Streiks soll man spüren – am besten auf der Seite der Arbeitgeber. Streiken Angestellte des öffentlichen Diensts, wie nun an vielen Orten in Deutschland die Bus-, Tram- und U-Bahn-Fahrer, dann spürt es vor allem die Öffentlichkeit. Und mit voraussagbarer Regelmäßigkeit brechen dann die Debatten aus, "ob es das jetzt wirklich auch noch braucht".
Dass man im vereisten Berlin nicht in der Lage war, die Stromleitungen der Trambahnen vom Eise zu befreien, und einfach den Betrieb vieler Linien einstellte, trägt nicht zum Rückhalt des ÖPNV bei. Dass in der Hauptstadt aus ideologischen Gründen das Streusalzverbot wichtiger war als der Schutz der Oberschenkelhälse von Senioren, verstärkt das Grummeln. Aber dafür können die Trambahnfahrer wenig.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di muss sich dagegen fragen lassen, wie schlau es war, direkt nach den Eiskapriolen in Berlin mit Warnstreiks noch einen draufzusetzen.
Seit 2020 sind die Lebensmittelpreise um fast 40 Prozent gestiegen
Aber an alle, die sich über ausgefallene Busse und Bahnen ärgern: Hier streiken normale Menschen mit kleinen und mittleren Gehältern. Der große Armmacher Inflation verlangt ihnen seit 2020 fast 40 Prozent mehr für Lebensmittel ab. Die krassen Preissteigerungen haben bei den kleinen Leuten die Realeinkommen drastisch schmelzen lassen.
Homeoffice gibt es für sie nicht: Es sind Menschen, die sehr früh aufstehen, hart arbeiten und den Laden am Laufen halten. Teilzeitregelungen können für sie ein wahrer Segen sein, und große Vermögen fallen ihnen durch Erbschaft in der Regel nicht in den Schoß – um zwei weitere gesellschaftliche Debatten zu nennen, bei denen diese Menschen meist nicht im Mittelpunkt stehen.
Wer soll das bezahlen?
Als "Service public" bezeichnen die Schweizer nicht nur den öffentlichen Dienst im engeren Sinn, sondern die Gesamtheit der staatlichen Dienstleistungen für die Allgemeinheit. Pünktlichkeit der Bahn, Sanierungsstau, Behördeneffizienz und und und – für Deutschland sieht da der Vergleich mit den Eidgenossen nicht gut aus. In der Summe ergibt sich das Bild eines Landes im Niedergang.
Dabei haben auch diejenigen recht, die angesichts der Forderungen der Streikenden und einer dauerhaft lahmenden Wirtschaft rufen: "Wer soll das bezahlen"? Das Gegenargument, wir seien "doch eigentlich ein reiches Land", man müsse nur nun endlich entschlossen von oben nach unten umverteilen, ist nicht völlig falsch, aber letztlich auch nur eine Nebelkerze.
Denn: Wer will, dass man diejenigen gut bezahlen kann, die dafür sorgen, dass der Laden läuft, muss zuvorderst dafür sorgen, dass der Laden überhaupt läuft.