Alexander Grau hat mit "Die Zukunft des Protestantismus" ein Buch vorgelegt, das sich von der religiösen Gegenwartsliteratur abhebt. Schon im Vorwort macht er klar, dass er weder Trost spenden noch die Bibel "auf den Stand der Gegenwart bringen" will. Ihn interessiert auch nicht die Frage, wie Religion wieder attraktiver werden könnte, sondern "was vom Christentum bleibt, wenn man ihm jede sentimentale Selbsttäuschung nimmt". Er fragt er nach der Zukunftsfähigkeit des Protestantismus als Denkform, die auf Freiheit, Individualität und Gewissensautonomie zielt. Dafür betreibt er eine nüchterne, illusionslose Bestandsaufnahme.

Besonders stark ist das Buch dort, wo Grau die protestantische Theologiegeschichte seit der Aufklärung skizziert. Er erinnert an Schleiermacher, Semler, Spalding, Kant und die großen Theologen des 20. Jahrhunderts wie Barth, Bultmann, Tillich oder Bonhoeffer. Er macht deutlich, dass der Protestantismus stets eng mit den geistigen Strömungen seiner Zeit verbunden war und die Moderne nicht nur begleitet, sondern aktiv mitgestaltet hat.

Die protestantische Theologie war über lange Zeit ein intellektuelles Labor, das die Grenzen des Denkbaren auslotete und das Undenkbare zu denken wagte. Auch wer Graus Thesen nicht teilt, sollte sich die brillante Darstellung der Theologiegeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts nicht entgehen lassen.

"Der Protestantismus hat sich zu Tode gesiegt"

Seine zentrale These: Die Säkularisierung ist kein Betriebsunfall der Moderne, sondern die Konsequenz protestantischen Denkens selbst. Der Protestantismus habe sich, so Grau, gewissermaßen "zu Tode gesiegt". Indem er das Individuum ins Zentrum stellte und jede äußere Autorität prinzipiell infrage stellte, bereitete er den Boden für Aufklärung, Humanismus – und schließlich auch für den Atheismus. "Die Krise des Christentums ist nichts anderes als seine Vollendung", schreibt er. Selbst der säkulare Humanismus lebt demnach von Voraussetzungen, die ohne das Christentum undenkbar wären: Er ist "christliche Ethik ohne metaphysischen Überbau".

Scharf fällt Graus Kritik dort aus, wo sich die Religion vollständig in gesellschaftliches Engagement auflösen möchte: "Je nach politischer Ausrichtung ist das für die einen der Kampf gegen Kolonialismus, Rassismus, Heteronormativität oder die Klimaapokalypse und für die anderen der Kampf um die kulturelle Identität." Die Folge: Alles, was an traditionelle Religion erinnert, verflüchtigt sich, "übrig bleibt säkulares politisches Engagement, das von vermeintlich höheren Weihen umwabert wird".

Damit beschreibt Grau eine Gegenwart, die trotz – oder gerade wegen – fortschreitender Säkularisierung von neuen Ersatzreligionen geprägt ist. Der "metaphysisch obdachlose Mensch der Moderne" sehnt sich nach Sinn – und findet ihn in Esoterik, Naturkitsch, Selbstoptimierungsprogrammen oder politisch aufgeladenen Heilslehren. Der Verlust religiöser Bildung öffne einer "Wiederverzauberung der Welt Tür und Tor", warnt Grau. Besonders problematisch werde es dort, wo politische Konzepte religiös überhöht werden.

Die in vielen Debatten beschworene Alternativlosigkeit sei nichts anderes als "die Überhöhung politischer Konzepte zu nicht verhandelbaren Ideen mit dem Anspruch religiöser Dogmen". Diese Umdeutung politischer Programme in Wahrheiten mit Ewigkeitscharakter trage "unverkennbar totalitäre Züge", warnt Grau – und fragt pointiert: "Wozu noch Demokratie, wenn die Wahrheit in Stein gemeißelt ist und von einigen politisch Erleuchteten erkannt wurde?"

