2.11.2019
Jahreslosung 2020

Der Theologe Christof Hechtel interpretiert die Jahreslosung 2020

In jedem Leben gibt es Phasen, in denen der Eindruck entsteht, es geht nichts mehr weiter. Die Losung 2020 zeigt uns einen Ausweg. Eine Betrachtung des bayerischen Theologen Christof Hechtel.
"Ich glaube; hilf meinem Unglauben" (Markus 9,24)

Kommt sie, die Sonne? Kommt sie nicht? Manchmal ist das Wetter wetterwendisch. Hinter den Wolken schaut die Sonne hervor, aber nur ein bisschen. Da bleibt offen, ob es in einer halben Stunde regnen wird. Oder ob ein Wind die Wolken vertreibt und der Himmel blau ist.

Was zunächst wie eine Naturbeobachtung aussieht, kann ein Bild für das Leben werden: Eben sah man das Licht nicht, das hinter den Wolken hell leuchtet; als aber der Wind daher fuhr, da wurde es klar (Hiob 37,21). Das stammt aus dem Buch Hiob.

Auf dem Hintergrund der Geschichte Hiobs, der sein Leben zerbrechen sah, nachdem ihn eine Hiobsbotschaft nach der anderen erreicht, bekommt der Blick zum Himmel zwischen Sonne und Wolken noch eine andere Bedeutung.

Wie hell oder wie dunkel kann es werden für mich in meinem Leben? Was geschieht eigentlich mit mir, wenn ich in Situationen gerate, denen ich erst einmal einfach ausgeliefert bin? Wenn die eigene Erfahrung nicht ausreicht für das, was ich erlebe?

Sätze wie: "Gott hält unser Leben in seiner Hand" oder "wir gehen auf eine helle Zukunft zu, die Ostern heißt", können unter aktuellen, bestürzenden, tragischen oder als ungerecht empfundenen Erfahrungen schnell ihre Strahlkraft und Glaubwürdigkeit verlieren. Das kann eine Klassenarbeit sein, auf die sich jemand mit unglaublichem Aufwand vorbereitet hat und dann kommt nicht mehr dabei heraus als bei der Nachbarin, die alles sehr gechillt auf sich hat zukommen lassen. Schülerinnen und Schüler machen die Erfahrung, dass Pech in Prüfungen auch den Schnitt für die Zulassung zum Studium kosten kann.

Ein anderes Beispiel: Verkehrsopfer oder Menschen, die von einer schweren Krankheit betroffen sind, stoßen an Grenzen. Das eigene Leben, das einem lange als schlüssig und lebenswert vorgekommen ist, kann zu einer Belastung werden. Das innere Vertrauen wird brüchig. Angst und Aussichtslosigkeit machen sich breit.

Zweifel und Glaube im Leben

Wer nach dem Thema Glaube und Zweifel fragt, wird darauf stoßen, dass das Leben in der Regel Phasen kennt, in denen jemand sein Leben genießt, sich daran freut und dafür Gott im Himmel dankbar ist. Und Phasen, in denen der Eindruck entsteht, dass nichts mehr trägt und auch der Glaube zu schwinden droht. Ich sehe in Zeiten, in denen ich das Leben schön empfinde, schon auch als Möglichkeit aufzutanken, um Kraft zu haben, wenn sich das Leben einmal von ganz anderen Seiten zeigt. Oder um Energie zu haben, anderen zur Seite zu stehen, die viel durchmachen müssen.

Die Geschichte, aus der die Jahreslosung 2020 "Ich glaube; hilf meinem Unglauben" stammt (Markus 9,24), zeigt uns einen verzweifelten Vater, der seinen Sohn liebt. Der aber hat offensichtlich von klein auf nie ins Leben hineingefunden. Die Bibel spricht davon, dass das Kind sich immer wieder auf die Erde warf und Schaum vor dem Mund hatte. Man wird sich ein Leben vorzustellen haben, in dem das Familienleben über Jahre von Hilflosigkeit, Sorge, Traurigkeit geprägt war. Als Jesus dazu stößt, antwortet er weniger einfühlsam als konfrontierend: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt." Der Vater schleudert zurück: Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr. Auch nicht mehr glauben. Wenn du der bist, für den ich dich halte, dann weck doch du, Jesus, in mir das, wozu ich nicht mehr in der Lage bin: den Glauben. Die Bibel überliefert seine Worte so:

"Ich glaube; hilf meinem Unglauben."

Die Situation zwischen Glaube und Zweifel tritt da am schärfsten zutage, wo einem das Leben besonders wichtig ist. Das Leben wird zur Zerreißprobe. Der Glaube in dieser Geschichte zeigt sich als ein "ich verstehe das alles nicht mehr. Und "ich kann auch nicht mehr glauben". Aber trotzdem auch  in einem Ruf nach Gott: "Gott mach doch du, dass das aufhört." Im Verlauf der Geschichte wird deutlich, was Gott für diese Welt will: Heilung. Jesus führt das punktuell, in diesem Fall aus: Das Kind wird geheilt.

Doch ist das Leben, wie wir wissen, nicht immer so. Das musste auch Jesus selbst erkennen. Er musste durch den Tod. Erst danach zeigte sich das Leben wieder, das dann aber als ewiges Leben sichtbar wurde.

Ich vermute einmal, dass niemand für sich die Hand ins Feuer legen möchte, ab man eigene Lebenskrisen, Krankheiten oder abgrundtiefe Enttäuschungen gut wird bewältigen können. Aber zuversichtlich möchte ich schon sein. Denn die Geschichte der Auferstehung Jesu ist auch die Geschichte des Ostermorgens mit seiner Ostersonne, die durch alles hindurchbricht. Seitdem liegt der helle Schein der Ewigkeit auf den Worten Hiobs:

"Eben sah man das Licht nicht, das hinter den Wolken hell leuchtet; als aber der Wind daher fuhr, da wurde es klar."

Darauf lässt sich ein Leben gründen, finde ich.

Predigt und Scheckkarte

Das Gottesdienstinstitut bietet eine Predigt als PDF zum Download. Das Motiv zur Jahreslosung 2020 ist als Scheckkarte mit Kalender erschienen. Es kann im Shop des Instituts bestellt werden.

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