9.10.2019
Erwählung

Glaubensfrage: Kommen wir alle in den Himmel?

Bestimmt Gott, wer in den Himmel kommt und wer nicht? Wie wählt er aus? Und was geschieht mit den "Verworfenen"?
spiralförmige Anordnung von Glasbildern

"Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel" - so haben auch in diesem Karneval die Jecken am Rhein gesungen. "Weil wir so brav sind, weil wir so brav sind..." Schön wär's, wird sich da mancher denken. Schön wäre es, wenn alle in den Himmel kämen. Und ein anderer denkt sich vielleicht: Das wäre ja noch schöner, wenn alle in den Himmel kämen!

Auf diese Frage lässt sich das theologische Problem tatsächlich zuspitzen: Kommen alle in den Himmel, oder gibt es auf der einen Seite diejenigen, die auserwählt sind, und auf der anderen Seite diejenigen, die verworfen werden, "hinaus in die äußerste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern"? Kann sich der Mensch sein Heil verdienen? Oder hat Gott vorherbestimmt, wen er einmal in sein himmlisches Reich aufnimmt und wen nicht?

Von Abraham bis Jesus Christus

Zum ersten Mal begegnet das Thema der Erwählung im Alten Testament bei Abraham. Ohne irgendwelche Vorbedingungen schenkt Gott ihm seine Verheißung: "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein." Abraham hat nichts getan, um dieser Erwählung würdig zu werden, jedenfalls wird nichts berichtet. Mit ihm möchte er eine neue Geschichte mit den Menschen beginnen. Von ihm soll das Volk abstammen, das den Glauben an den wahren Gott bewahrt und weiterträgt.

Ein zweites Mal weiß sich Israel von Gott erwählt: Durch die Rettung am Schilfmeer und den anschließenden Bundesschluss am Sinai. Dort verpflichtet sich Gott, das Volk Israel zu schützen. Er verspricht, es in das Land zu führen, in dem Milch und Honig fließt, und er verspricht, Israel zu verteidigen. Als Antwort auf diese Erwählung verpflichtet sich Israel, das Gesetz zu halten. Warum Gott ausgerechnet diese Schar ägyptischer Sklaven auswählt, wird nicht weiter begründet. "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich", so heißt es von Gott (2.Mose 33,19). Die Menschen können nichts tun, um von Gott erwählt zu werden, sie können die Erwählung nur annehmen und darauf antworten mit einem Leben, das dieser Erwählung entspricht.

Vom ewigen Heil, vom "Himmel", ist in der hebräischen Bibel nicht die Rede. Diese Vorstellung kommt erst kurz vor der Zeitenwende auf, in der Apokalyptik. Die Frommen des Volkes Israel, die sich als die Erwählten Gottes begreifen, werden verfolgt und unterdrückt. Von ihrem Erwähltsein ist nichts zu bemerken, im Gegenteil: Sie müssen besonders leiden. So entstehen die grandiosen, furchterregenden Bilder vom Endkampf der Armeen Gottes gegen die des Bösen, wenn endlich die Erwählten, die für das ewige Leben bei Gott vorherbestimmt sind, gerettet und die Verworfenen verdammt und in die ewige Strafe geschickt werden.

Im Neuen Testament ist zu allererst Jesus der Erwählte Gottes.

In seiner Botschaft jedoch spielt das Thema "Erwählung" nur eine sehr untergeordnete Rolle. Im Matthäusevangelium findet sich ein Zusatz zu dem Gleichnis vom großen Abendmahl, in dem davon erzählt wird, dass ein unpassend gekleideter Gast hinausgeworfen wird. Jesus sagt zum Abschluss: "Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt."

Richtig entfaltet wird die Vorstellung von der Erwählung in den Briefen des Neuen Testaments, vor allem in den hymnischen Kapiteln Römer 8 und Epheser 1. Hier singen Menschen, die Gottes Liebe erfahren haben, ein jubelndes Loblied auf die Treue und Nähe Gottes, die in keiner Weise abhängt von dem Wohlverhalten des Menschen. Gottes Zuwendung ist reine Gnade, sie beruht auf nichts als auf Gottes freier Entscheidung. Das ist der Kern und die Wahrheit der Vorstellung von Erwählung. Menschen machen die Erfahrung: Obwohl ich nichts getan habe, um mich Gottes Liebe würdig zu erweisen, hat er sich mir zugewandt und mich erwählt, wie ein Mann seine Braut und eine Frau ihren Bräutigam erwählt, aus reiner Liebe.