Rückschritt hinter Reformation und Aufklärung

Mit Skepsis blickt Grau auf die Kirchen selbst. Jede Form einer sichtbar moralisch auftretenden Kirche – "von den christlichen Amtskirchen bis hin zum institutionalisierten Moralismus der Zivilgesellschaft" – bedeute einen Rückschritt hinter die reformatorische und aufklärerische Entsakralisierung der Welt. Ein Protestantismus, der "zu einer NGO, zu einer politischen Partei oder zu einer Selbsterfahrungsgruppe" werde, delegitimiere sich selbst und werde neben den weltlichen Akteuren zwangsläufig untergehen. Statt protestantischer Freiheit dominiere vielerorts ein "unappetitliches Amalgam aus linken Politphrasen und moralischem Kitsch, garniert mit Spiritualitätsfolklore aus dem weltweiten Religionsmarkt".

Die Folgen dieser Politisierung beschreibt Grau mit großer Klarheit. Politische Parolen zu Klimaschutz, Migration oder Diversität würden zu kirchlichen Lehrdogmen erhoben. Das sei nicht nur demokratisch fragwürdig, sondern widerspreche fundamental der protestantischen Gewissensfreiheit. Der Versuch, Gläubige auf eine "angeblich allein christliche gesellschaftspolitische Position festzulegen", sei theologisch ein "geradezu grotesker Rückfall in altprotestantische Kirchenzucht", so Grau. Er erinnert dabei ausdrücklich an die Barmer Theologische Erklärung von 1934, die es zurückweist, "wenn die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlässt".

Im Zentrum von Graus Denken steht das Christentum als Religion der Freiheit. Es widersetzt sich weltlichen Sinnstiftungen, indem es daran erinnert, dass jede Sinnkonstruktion menschlichen Ursprungs ist. "Indem das Christentum‚ 'zur Freiheit befreit' (Galater 5,1), stellt es sich jeder Ideologie entgegen, die den einen absoluten Sinn, die eine Objektivität und die eine endgültige Wahrheit verkündet." Gerade darin sieht Grau die bleibende Aufgabe eines aufgeklärten Protestantismus: Einspruch gegen jene "verkappten Religionen", die aus ihm hervorgegangen sind – seien es weltliche Heilsgeschichten wie der Kommunismus, individuelle Erlösungsfantasien der Selbstoptimierung oder "neue Gesetzesfrömmigkeiten" bei Klimaaktivisten oder Woken.

"Protestantisch zu sein bedeutet, sich frei zu machen von der Allmacht des Zeitgeists"

Entsprechend liegt die Zukunft des Protestantismus für Grau weder in altkirchlicher Frömmelei noch in politischem Aktivismus oder "dem süßlichen Zelebrieren von Gemeinschaft". Protestantisch zu sein bedeutet vielmehr, "sich frei zu machen von der Allmacht des Zeitgeists, von Ideologien und angeblich zeitlosen Ideen". Die Zukunft des Protestantismus liege in der "permanenten Verteidigung des Einzelnen, des Subjektiven, Persönlichen und Privaten" gegen die Vereinnahmung durch höhere Werte und kollektive Erlösungsfantasien.

Voraussetzung dafür ist für ihn Bildung und kulturelles Gedächtnis. Grau nennt ausdrücklich die protestantische Kulturtradition als geistige Ressource der Freiheit: die Musik Johann Sebastian Bachs, die Lieder Paul Gerhardts, die Schriften der großen protestantischen Theologen, die Romane Theodor Fontanes oder Thomas Manns, die Philosophie Kierkegaards und Nietzsches. Der Protestantismus habe dort eine Zukunft, "wo Skepsis eine Tugend ist, wo der Zweifel kultiviert wird, wo der Einzelne mehr zählt als das Kollektiv", wo analytischer Verstand Gefühligkeit überragt und das Staunen über die Welt, der "Sinn und Geschmack für das Unendliche", größer ist als jede behauptete Gewissheit.

Die Stärke dieses Buches liegt in seiner intellektuellen Redlichkeit. Grau ist kein Kulturpessimist, er beschönigt aber auch nichts. Seine Diagnose ist provokant und zugleich befreiend: Der Protestantismus ist womöglich institutionell erschöpft – als Denkfigur jedoch unverzichtbar. Er lebt überall dort weiter, wo Menschen der Freiheit mehr trauen als der Moral, dem Zweifel mehr als der Gewissheit und dem Individuum mehr als dem Kollektiv.