichen Menschen erfahren. Alle haben so verschiedene Hebel gefunden.
Wie war es bei Thomas Hitzlsperger, der sich als Fußballprofi offen zu seiner Homosexualität bekannte?
Thomas Hitzlsperger berichtete mir, dass er sehr viele Artikel gelesen hat auf der englischen Plattform "It gets better", wo homosexuelle Menschen über ihr Coming-out sprechen und Erfahrungen teilen. Das Gefühl, nicht allein zu sein, habe ihn ermutigt. Er hat sich sehr viel mit den Geschichten anderer Menschen beschäftigt, die diesen Weg schon vor ihm gegangen sind.
Bei Kathi Korn, eine Frau mit zehn chronischen Erkrankungen, die mehrmals die Schule gewechselt hat, weil sie schwer gemobbt wurde, ein Lipödem hatte und sehr rundlich war, landete auf einer Sportschule und betrieb ihr Lieblingshobby Tischtennis dort immer intensiver. Mit einem Mal war sie nicht mehr rund und krank für andere, sondern einfach die Tischtennisspielerin. Sie hat ihr Hobby zu ihrer großen Mutmacherkraft entwickelt.
Sie stellen auch den Rollstuhl-Basketballer Tommy Böhme vor.
Er hat schon als Kind davon geträumt, Profisportler zu werden. Anfangs wollte er noch Fußballer werden, als er noch minimal laufen konnte, erkannte aber, dass es mit den wackeligen Beinen wohl kein Profifußball werden würde. Er fand aber Rollstuhl-Basketball für sich. Ihm hat dieser Traum enorm geholfen. Bei meinen Schulworkshops sage ich immer: Habt den Mut, Träume zuzulassen - das hilft.
Wie Anderssein wahrgenommen wird, hängt immer auch vom gesellschaftspolitischen Klima ab. Inwieweit wird momentan Anderssein als Stärke, gleichwertig und normal angesehen?
Grundsätzlich haben wir uns als Gesellschaft weiterentwickelt. Vor 85 Jahren, als die Nazis das Sagen hatten, wurden andersartige Menschen getötet. Zugleich mache ich mir aber Sorgen, dass immer mehr Menschen vom Alltag überfordert sind, durch Kriege und Krisen in der Welt, durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Da ist die Gefahr groß, dass die Leute mehr mit Scheuklappen und Ellbogen durch die Welt gehen.
"Diese Ellbogen treffen schnell Menschen, die vielleicht anders sind."
Sie gründen demnächst den Verein Mutmacher-Pioniere, der auch gesellschaftspolitisch wirken soll.
Menschen sollten ermutigt werden, Gesprächsräume einzugehen, Dinge anzusprechen, die eher im Verborgenen bleiben: Gefühle, Sorgen, Ängste, nicht in sich hineinzufressen, sondern sich gegenseitig zu stärken. Genau hier setzt der in Gründung befindliche Verein an: Wir werden Workshops an Schulen organisieren und Rollstuhl-Basketball anbieten, um einen Perspektivwechsel zu ermöglichen. So fördern wir gegenseitiges Verständnis bei jungen Menschen - und erzeugen eine nachhaltig positive und ermutigende Wirkung.
Wenn Menschen Ihnen das erste Mal begegnen, welche Reaktion wünschen Sie sich?
Am besten mit Offenheit und einem Lächeln im Gesicht. Es gibt häufig Situationen im Leben, in denen es kein "richtig" und "falsch" gibt. Soll man einem Rollstuhlfahrer die Tür aufhalten oder nicht? Ein einziges Lächeln kann das Eis brechen, weil wir dadurch viel lockerer ins Gespräch kommen und viel unverkrampfter eine Frage stellen können: Kann ich dir irgendwie helfen? Soll ich dir die Tür aufhalten? Da hilft als Brückenbauer - ein Lächeln.