Symbole spielen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Um einige wird Kulturkampf geführt. Intensität: variierend.

Die Weigerung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die Regenbogenflagge während der Veranstaltungen rund um den Christopher Street Day auf dem Reichstagsgebäude wehen zu lassen, wurde vielerorts kritisiert. Ihre Erklärung, die schwarz-rot-goldene Fahne repräsentiere "alles, wofür unser Grundgesetz steht: Freiheit, Menschenwürde – und eben auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung", reichte zahlreichen Menschen nicht aus.

Viele Menschen fühlen sich von der Regenbogenflagge provoziert

Viele fühlen sich von der Flagge provoziert, die eigentlich als ein Symbol zum Schutz von Homosexuellen vor Anfeindungen entstanden ist. Manchem ist sie überpräsent. Vielleicht auch, weil einige Propagierer auf ihren Aushang vehement pochen. Dazu kommt, dass queere Hardliner mit der Regenbogenfahne die Auflösung jeglicher Geschlechtsidentitäten vorantreiben wollen. 

Diese Ansichten sind von der Meinungsfreiheit ebenso gedeckt wie die der Kritiker. In der öffentlichen Debatte fühlen diese sich jedoch stigmatisiert. Schon bei leisem Zweifel steht der Vorwurf der Homophobie im Raum. Auch Schwule und Lesben, die sich klar als Frau oder Mann definieren, sehen die Fahne nicht als einigendes Symbol, sondern als eines, für das Zustimmung vorausgesetzt wird. Wer nicht beim CSD mittanzt, macht sich verdächtig.

Schon seit 2000 Jahren provoziert dagegen ein anderes Symbol die Menschen: das Kreuz Jesu. Für die einen Ausdruck der mutigen Hoffnung auf Vergebung der Sünden und die Auferstehung. 

Echo zum Kreuz-Urteil eher verhalten

Zwei konfessionslose bayerische Schülerinnen empfanden es aber zumindest als übergriffig und klagten dagegen, dass während ihrer Schulzeit ein Kruzifix im Eingangsbereich eines staatlichen Gymnasiums hing. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entschied, dies habe die Glaubensfreiheit der Schülerinnen verletzt. Die beiden haben mittlerweile ihr Abitur gemacht und sind nicht mehr an der Schule.

Das Echo des Gerichtsurteils hallte diesmal nicht wochenlang in den Gazetten und den Talk-Shows nach, wie das noch bei der Regenbogenfahne der Fall war. Und selbst die berufsmäßigen Befürworter des Kruzifix blieben eher kleinlaut. 

Kreuz als Ausdruck des Trostes, der Liebe und der Erlösung

Der evangelische Landesbischof Christian Kopp betonte zwar, das Kreuz sei mehr als nur ein religiöses Symbol, sondern "Ausdruck des Trostes, der Liebe und der Erlösung", räumte aber ein, dass staatliche Schulen weltanschaulich neutral sein sollten. 

Der Bamberger Erzbischof Herwig Gössl dagegen benannte immerhin "Interessengruppen, die gegen das Kreuz in den Kampf ziehen" und mahnte, dass es in der Gesellschaft nicht mehr, sondern weniger Toleranz und Menschlichkeit gebe, wenn das Kreuz aus der Öffentlichkeit ganz verbannt werde.