Die Verwerfung ist auf das Verschulden des Menschen zurückzuführen

Die Kehrseite der Erwählung ist die Verwerfung. Was ist mit denen, die Gott nicht erwählt? Wenn er nicht alle erwählt, müssen Nicht-Erwählte übrig bleiben. Die theologische Tradition spricht in diesem Zusammenhang von "negativer" Verwerfung: Wer nicht erwählt ist, ist eben nicht dabei, er ist "draußen". Daneben gibt es aber auch die Vorstellung einer "aktiven" Verwerfung durch Gott: Gott sucht Menschen aus, die er nicht zum Heil, sondern zum Unheil bestimmt. Oder: Er widerruft seine Erwählung und verwirft einen Menschen, den er zuvor erwählt hat. Eindrückliches Beispiel dafür ist der König Saul, der sich Gottes Willen widersetzt hat und dafür von Gott verworfen wird. An diesem Beispiel wird auch deutlich, was die theologische Tradition immer wieder betont hat: Die Erwählung kann sich niemand verdienen. Die Verwerfung aber ist auf das Verschulden des Menschen zurückzuführen.

Martin Luther hat intensiv mit dem Thema "Erwählung und Verwerfung" gerungen. In einer seiner berühmtesten Schriften, "Vom unfreien Willen", vergleicht er den Menschen mit einem Reittier, um das Gott und Satan streiten. Wer von beiden auf dem Reittier sitzt, bestimmt den Kurs: Erwählung oder Verwerfung, ewiges Heil oder Unheil. In seinem tiefen Glauben an Gottes Gerechtigkeit geht Luther so weit, zu sagen, man müsse auch die eigene Verwerfung im Glauben akzeptieren. Bin ich verworfen, bin ich gleichwohl im Glauben bei Gott und nicht endgültig von ihm getrennt.

Theologen nach Luther haben diese radikalen Gedankengänge so nicht nachvollzogen. Klar war: Gott erwählt in freier, souveräner Entscheidung. In seiner Allwissenheit weiß er vorher, welcher Mensch wie leben wird, und trifft seine Wahl. Es wird streng unterschieden zwischen denen, die Gott angenommen, erwählt hat, und denen, die er verworfen hat.

Ich darf mich freuen, dass ich erwählt bin und mich Gott anvertrauen

Von der Bibel her ist diese Sicht mindestens problematisch. Fast durchweg liegt in der Bibel der Akzent sehr stark auf der Freude darüber, von Gott angenommen zu sein, erwählt zu sein. Was mit den anderen Menschen geschieht, die nach meiner Wahrnehmung nicht erwählt sind, darüber wird gar nicht groß nachgedacht. Eine Ausnahme bilden die Kapitel 9-11 des Römerbriefs, in denen Paulus darüber schreibt, warum das Volk Israel das Heil in Christus nicht angenommen hat. Seine Argumentation läuft auf die Gewissheit hinaus, dass am Ende ganz Israel das Heil erlangt (Römer 11, 25-32). Darüber, dass andere bis jetzt noch nicht das Heil ergriffen zu haben scheinen, ist Paulus äußerst betrübt (Römer 9, 1-4). Er urteilt nicht überheblich und anmaßend, sondern leidet unter einem Urteil, das ihm unerträglich scheint.

Und das ist eine Spur, die mir lohnend erscheint. Ich selbst kann die Erfahrung machen, dass Gott mir gut ist, ohne dass ich etwas dazu getan habe, dass er mich schon längst erwählt hat, wie Paul Gerhardt singt: Du "hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt', erkoren." Was mit den anderen ist, darüber brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Ja, als Christ, der das Wort Jesu gehört hat: "Liebt eure Feinde!" kann ich gar nicht anders als Gott zu bitten, keine und keinen verloren gehen zu lassen. Vor allem müssen wir uns davor hüten, selbst entscheiden zu wollen, wer erwählt und wer etwa verworfen ist.

Mir als Mensch bleibt: Ich darf mich darüber freuen, dass ich erwählt bin, ich darf diese Überzeugung feiern und sie im Glauben ergreifen, ich darf mich Gott anvertrauen, mich auf seine Erwählung berufen und in meiner Taufe ein Siegel für diese Erwählung sehen.

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