Der Orleansplatz gegenüber dem Münchner Ostbahnhof wirkt an diesem Morgen wie eine Bühne, die auf ihren Auftritt wartet. Es ist neun Uhr, die Sonne scheint, und während Jugendliche Plakate beschriften und in Kleingruppen zusammenstehen, umzingeln sieben Polizeifahrzeuge den Platz wie eine Wagenburg. Die Atmosphäre ist friedlich, doch die Präsenz der Beamten sendet eine unmissverständliche Botschaft. Es ist der 5. März 2026, drei Monate nachdem das neue Wehrdienstgesetz in Kraft getreten ist, und die Initiative "Schulstreik gegen die Wehrpflicht” hat zu einer Kundgebung mit anschließender Demonstration aufgerufen.
Leonie, 26, Pressesprecherin des Bündnisses "Nein zur Wehrpflicht”, steht zwischen den Jugendlichen und wirkt trotz des Polizeiaufgebots entspannt. Beim letzten Streik am 5. Dezember seien es bundesweit 55.000 gewesen, hier in München 2.500, sagt sie und fügt hinzu: "Ich hoffe, heute wird es genauso viel, aber ob es mehr werden, zeigt sich erst, wenn wir losgehen." Das Polizeiaufgebot kommentiert sie mit leichtem Sarkasmus. "Anscheinend sind 16-Jährige mit Pappschildern so gefährlich, dass sieben Polizeiautos nötig sind."
KVR: Versammlungsfreiheit wichtiger als Schulpflicht
Paul (19) sitzt im Organisationskomitee und kennt die Schulrealität aus nächster Nähe. An seiner Fachoberschule sei Streiken relativ unkompliziert, aber "wir haben Schüler im Komitee, die am Streiktag von ihren Schulen eingesperrt werden. Die Lehrer machen die Tore zu." Zwar habe das Kreisverwaltungsreferat entschieden, dass das Recht auf Versammlungsfreiheit höher wiegt als die Schulpflicht, doch diese Entscheidung scheint in vielen Schulen nicht angekommen zu sein. Paul lässt sich davon nicht abhalten, denn das Thema ist für ihn wichtiger als Schuldisziplinarmaßnahmen: "Ich bin gegen die Kriegsvorbereitungen dieser Regierung, gegen die Aufrüstung und gegen die Kürzungen im Sozialen."
Wie geplant beginnt die Kundgebung um 11 Uhr auf dem Orleansplatz. Die Menschenmenge ist gewachsen: Mehrere hundert Jugendliche – laut Polizei 600 – stehen nun auf dem Platz. Als der Demonstrationszug Richtung Gärtnerplatz aufbricht, kommt es laut der Bundestagsabgeordneten Nicole Gohlke (Die Linke) zu einer Festnahme. Ein Schüler, der ein Schild mit der Aufschrift "Merz, stirb doch selbst an der Ostfront" trug, sei von Polizeibeamten festgenommen worden.
Veranstalter:innen ziehen positive Bilanz
Pressesprecherin Leonie bestätigt den Vorfall später gegenüber unserer Redaktion. "Sie sind in die Menge rein und haben ihn rausgezogen”, berichtet sie. Der Schüler habe sich auf den Boden fallen lassen und sei schließlich "rausgetragen" worden. Offenbar werde ihm "Beleidigung" vorgeworfen.
Sie zieht am Ende des Tages trotzdem eine positive Bilanz. In München seien am Ende "über 1.200 Streikende” auf der Straße gewesen – weniger als beim bundesweiten Auftakt im Dezember, aber aus ihrer Sicht dennoch ein Erfolg. Die Stimmung sei "sehr kämpferisch" gewesen. Viele Jugendliche hätten Parolen gerufen, etwa: "Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft" oder "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft raubt".
Es sind Slogans, die auf Demonstrationen dieser Art zuverlässig funktionieren: moralisch eindeutig, rhythmisch einprägsam und politisch so weit gefasst, dass sich vieles darunter einordnen lässt. Für Leonie ist die Stoßrichtung dennoch klar. Der Protest richte sich gegen eine Politik der Aufrüstung und gegen ein Gesetz, das junge Menschen zur militärischen Dienstleistung verpflichten könnte.
Wehrpflichtsreform seit Januar
Hintergrund der Proteste ist die seit Januar geltende Reform des Wehrdienstes. Demnach erhalten alle 18-Jährigen künftig einen Fragebogen zur möglichen Verwendung bei der Bundeswehr. Männer müssen den Fragebogen verpflichtend ausfüllen, Frauen freiwillig. Sollte sich daraus nicht genügend Personal rekrutieren lassen, behält sich die Bundesregierung die Einführung einer sogenannten Bedarfswehrpflicht vor, also eine Rückkehr zur verpflichtenden Einberufung – allerdings nur, wenn Freiwillige nicht ausreichen.
Dass am Ende weniger Menschen kamen als beim ersten Streik im Dezember, erklärt Leonie pragmatisch: Es habe diesmal keinen symbolischen Termin gegeben. Im Dezember war das Gesetz zur neuen Wehrpflicht im Bundestag verabschiedet worden. Bundesweit seien dennoch wieder "mindestens über 50.000" Schüler auf die Straße gegangen. Für sie ist das ein Zeichen, dass sich der Protest eher verbreitert als abschwächt.
Die Aktionen wurden von der Initiative "Schulstreik gegen Wehrpflicht" organisiert, die bereits im Dezember zu Protesten aufgerufen hatte. Damals gingen nach Angaben der Organisatoren bundesweit rund 55.000 Schüler:innen auf die Straße.