Kommentare

Florian Meier am Mi, 23.07.2025 - 09:13 Link

Weltanschauliche Neutralität gibt es nicht. Unser Staat stellt Mord und Hilfeleistung bei einem Unfall nicht als beliebige, gleichwertige Handlungen von Menschen dar sondern wertet das Lebensrecht klar höher als Gewalt oder Gier. Die Grundlage dieser Wertung ist allerdings breiter als die christliche Tradition und steht manchmal dazu sogar in einem Spannungsverhältnis: Siehe Streit um §218, Sonntagsarbeit, Flüchtlingspolitik usw.. Das kommt daher, weil Deutschland geprägt ist durch einen langen Machtdualismus (Kaiser-Papst), sowohl durch die französische Revolution (Vorstellung der Freiheit, Bürgerrechte auch gegen die Kirche) als auch durch konfessionellen Pluralismus (es gibt für das Christentum spätestens seit etwa 1525 keine höchste Autorität mehr, oft aber eine enge Verbindung von regionalem weltlichen Herrscherhaus und Konfession) und die Erfahrungen der Pogrome unter teilweise kirchlicher Billigung bis hin zur Schoaeskalation und Weltkrieg. Der deutsche Weg, dass Kirchen zwar staatlich hofiert, aber nicht weltanschaulich in der Alleinstellung sind, ist deswegen keineswegs Naturgesetz sondern historisch gewachsen, von Frankreich klar verschieden, aber doch säkular. Die weitere Verbreitung des religiösen Spektrums in der 2. Hälfte des 20. Jh und den letzten Jahren kann durch ein "weiter so" nicht beantwortet werden und so sind diverse Kruzifixentscheide nur folgerichtig anderes (Neuordnung des Religionsunterrichts in einer religiös viel aufgesplitteteren Gesellschaft) steht noch aus, wenngleich der deutsche Staat nie laizistisch wie Frankreich war und es vielleicht auch nicht wird (was durchaus nicht nur negative Seiten hat). Die Regenbogenfahne wurde durch Aktivismus eben weiter gefasst als nur als inklusives Symbol. Insbesondere die neueste Version inkludiert auch postkoloniale Erzählungen (die partiell ahistorisch sind) und wird wie richtig kommentiert auch mit fragwürdigen postmodernen Ideen eines rein sozial konstruierten Geschlechts verknüpft, was aus biologischer Sicht ziemlicher Unsinn ist, wobei antirassistische Bemühungen genauso wie die Anerkennung homosexueller Orientierung und von der Biologie abweichender Geschlechtsidentitäten durchaus im Sinne der Verfassung und damit beflaggungswürdig sind. Die Regenbogenfahne ist somit wie die Fahne des DGB oder einer Partei eben kein neutrales irgendwie alle meinendes, sondern ein stark politisiertes Symbol und der Widerstand gegen eine Dauerpräsenz deshalb wenig verwunderlich. Dabei packen allerdings diverse homophobe oder rassistische Gruppen die Gelegenheit beim Schopf um ein breiteres Unbehagen mit der Gesamtbedeutung gleich in ein Zurückdrängen auch der Erinnerung an homosexuelle Emanzipation selbst am Gedenkdatum durchzudrücken und die Parlamentschefin macht dankbar mit. Dabei ist es sehr fragwürdig, dass das mehrheitsfähig ist (und im Sinne des GG ist es auch nur bedingt). Die Nationalflagge ist zwar das offizielle Symbol der Republik und "meint" damit alle Bürger, aufgrund der besonderen deutschen Geschichte gibt es allerdings viele, die mit dieser Symbolik zwar nicht auf kriegsfuß stehen aber hadern: Sie trägt nur bedingt dem neben der nationalen Einigung auch ausgeprägten Regionalpatriotismus Rechnung, sie wurde auch als Triumpf über den Kommunismus und gegen die Idee eines anderen Deutschland 1990 geschwenkt, sie ist parteiisch in der in Deutschland immer präsenten Auseinandersetzung zwischen nationaler Einheit und Kosmopolitismus: Die deutsche Sprache war immer über mehrere Länder verteilt, die bis heute nicht einheitlich sind, die älteste Universität steht in Tschechien, deutsche Geistesgrößen waren aufgrund der vielen Nachbarn nie isoliert von anderen Völkern und nicht zufällig ist das Land EU affin bei allen Gegenbewegungen, der Geist wurde spätestens 1933 zum Ungeist und steht seither von außen wie von innen zurecht unter Beobachtung. Die Idee einer deutschen Nation ist historisch zugleich logisch, konstitutionell verankert und völlig absurd. Die Haßliebe zur Fahne ist verwirrend aber erklärlich. Vielleicht brauchen wir eine neue: Schwarz-Rot-Gold mit ein paar bunten Tupfern und Europasternderln, bayrische Rauten, sächsischem Grün, Löwen, Bremer Stadtmusikanten und preußischem Adler mit etwas zerrupften Gefieder - dem "preußischen Ikarus". Für solches fehlt aber momentan der Raum und die Zeit.