Es hat 30 Grad im Schatten. Ich sitze mit einem Freund im Freibad, der Nudelsalat in der Tupperdose steht zwischen uns auf den Handtüchern. Nur ein paar Meter entfernt liegt ein Mädchen allein auf der Wiese. Ihr Anblick erinnert mich an mich selbst – an die Zeit kurz nach dem Abi, und damit an eine Phase voller Leere und Schwermut.
Ein paar Monate zuvor hatte ich durch Klatsch und Tratsch den Anschluss an meine Freundinnen verloren und verbrachte das letzte halbe Jahr an der Schule weitgehend allein.
Was sich im Winter noch mit heißer Schokolade und Netflix ertragen ließ, wurde im Sommer zunehmend schwieriger. Wer will schon allein zu Hause sitzen, wenn draußen alle anderen verabredet sind und lachend in der Sonne liegen?
Einsamkeit in Zahlen
2022 fühlten sich – je nach Studie – zwischen 12 und 16 Prozent der Menschen in Deutschland meist oder dauerhaft einsam. In anderen Ländern sieht es noch düsterer aus: Irland liegt mit über 18 Prozent an der Spitze.
Zur Erinnerung: 2022 – das war schon zwei Jahre nach Beginn der Pandemie, einer Zeit also, in der Lockdowns und Kontaktbeschränkungen Einsamkeit und Isolation eine ganz neue Dimension gegeben hatten.
Auch wenn die Zahlen nach Corona wieder etwas zurückgegangen sind, steigt die generelle Tendenz zur Einsamkeit seit Jahren. Großbritannien hat darauf schon 2018 reagiert – mit der Einführung eines eigenen Ministeriums gegen Einsamkeit.
Bin ich einsam? Was das eigentlich bedeutet – und wen es besonders trifft
Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein. Im Gegensatz zu letzterem, das einen physischen, momentanen Zustand beschreibt, der auch gut und gerne freiwillig gewählt sein kann, beschreibt ersteres eine längerfristige soziale Isolation.
Einsame Menschen nehmen weniger am gesellschaftlichen Leben Teil, sind seltener eingebunden in intensive zwischenmenschliche Beziehungen und haben nicht zuletzt auch weniger Vertrauen in politische Institutionen.
Das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung zeigt: Bestimmte Gruppen sind besonders gefährdet. Menschen ohne Partner*in, ältere Menschen, Arbeitslose, Menschen mit Behinderungen oder mit Fluchterfahrung erleben deutlich häufiger Einsamkeit.
Einsamkeit als philosophische Herausforderung
Auch in der Philosophie hat Einsamkeit einen festen Platz. Der Podcast "sapere audio – Philosophie für alle" widmet sich dem Thema in einer eigenen Folge – und bei einem Live-Abend im Café Luitpold in München. Ich kenne das bildungsbürgerliche Flair solcher Veranstaltungen – und die drei Podcaster, die da irgendwie nicht so recht reinpassen in das Café mit Palmen und Silberbesteck.
Mit Aristoteles, erklären die Podcaster, können vor allem Zusammenhänge von Einsamkeit und Politik erklärt werden, tröstende Gedanken für den Alltag kommen von den beiden Existenzphilosophen Kierkegaard und Jaspers. Letzterer spricht von einem Willen zur Einsamkeit und der Bereitschaft, ein so erdrückendes Gefühl mit Geduld zu ertragen, um unsere Existenz zu erkennen.
Was vielleicht erstmal verwirrend klingt, meint vor allem: Einsamkeit kann als Voraussetzung für Selbstbesinnung und Selbstreflexion dienen. Und von diesem sich Kennenlernen ohne den Einfluss und die Weisung anderer, verspricht Kierkegaard sich eine innere Ausgeglichenheit und Freiheit.
Am See mit Jaspers und Kierkegaard
Dieser Impuls klingt für mich vielversprechend: Einsamkeit nicht als Defizit, sondern als Chance nutzen, sich selbst kennenzulernen, statt sich in den Sozialen Medien in immer mehr in FOMO (fear of missing out) hineinzusteigern. Inneren Frieden schaffen statt eines vollen Terminkalenders, Selbstreflexion statt negativem Gedankenkarussell.
Tatsächlich habe ich das in jenem einsamen Sommer nach dem Abi schon intuitiv getan – ohne Jaspers zu kennen. Ich schrieb Tagebuch, malte mir Lebensentwürfe auf, formulierte Affirmationen.
Selbstbesinnung muss aber nicht zwingend mit Stift und Papier geschehen. Auch beim Sport, bei einer Andacht oder einfach draußen in der Natur können wir uns über uns selbst nachdenken.
Warum also nicht mal das Handy zu Hause lassen – und mit Kierkegaard und Jaspers im Kopf an den See radeln?