Für Alevit:innen gehört das Muharrem-Fasten zu den wichtigsten religiösen Zeiten des Jahres. Zwölf Tage lang wird an das Leid von Imam Hüseyin und das Massaker von Kerbela erinnert. Die Fastenzeit ist geprägt von Trauer, Enthaltsamkeit und dem Bemühen um ein friedliches Miteinander. Doch was bedeutet das Muharrem-Fasten genau und wie wird es praktiziert?

Was ist das Muharrem-Fasten?

Das Muharrem-Fasten ist eine zwölf Tage dauernde Fasten- und Trauerzeit im Alevitentum. Es findet im ersten Monat des islamischen Kalenders, Muharrem, statt und verschiebt sich deshalb jedes Jahr im gregorianischen Kalender um etwa elf Tage nach vorne. Das Fasten beginnt mit dem ersten Tag des Monats Muharrem. 2026 ist das der 16. Juni.

Für viele Alevit:innen zählt das Muharrem-Fasten zu den wichtigsten religiösen Praktiken überhaupt. Es erinnert an die Ereignisse von Kerbela im Jahr 680 nach Christus und an das Martyrium von Imam Hüseyin, einem Enkel des Propheten Mohammed.

Warum fasten Alevit:innen im Muharrem?

Im Zentrum steht die Erinnerung an die Schlacht von Kerbela im heutigen Irak. Dort wurden Imam Hüseyin und die meisten seiner Angehörigen und Gefährten von der Armee des damaligen Kalifen Yazid I. getötet. Nach alevitischer Überlieferung litten sie zuvor unter großem Durst und wurden vom Zugang zum Wasser abgeschnitten.

Das Fasten soll helfen, dieses Leid nachzuempfinden und die Verbundenheit mit Hüseyin und der Prophetenfamilie auszudrücken. Zugleich gilt Hüseyin im Alevitentum als Symbol für Gerechtigkeit, Mut und den Widerstand gegen Unterdrückung. Sein Handeln wird bis heute als ethisches Vorbild verstanden.

Wie läuft das Muharrem-Fasten ab?

Während der zwölf Tage verzichten Fastende tagsüber auf Essen und Trinken. Nach der letzten Mahlzeit am Abend wird bis zum Sonnenuntergang des folgenden Tages nichts konsumiert. Die Mahlzeiten am Abend sollen bewusst einfach gehalten werden. Im Mittelpunkt stehen Selbstdisziplin, Bescheidenheit und die Kontrolle über die eigenen Bedürfnisse.

Das Fasten gilt im Alevitentum nicht als absolute Pflicht. Ob und wie lange gefastet wird, hängt auch von der persönlichen Situation und der körperlichen Verfassung ab.

Welche Regeln gelten während der Fastenzeit?

Das Muharrem-Fasten beschränkt sich nicht auf den Verzicht auf Nahrung. Die Fastenzeit ist mit zahlreichen ethischen Regeln verbunden. So wird kein Fleisch gegessen, es soll kein Blut fließen und Streit wird vermieden. Auch andere Menschen sollen weder durch Worte noch durch Taten verletzt werden.

Darüber hinaus achten viele Gläubige darauf, weder Tieren noch Pflanzen Schaden zuzufügen. Auch Feiern wie Hochzeiten oder Verlobungen finden während dieser Zeit traditionell nicht statt. Stattdessen stehen Besinnung, Solidarität mit Bedürftigen und das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund.

Eine wichtige Rolle spielen dabei zentrale alevitische Werte wie die Mahnung, auf die eigenen Taten, Worte und Beziehungen zu achten.

Was geschieht nach dem Ende des Muharrem-Fastens?

Nach den zwölf Fastentagen folgt traditionell das Aşure-Fest am 13. Tag. Dabei danken Alevit:innen Gott dafür, dass Imam Zeynel Abidin, ein Sohn Hüseyins, das Massaker von Kerbela überlebt hat und die Nachkommenschaft der Prophetenfamilie fortgeführt werden konnte.

In vielen Gemeinden wird zu diesem Anlass die Süßspeise Aşure zubereitet und mit anderen Menschen geteilt. Das gemeinsame Essen markiert das Ende der Trauerzeit und betont die Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Worin unterscheidet sich das Muharrem-Fasten vom Ramadan?

Das Muharrem-Fasten unterscheidet sich deutlich vom Ramadan, der von vielen Muslim:innen weltweit begangen wird. Während im Ramadan die Offenbarung des Korans und die spirituelle Erneuerung im Mittelpunkt stehen, ist das Muharrem-Fasten im Alevitentum vor allem eine Zeit des Gedenkens, der Trauer und der Erinnerung an Kerbela.