1.09.2019
Evangelische Morgenfeier

Predigt: Wasser – Dem Wasser vertrauen

Wasser kann uns im übertragenen Sinn auch etwas lehren: Dass Wandlung und Veränderung das Normale am Leben ist. Nicht das Beständige und Bleibende. Leben lässt sich nicht konservieren. Wasser lehrt uns, wie wir uns wandeln können, ohne uns selbst aufzugeben. Pfarrer Eberhard Hadem spricht in der Evangelischen Morgenfeier über die Verwandlungskraft des Wassers.
Meer

Ich sitze im Sand am Meer und schaue den Wellen zu, wie sie unaufhörlich ans Ufer rollen. Mal stärker, mal sanfter, es hört nie auf. Ich schaue den Kindern beim Toben in den Wellen zu. Ein älteres Ehepaar läuft barfuß am Strand entlang und freut sich über die Kinder im Wasser. Der Ball, mit dem die Kinder spielen, verirrt sich an den Strand, der Mann hebt ihn auf und wirft ihn kraftvoll zurück. Seine Frau lacht ihn an.

Mein Blick geht übers Wasser, ich sehe die kleinen Schaumkronen auf den Wellen. Bis die Welle am Ufer ankommt, ist der Schaum weg. Das blaue Meer ist für mich etwas Tröstliches, weil es immer da war und ist und sein wird. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Meere und Seen mit ihrem Wasser, das sind für mich besondere Sehnsuchtsorte, wo ich gerne bin. Andere gehen in die Berge. Ich liebe das unendliche Meer, dessen Horizont scheinbar direkt auf den Himmel trifft.

An einem Abend auf meiner Urlaubsinsel blieb auf einmal das Leitungs- und Trinkwasser weg. Am Morgen war es wieder da, niemand wusste, warum es ausgeblieben war. Ganz kurz habe ich mir an meinem Sehnsuchtsort Sorgen gemacht: Was, wenn das alltägliche Realität werden würde?

Wasser hat keine eigene Gestalt

Die Wissenschaftler des Weltklimarats haben eine aktuelle Durchschnittstemperatur an Erwärmung von 1,53 Grad Celsius über Land angegeben. Wenn wir die langsamer ansteigenden Meerestemperaturen einrechnen, sind es 0,87 Grad. Selbst dann sind wir in wenigen Jahrzehnten mit großen Siebenmeilenstiefeln dem eigentlich gesteckten Klimaschutzziel von nicht mehr als 1,5 Grad Erwärmung schon sehr nahe gekommen.

Ist das nun alles Klimahysterie? Der griechische Philosoph Thales hat gesagt: Alles hat im Wasser seinen Ursprung. Vielleicht kann uns die die Erfahrung des drohenden Mangels etwas bewusst machen: Wasser bestimmt uns. Wir tun zwar so, als hätten wir beim Wasser alles im Griff und müssten nur den Wasserhahn aufdrehen. Doch wir sind abhängig vom Wasser.

Wasser kann uns im übertragenen Sinn auch etwas lehren: Dass Wandlung und Veränderung das Normale am Leben ist. Nicht das Beständige und Bleibende. Leben lässt sich nicht konservieren. Wasser lehrt uns, wie wir uns wandeln können, ohne uns selbst aufzugeben. Über diese Verwandlungskraft des Wassers möchte ich mit Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, nachdenken.

Wasser selbst hat keine eigene Gestalt, sondern nimmt viele verschiedene Gestalten an. Es hat zum Beispiel keine eigene Farbe. Die Welt, von der es umgeben ist, verleiht ihm seine Farbe. Das Sonnenlicht spiegelt sich in ihm. Es färbt sich vom Boden her, den es bedeckt. An einem See ist das Wasser oft braun und dunkel von dem eher schlammigen Grund. Am Mittelmeer ist das Wasser häufig klar und durchscheinend; der helle Sand, die weißen Steine sorgen dafür. Der Himmel berührt das Wasser und legt vom Horizont her einen silbrigen Glanz auf das Meer. Dann schaue ich über die Grenze meines Daseins hinaus und vertraue darauf: Ich bin unter dem Himmel Gottes zu Hause.

