Egal, welche Statistik man heranzieht – aus welchem Jahr, welcher Region oder zu welchem spezifischen Delikt gegen Frauen –, eines ist ihnen allen gemein: Der Großteil der Täter*innen ist männlich. 

So ergibt auch die Kriminalstatistik des BKA aus dem Jahr 2024, dass bei Fällen von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff der Anteil männlicher Täter bei 98,9 % liegt, wenn mindestens ein Opfer weiblich war. 

Und die Anzahl dieser Taten steigt laut Statistik in den letzten Jahren kontinuierlich an. Das BKA meldet: "Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschließlich mit Todesfolge stiegen um 9,3 Prozent auf 13.320 Fälle." 

Zur Veranschaulichung: Das bedeutet, solche Fälle kommen in Deutschland alle 39 Minuten bzw. mehr als 36 Mal pro Tag vor. Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass das eine immense Zahl und eindeutig zu viel ist. Ganz abgesehen davon, dass jede einzelne dieser Taten eine zu viel ist.

Nimmt sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Deutschland zu?

Ein Anstieg solcher Delikte um fast 10 Prozent innerhalb eines Jahres klingt dramatisch – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Zahl bereits seit Jahren steigt. 
Heißt das, sexualisierte Gewalt gegen Frauen nimmt in Deutschland immer mehr zu? 

Vielleicht ja. Ein Teil des Anstiegs lässt sich gewiss mit einer tatsächlichen Zunahme der Übergriffe erklären – und das ist alarmierend. Viele behaupten, Feminismus sei überflüssig. Frauen seien längst gleichgestellt, sexistische Witze harmlos – und Frauen würden übertreiben, wenn sie sagen, sie fühlten sich im Wald neben einem Bären sicherer als neben einem Mann. Doch die Realität sieht anders aus: In Deutschland werden täglich mehr als 36 sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen angezeigt. Und das ist nur das Hellfeld – also der offiziell bekannte Teil.

Damit kommen wir zum eigentlichen Thema: dem Dunkelfeld. Gerade bei Sexualdelikten, Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie häuslicher Gewalt ist dieses vermutlich sehr groß. Die polizeiliche Kriminalstatistik bildet lediglich das sogenannte Hellfeld ab – also die Fälle, die bei der Polizei angezeigt wurden. 

"Wie groß das jeweilige Hell- und Dunkelfeld sind, hängt beispielsweise davon ab, wie häufig Delikte angezeigt werden oder welche Schwerpunkte die Polizei bei der Verfolgung von Straftaten setzt", heißt es auf der Seite des BKA. 

Zum Anstieg der Sexualstraftaten gegen Frauen heißt es, dass dieser unter anderem auf eine Verschiebung vom Dunkel- ins Hellfeld zurückzuführen ist. Das bedeutet: Mehr Fälle wurden angezeigt, registriert und verfolgt. So viele wie möglich vom Dunkel- ins Hellfeld zu bringen, ist ein zentrales Ziel der Polizei und essenziell für die Aufklärung und Prävention von Straftaten. 

Ein gutes Zeichen also? 

Wenn es denn wirklich so ist – was man nie mit völliger Sicherheit sagen kann –, dann ja, dann ist es ein gutes Zeichen. Aber wie kommt es zu dieser höheren Bereitschaft, Sexualdelikte anzuzeigen? 

So kritisch man das Internet und soziale Medien oft sehen mag – der Einfluss von Social Media bringt in den letzten Jahren auch eines mit sich: Empowerment. 

Sexualdelikte sind für die Opfer leider häufig mit Scham und Angst verbunden:

  • Was, wenn mir nicht geglaubt wird? 
  • Was, wenn jemand sagt, ich sei selbst schuld – wegen meiner Kleidung oder weil ich zu offen war? 
  • Was, wenn er mich danach hasst oder verfolgt? 
  • Was, wenn andere sich vor mir ekeln? 

Diese und ähnliche Gedanken halten viele Betroffene davon ab, Anzeige zu erstatten – mit fatalen Folgen: Täter bleiben ungestraft, während Opfer teils lebenslang mit dem Trauma leben müssen. 

