Seien wir ehrlich: Ein Kreuzarmband, ein biblischer Vorname und ein Satz aus einem Interview von 2016 – das ist im Grunde schon alles, was über Joshua Kimmichs religiöse Überzeugungen bekannt ist.
Der Mittelfeldspieler des FC Bayern München hat sich nie als Verkünder geriert. Seine Antwort auf die Frage eines Bild-Reporters im Jahr 2016, ob er gläubig sei – "Ja, ich bin gläubig" – ist kaum als öffentliches Glaubensbekenntnis zu werten.
Interessanter als die Frage, ob Kimmich Christ ist, ist vielleicht eine andere: Was passiert, wenn ein Profi, der immer wieder mit Begriffen wie Verantwortung, Nächstenliebe und Haltung assoziiert wird, diese Vokabeln plötzlich gegen sich selbst verwendet sieht?
Das Vokabular der Selbstbestimmung
Im April 2021 trennte sich Kimmich von seiner Beratungsagentur. Seine Begründung war denkwürdig: "Ich habe für mich entschieden, dass ich noch stärker für meine Werte und meine Ansichten einstehen und meiner Eigenverantwortung gerecht werden will."
Dieser Satz klingt wie ein protestantisches Glaubensbekenntnis: Eigenverantwortung als Kardinaltugend, der Mensch allein vor seiner Entscheidung, kein Mittler nötig.
Nur wenige Monate später sollte der Spieler genau daran gemessen werden.
Herbst 2021: Die Impfdebatte
Im Oktober 2021 wurde bekannt, dass Kimmich nicht gegen Corona geimpft war. In einem Interview mit dem Sender Sky erklärte er seine Position: Er habe "noch ein paar Bedenken, was fehlende Langzeitstudien angeht", sei aber "weder Corona-Leugner noch Impfgegner" und halte sich "an alle Hygienemaßnahmen".
Es folgte einer der merkwürdigsten medialen Prozesse, die ein deutscher Sportler je durchleben musste. Die "Tagesschau" widmete dem Sachverhalt eine eigene Meldung. Bundesliga-Spieler wurden in Pressekonferenzen nach ihrem Impfstatus befragt. Politiker:innen, Virolog:innen und Talkshow-Gäste übertrafen sich mit Belehrungen.
Die Sprache der Selbstbestimmung, die Kimmich in sportlichen Kontexten so viel Sympathie eingebracht hatte – kein Berater, eigene Entscheidungen – war im gesundheitspolitischen Kontext plötzlich offenbar ein Problem.
Die Reue und ihre Grenzen
Dann infizierte sich Kimmich mit dem Virus. Er erkrankte, entwickelte Lungenprobleme und musste wochenlang pausieren. In einem ZDF-Interview kurz nach seiner Genesung widerrief er: Er habe dem Irrglauben aufgesessen, sich durch eigenes Verhalten schützen zu können. Damit habe er seine Mannschaft "im Stich gelassen".
Die deshalb verhängte Gehaltskürzung des FC Bayern könne er "absolut nachvollziehen und verstehen". Es war die vollständigste öffentliche Selbstkritik, die ein deutscher Spitzensportler in jüngster Erinnerung geleistet hat – den medialen Hunger konnte sie jedoch nicht wirklich stillen.
Jene Tage hätten "brutal" auf ihn gewirkt, sagte er später sichtlich bewegt in einer ZDF-Dokumentation.
Was Glaube hier bedeuten kann
Und hier wird die Frage nach Kimmichs Glauben wirklich interessant – als ganz konkrete Frage nach dem Verhältnis zwischen persönlicher Überzeugung und sozialer Verantwortung.
Kimmichs religiöser Hintergrund ist, soweit öffentlich bekannt, christlich-protestantisch geprägt. Der Protestantismus hat ein kompliziertes Verhältnis zur Eigenverantwortung: Einerseits gibt es die Unverhandelbarkeit des persönlichen Gewissens, andererseits die Mahnung zur Nächstenliebe und Rücksicht auf Schwächere. Kimmich selbst hatte zu Beginn der Pandemie öffentlich für Nächstenliebe geworben.
Es ist nicht abwegig, in seinem öffentlichen Zögern, seiner Reue und seinem erkennbaren inneren Konflikt eine Person zu sehen, die genau mit diesem Spannungsfeld gerungen hat.
Ein Fazit ohne Kreuzarmband
Joshua Kimmich ist im deutschen Profifußball kein religiöser Sonderfall. Viele Spieler bekennen sich offen zu ihrem Glauben und tragen T-Shirts oder Tattoos mit christlichen Symbolen.
Was Kimmich von ihnen unterscheidet, ist die Tatsache, dass er öffentlich in Widersprüche geraten ist, die sich aus dem Bekenntnis zu Selbstbestimmung und Gewissen ergeben. Es ist ein unfreiwilliges Experiment darüber, was es kostet, wenn man die eigene Haltung ernst nimmt.
Das ist die eigentliche Geschichte von Joshua Kimmich und seinem Glauben. Mit seinem Kreuzarmband hat sie eher wenig zu tun.