Zu den Wandlungen des Wassers gehört auch, dass es von der Erde durch kleine Kapillaren hinauf in die Adern eines Zitronenbaums fließt. Es verwandelt sich in Blätter und Zitronen, nimmt ihre Gestalt an. Auch in meinem Körper findet sich Wasser in wieder anderer Gestalt: Es ist im Blut, ohne diesen Lebenssaft wäre kein Leben möglich. Wenn ich bei einer körperlichen Arbeit ins Schwitzen gerate, ist auch das eine Gestalt des Wassers. Meine Tränen bei Kummer, meine verschnupfte Nase, alles, was ich aushuste, wenn ich erkältet bin, auch das sind Gestalten des Wassers. Der Theologe und Mystiker Jörg Zink hat einmal gesagt:

Indem das Wasser kein eigenes Leben beansprucht, ist es die Urkraft alles Lebendigen.[1]

Wasser nimmt in allen lebenden Wesen ihre Gestalt an, schenkt ihnen das Leben, in dem es sich selbst schenkt. Das ist eine kraftvolle Poesie der Schöpfung, die mich das Staunen lehrt. Der Mystiker Angelus Silesius sagt:

Die Gottheit ist ein Brunn,

aus ihr kommt alles her

und läuft auch wieder hin.

Drum ist sie auch ein Meer.[2]

Jesus beschreibt einmal im Bild des Wassers, wie der Geist Gottes den Menschen durchdringen und verwandeln kann:

Wer von dem Wasser, das ich ihm geben werde, trinken wird, der wird in Ewigkeit nicht dürsten, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle jenes Wassers werden, das in das ewige Leben mündet. (Joh. 4, 13 – 14)

Auf das lebendige Wasser kommt es an: Wo Quellen sind, ist Leben. Was nicht dem Leben dient, wird weggespült. An der Quelle kann ich Kraft holen, selber lebendig werden. Bereit und offen wie das Wasser, das seinen Weg findet. So wie auch die Quellen der Moldau ganz klein beginnen. Friedrich Smetana macht, dass wir sie hören:

Was Wasser einen lehren kann

Ich erinnere mich, dass ich als Kind mit meinen Freunden an einem kleinen Bach Dämme gebaut habe. Steine, Erdmatsch, Sand, Aststücke, Moos, alles wurde verwendet. Nicht immer hielt der Damm, dann musste neu und anders gebaut werden. Manchmal ging es auch nur darum, am Schluss im Damm ein kleines Loch zu machen, um zusehen zu können, wie das Wasser alles mit sich reißend in kleiner Flut den alten Bachverlauf wiederfindet oder einen neuen Verlauf sucht.

Später, als Erwachsener, wurde mir die Symbolik bewusst. Ich staune bis heute darüber, wie das Wasser immer seinen Weg findet. Es lässt sich nicht beirren, wenn Steine oder anderes im Weg liegen. Nur kurz lässt es sich aufhalten, dann setzt es seinen Weg fort, wenn auch anders als vorher. Was für kleine Bäche gilt, gilt erst recht für große Flüsse und Ströme, bei denen das Wasser im schlimmsten Fall auch zerstörend, ja sogar lebensbedrohlich sein kann. Doch seine Macht des Unaufhaltsamen, diese nicht nachlassende Kraft, gegen alle Widerstände seinen Weg zu finden, hat sich mir schon als Kind eingeprägt.

Was könnte einen das Wasser nicht alles lehren! Wie viele Steine wurden mir im übertragenen Sinn in den Weg gelegt, die schmerzhaft und unverständlich waren. Manchmal spüre ich auch, wie sich in mir etwas anstaut, wie nichts vorwärts geht, wie ich von unsichtbaren Grenzen und Kräften bestimmt werde. Bis der Damm dann bricht und einer Flut gleich alles überschwemmt wird, was sich angestaut hat. Und ja, dabei auch zunächst vieles durcheinander wirft, weil sich die Energien erst befreien müssen. Doch dann finden sie ihren neuen Weg, um kraftvoll und verspielt fließen können. Immer wenn sich mir etwas in den Weg stellt, das ich nicht aus eigener Kraft verändern oder aus dem Weg räumen kann, hilft mir die Erinnerung an diese unaufhaltsame Macht des Wassers, dass ich einen neuen Weg finden werde. Das Wasser lebt es vor: ‚Lass sich ändern, was sich ändern will.‘ – Ich bin gemeint. Dass ich mich ändere.