Einer der wichtigsten Sätze des Jahres 2024 stammt von Gisele Pelicot: 

"Die Scham muss die Seite wechseln." 

Sie wurde durch den Strafprozess gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Täter bekannt, von denen sie missbraucht wurde – und sie hat Recht. 
Durch ihre Offenheit und die vieler anderer Frauen, die öffentlich über sexualisierte Gewalt sprechen, Täter benennen und sich gegenseitig unterstützen, schöpfen immer mehr Betroffene den Mut, es ihnen gleichzutun. 

Sie schämen sich nicht mehr – sie fordern, dass die Täter sich schämen müssen. 

Einfluss von #MeToo

Auch wenn längst nicht alle öffentlich über das Erlebte sprechen möchten, fühlen sich viele durch diese Bewegung ermutigt, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. 

"Bezüglich der langfristigen Entwicklung können hier unter anderem auch Einflüsse aus der MeToo-Bewegung, die Gesetzesänderung zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung im Jahr 2016 sowie aktuelle Berichterstattungen eine Rolle spielen", schreibt auch das BKA. 

Auf TikTok wird diese Entwicklung von manchen als "Trend" bezeichnet – und damit diskreditiert. Natürlich ist es in gewisser Weise eine Trendbewegung, wenn immer mehr Frauen öffentlich über erlebte Gewalt sprechen. Aber das bedeutet nicht, dass sie es "nur tun, weil es Klicks bringt", und erst recht nicht, dass ihre Aussagen deswegen weniger wahr sind. 

Wen solche Entwicklungen wütend machen, der möchte meist nur, dass Frauen weiter schweigen – und die Scham siegt. Das schützt Täter, vergrößert das Dunkelfeld und verharmlost oder vertuscht Gewalt. 

Wenn es also Frauen gibt, die durch Social Media Millionen-Reichweite erzielen, indem sie ihre Erfahrungen teilen oder Täter benennen, dann: Bitte mehr davon! 
Mehr Reichweite bedeutet in diesem Fall hoffentlich mehr Mut, mehr Anzeigen, mehr Öffentlichkeit – und damit ein wachsendes Hellfeld. 

Die Wirkung, die soziale Medien auf gesellschaftliche Probleme haben können, ist nicht zu unterschätzen – und in diesem Fall: bewundernswert. 

Hilfe für Betroffene sexualisierter Gewalt

Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Hilfsangebote: 

Weitere Hilfsangebote:

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch:

Das bundesweite "Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch" bietet Hilfe und Unterstützung bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – vor Ort, online oder telefonisch. Menschen, die Hilfe und Unterstützung suchen, erhalten über das Hilfe-Portal eine erste Orientierung. Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch ist ein Angebot der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM).  

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch:

Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch (0800 22 55 530) ist die Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten. Wer von sexueller Gewalt betroffen ist, sich um ein Kind oder eine*n Jugendliche*n sorgt, einen Verdacht oder ein komisches Gefühl hat oder sich unsicher ist und Fragen zum Thema stellen möchte, kann sich vertrauensvoll an das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch wenden. Die Berater*innen des Hilfe-Telefons sind psychologisch und pädagogisch ausgebildet, jedes Gespräch bleibt vertraulich. Das Hilfe-Telefon berät Jugendliche und Erwachsene auch online vertraulich und datensicher zu allen Fragen, die mit dem Thema sexueller Missbrauch zu tun haben.

Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist ein Angebot von N.I.N.A. e. V. (Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt von Mädchen und Jungen), gefördert von der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

BeNe:

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) betreibt ein Online-Netzwerk für Betroffene sexualisierter Gewalt. In den Foren des Betroffenen-Netzwerks "BeNe" der Evangelischen Kirche in Deutschland könnten sich Menschen, die Missbrauch erfahren haben, in sicherem Rahmen austauschen und sich vernetzen.

Kein Täter werden:

Wer bei sich selbst oder anderen pädophile Neigungen festgestellt hat, wendet sich an das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden".