Es gibt einen Satz, den Jürgen Klopp 2019 ans Ende einer Videobotschaft an einen sterbenskranken Liverpool-Fan gestellt hat. Dave Evans, krebskrank, würde das Champions-League-Finale gegen Tottenham nicht mehr im Stadion erleben. Klopp sprach ihm Mut zu – und beendete die Botschaft mit den Worten: "Ich bin Christ. Wir sehen uns!" Wer Klopp nur als schulterklopfenden, stets gutgelaunten Motivationskünstler kennt, dem öffnet diese Aussage eine andere Perspektive.
Klopp beschreibt sich selbst als evangelischen Christen – und hält zugleich Distanz vom Begriff des Religiösen:
"Ich würde nicht einmal sagen, dass ich religiös bin. Ich glaube – aber ehrlich gesagt weiß ich gar nicht genau, was 'religiös' eigentlich bedeutet."
Sein Glaube ist nicht an eine Institution wie die Kirche gebunden: Klopp hatte als Jugendlicher regelmäßig die Kirche besucht – bis die Sonntagsspiele das verhinderten.
Geprägt hat ihn laut eigener Aussage vor allem seine Mutter Elisabeth, die 2021 starb. Sie habe jeden Abend vor dem Schlafengehen gebetet, erinnert sich Klopp – mit "liebevollem Ernst", wie er es nennt.
Ein Gott, kein Talisman
Religiöse Bekenntnisse ist man von Sportler:innen durchaus gewohnt. Was Klopp von vielen unterscheidet, die Gott nach einem Sieg oder Tor öffentlichkeitswirksam danken, ist seine Nüchternheit:
"Ich bete nie um den Sieg im Fußball, sondern um Kraft, um Besonnenheit, um die notwendige Ruhe, die Dinge richtig einzuschätzen. Aber nicht darum, dass wir gewinnen."
An anderer Stelle beschreibt Klopp seinen Glauben als "Fixstern, der immer da ist" – als Quelle von Kraft und Gelassenheit, die ihm erlaube, "mit einem Lächeln durchs Leben zu gehen".
Gleichzeitig distanziert er sich auch von postmodernen Spiritualitätsentwürfen, die oft genug die Grenze zur Esoterik überschreiten: "Für mich sind Gott und Jesus real." Keine wohlklingende Unverbindlichkeit also – sondern eine klare Aussage.
Glauben als ethische Haltung
Glaube ist für Klopp auch kein Privatphänomen, das in den Hintergrund rückt, sobald er das Stadion oder den Trainingsplatz betritt. Sie ist Weltsicht, die sich in seiner Arbeit als Fußballtrainer widerspiegelt:
"Für mich bedeutet Glaube: Wir müssen miteinander leben und dürfen nicht denken, das Einzige, was zählt, ist mein eigenes Wohlbefinden."
Gegenüber anderen Religionen bleibt Klopp pragmatisch und klar. Er sagt, er wisse nicht, "was der richtige Weg ist", nur "was mein Weg ist" – und er bewertet Religion nach einem einzigen Kriterium: "Wenn sie Menschen an einen guten Ort bringt, ist sie richtig. Wenn sie das nicht tut, dann ist es nicht die richtige Religion für mich."
Klopp beansprucht also keine alleinige Deutungshoheit, er ist nicht an Kultur- oder Glaubenskämpfen interessiert. Vermutlich, gerade weil er sich seines eigenen Weges sehr sicher ist.
Öffentlichkeit ohne Mission
Was ihn ebenfalls von anderen Sportler:innen unterscheidet: Er wünscht sich zwar, dass Menschen "über Jesus Christus nachdenken", möchte aber niemand missionieren. Er gehe nicht in Interviews, um über seinen Glauben zu sprechen, sagt er – "aber wer mich danach fragt, dem gebe ich Auskunft".
Gleichzeitig findet er es "schade", wenn anderen Menschen das Gefühl der Geborgenheit fehle, das ihm sein Glaube gebe. Auch hier zeigt sich: Er ist von seinem Glauben tief überzeugt, respektiert aber jederzeit die Überzeugungen anderer.
Vielleicht ist es diese aufrichtige Art, seinen Glauben zu leben, die Klopps öffentliche Wirkung erklärt. In einer Zeit, in der Authentizität zum Marketingbegriff verkommen ist, hat er etwas Seltenes: Er meint es offenbar wirklich so.
Quellenhinweis
Quellen: Interviews anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes; Videobotschaft an Dave Evans vor dem UEFA Champions League Finale 2019; Reformationsbotschafter-Kampagne zum 500-jährigen Reformationsjubiläum (2017); Podcast-Gespräch über Glauben, Familie und Vergänglichkeit; Magazin chrismon.