Dem Wasser vertrauen – das gilt auch im eher kleinen Maßstab, bis in den Flüssigkeitshaushalt des eigenen Körpers hinein. Das Gehirn besteht zu 90 % aus Wasser. Ohne Wasser ist kein Denken möglich. Der Mensch besteht bei seiner Geburt als Kind zu 95 % aus Wasser. Als Erwachsener sind es nur noch 60 bis 70 %, aber immerhin. Wasser ist das Grundelement für alle funktionstüchtigen Zellen im Körper. Sie werden weniger und schwächer, je älter ich werde.

Wegen einer Krankheit musste ich ins Krankenhaus. Bei einer Infusion hatte ich eine besondere Erfahrung. Es ging mir körperlich und seelisch gar nicht gut, ich hatte das Gefühl, ich stecke in einem tiefen und dunklen Loch. Während das Medikament durch die Kanüle in mich hineinfloss, hatte ich eine Art Wachtraum. Ich sah mich selbst auf einem weißen Baustein meines Medikaments wie auf einem blitzschnellen Surfboard in meinen Blutbahnen dahinsurfen. Um mich herum ein Rauschen, mit dem ich mich selbst durch die Windungen und Zellen meines Körpers bewegte. Ich wusste genau, wohin ich surfen musste. Und bis dahin hatte ich eine Menge Spaß, auf einem Baustein des Medikaments den kranken Zellen entgegen zu surfen.

Als Kind fand ich die Zeichnungen im Biologiebuch, in denen die Blutbahnen, die Venen und Adern des menschlichen Körpers, in roter Farbe eingezeichnet waren, unglaublich interessant. So konnte ich mir vorstellen, wie das Blut, dieser Saft des Lebens, ganz feinstofflich in alle meine Zellen und Körperteile strömt und fließt. Wie es kranke Zellbestandteile herausspült und mitnimmt und so dazu beiträgt, dass neue gesunde Zellen entstehen können. So folgte ich in meinem Wachtraum einfach den Blutbahnen, die ich kannte.

Der amerikanische Schauspieler Bruce Willis hat sich Anfang der 90iger Jahre in einem Actionfilm mit einem coolen Spruch selber gut motivieren können. Als in meinem Traum gesunde rote Blutkörperchen an mir vorbeisurften, rief ich deshalb hinüber: ‚Grüß mir die Welle, Bruder!‘ Ich dachte an die kranken Zellen, zu denen ich unterwegs war und schrie ihnen entgegen: ‚Yippieyayeah, ihr alten Schweinebacken, ich komme und mache euch fertig!‘ – Ein herrlich kindischer Wachtraum, den ich da hatte!

Vom Wesen der Verwandlung

Als ich jemandem davon erzählte, lächelte dieser müde über mich und meinte, das seien Allmachtswünsche, geboren aus der Ohnmacht eines Kranken, vermischt mit Kino-Action. Wirklich helfen könne nur die Chemie des Medikaments. Und ich dachte: Du Doldi hast überhaupt nicht verstanden, wie wichtig es für mich ist, dass ich selber an dem Heilwerden der kranken Zellen in mir mitwirken kann. Das Surfen in mir selbst ist für mich eine Metapher, dass ich mich selber brauche; dass ich in meinem Alltag aktiv werde und etwas für mich tun kann und will. Dass ich nicht darauf warte, dass ein chemischer Medikamentenstoff mich irgendwann gesund macht, sondern dass ich selber beteiligt bin, ich mit meiner kleinen Macht – Yippieyayeeh, Schweinebackenzelle!

Liebe Hörerinnen und Hörer, es kann sein, dass der einen oder dem anderen von Ihnen albern vorkommt, was ich da erzähle. Oder dass es kranke Menschen gibt, denen meine Fantasie keine Hilfe ist, sondern sie eher bitter lachen lässt. Dennoch bleibe ich dabei, dass diese Vorstellungskraft lebendig macht und ihren Weg gegen alles ertrotzt und um alles Widerständige herum sucht und findet. Weil diese Kraft wie Wasser ist, weil sie das, was heilt, an die richtige Stelle bringt, damit es dort tun kann, was ihm zu tun möglich ist. Mein Wachtraum hat mich lebendig gemacht, weil er mich aus dem passiven Ertragen meines Krankseins befreit hat. Mit Hilfe meines Traums verstand ich viel besser, was Verwandlung ist. Ich war kein Unbeteiligter mehr, der von außen zuschaute. Sondern ich begriff, was das Wesen der Verwandlung für mich bedeutet: Ich bin bereit, mich zu ändern, mich zu öffnen, damit meine Verwandlung möglich wird.

Das wertvolle, gute Wasser ist bereits da!

So stark Wasser auch sein kann – es braucht täglich Schutz. In einer immer wieder neu verschmutzten Welt, die wir Menschen verursachen, ist es elementar wichtig, Wasser zu reinigen. Einer meiner besten Freunde ist Betriebsleiter und stellvertretender Geschäftsführer eines bayrischen Abwasserverbandes. Als ich ihm einige Fragen zum Wasser stelle, muss ich erst einmal lernen, dass zum Beispiel Regenwasser, das auf Dach oder Straße fällt, auch Abwasser ist, weil es Dreck und Schlamm mit sich bringt. Wassereinlassbauwerke, Kanäle, Pumpwerke, Schächte, Vorfluter und schließlich die Kläranlage dienen der Reinigung des Wassers. Es gibt genaue Vorschriften, die auf dem bayrischen Wassergesetz beruhen. Wasser ist Allgemeingut. Und keiner darf allein darüber verfügen. Was immer jemand mit Wasser macht, ist genauestens erfasst im Gesetz. Dazu gehören auch die Grenzwerte, wie hoch Wasser belastet sein darf. Das Ziel ist, für eine möglichst hohe Lebensqualität der Menschen zu sorgen.

Das war nicht immer so. In München im 19. Jahrhundert zum Beispiel will eigentlich kein Mensch so richtig gerne leben. Die Stadt gleicht einer öffentlichen Latrine. Überall wird Gülle gelagert oder entsorgt, die Menschen leiden unter Typhus und Cholera. Es gibt es kein fließendes Trinkwasser, Abfall und Abwasser werden auf die Straße geschüttet, Fäkalien werden an großen Plätzen gesammelt und von den Bauern der Umgebung auf deren Felder transportiert. Der Gestank und der Dreck in den Straßen stehen im krassen Kontrast zu den schönen und teuren Gebäuden. Erst der Chemiker Max von Pettenkofer ändert das und führt gegen viele Widerstände die Kanalisierung der Abwässer und eine Trinkwasserversorgung ein. Schritt für Schritt wird aus einem stinkenden Moloch eine hygienische Megametropole. Mein Freund vom Abwasserverband sagt: "Wir sorgen dafür, dass die Leute gar nicht erst krank werden. Das bedeutet letztlich auch: Ohne Abwasserreinigung funktioniert keine Demokratie!" Ich höre den Stolz in seiner Stimme, als er das sagt. Als ich ihn frage, was er sich am meisten von den Menschen wünschen würde, meint er: "Ich wünsche mir mehr Verständnis für die Arbeit des Abwasserverbandes, denn wir dienen der Gesellschaft, allen Menschen, in einem elementaren Bereich, damit Wohlstand und Lebensqualität bewahrt bleiben. Wasser ist unverzichtbar."

Es ist schon seltsam, dass Menschen für ein Luxuswasser im Restaurant teures Geld ausgeben. 124 Euro kostet zum Beispiel 1 Liter des ‚Rokko No Mizu‘ aus Japan an der Bar des Hotels Adlon in Berlin, und das ist nicht mal das teuerste. Dagegen zahlen alle Bürgerinnen und Bürger nur 2 Cent für – 500 Liter Leitungswasser.[3] Das wertvolle, gute Wasser ist bereits da! Ich hoffe, ich denke daran, wenn das nächste Mal die Abwassergebühren erhöht werden. Ich bin dankbar, dass mein Freund sich mit vielen unbekannten und fleißigen Menschen darum kümmert, dass gesundes Wasser da ist!

Vergebung aus dem Wasser

Wasser hat noch eine wunderbare Fähigkeit, die ein jüdisches Wasserritual deutlich macht, das Taschlich genannt wird. Es zeigt auf sinnbildliche Weise die Kraft der Buße und Vergebung aus dem Wasser. Erst seit dem 14. Jahrhundert feiern es jüdische Gemeinden, nicht in der Synagoge, sondern draußen an einem Meer, einem Fluss, einer Quelle, an einem fließenden Gewässer. Am jüdischen Neujahrstag werfen die Gläubigen symbolisch ihre Sünden ins tiefe Wasser und bitten Gott um Vergebung für das, was im alten Jahr war, damit sie befreit und mutig ins neue Jahr gehen können.

Das hebräische Wort taschlik heißt übersetzt ‚du wirfst‘ und erinnert an das Wort des Propheten Micha, der zu Gott spricht (7,19b): Und du wirst werfen alle ihre Sünden in die Tiefe des Meeres. Erfunden wurde das Ritual im christlich geprägten Rheinland. Von dem italienischen Chronisten Petrarca wird berichtet, die Bevölkerung Kölns habe sich am 1. Januar, dem Neujahrstag, an den Rhein begeben und Stroh und Blumen ins Wasser geworfen, damit mit ihnen alles Übel des vergangenen Jahres auf Nimmerwiedersehen von den Wellen ins Meer getragen werde. Jüdische Gemeinden haben dem christlichen Ritual ihre eigene Tiefe gegeben. Es gibt keine festgelegte Liturgie, sondern vor allem Gebete und Bibelverse. Die Gläubigen gehen ans Wasser und werfen Brotkrümel aus den Taschen der Kleidung hinein, die das Wegwerfen der Sünden symbolisieren. Dabei beten sie:

[Wir] streben (…) danach, das neue Jahr im Geiste der Demut, der Prüfung unseres Herzens und der spirituellen Erneuerung zu beginnen. Heute treten wir an dieses Wasser, um die Taschlich-Zeremonie zu vollziehen, um so zu versuchen, unsere angesammelten Sünden und Übertretungen symbolisch fortzuwerfen, um unsere unwürdigen Gedanken wegzuwerfen, damit wir unsere Herzen und unsere Seelen reinigen, nun, da das neue Jahr beginnt.[4]

Manche jüdische Gemeinden lehnen es bis heute als magisches Ritual ab. Andere sehen darin eine Hilfe, mit Bewusstsein ins neue Jahr zu gehen. Aus der christlichen Bitte um Vergebung wurde so ein jüdisches Bußritual: Ich darf neu beginnen, weil alles, was falsch und verkehrt war, ist aufgelöst im Wasser und verschwunden. Würden mehr Menschen mit den kleinen Brotkrumen Gedanken der Reue verbinden, würde es auch weniger Plastikmüll im Meer geben, das schädlich ist für Tier und Mensch.

An jedem ersten Freitag im September feiern christliche Kirchen auf der ganzen Welt eine Idee, die die griechisch-orthodoxe Kirche 1989, vor genau 30 Jahren, angeregt hat: Einen ‚Tag der Schöpfung‘ zu feiern, an dem das Lob des Schöpfers genauso im Mittelpunkt steht wie die Umkehr aus der Zerstörung der Schöpfung und die Verpflichtung zu konkreten Schritten. In diesem Jahr findet die zentrale Feier des Tags der Schöpfung am 6. September in Heilbronn statt.

Das letzte Lied, das wir gleich hören, erzählt von einem Wasserfloh, der den Menschen energisch daran erinnert, dass dieser eine Herbstfliege zerdrückt und eine Schlange zertreten hat. Vielleicht hast du dich, so hört der Mensch, zu lange im Bach gespiegelt; hast nur dich selbst gesehen. Nur wenn du sehr lange singst, wird dir vergeben werden. Das Lied ist schon 42 Jahre alt. Es klingt fröhlich und ist doch von einem besonderen Ernst: e' la pulce d'acqua – Der Wasserfloh, von Angelo Branduardi.

 

[1] Jörg Zink. Dornen können Rosen tragen. Mystik – die Zukunft des Christentums. Kreuzverlag Stuttgart 1997, S. 249

[2] Angelus Silesius. Der Cherubinische Wandersmann, zit. nach Jörg Zink. ebd. S. 251

[3] Siehe Grafik in: Nürnberger Nachrichten, Freitag 16. August 2019, S. 19.

[4] Greenberg, S. / Levine, J.D. (Hg), Mahzor Hadash – The New Mahzor. Rosh Hashanah & Yom Kippur (Newly Enhanced Edition), Bridgeport (Conn. USA) 2002; dieses neue amerikanische Gebetsbuch benutzt z.B. die liberale jüdische Gemeinde ‘Beth Shalom’ in München

Evangelische Morgenfeier vom 1. September 2019 mit Pfarrer Eberhard Hadem, Roth, Thema: Wasser –Dem Wasser vertrauen.

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