7.01.2018
Predigt

Wasser kann schön, reinigend, heilsam und erfrischend sein, aber auch gefährlich und bedrohlich. In der Taufe kommen alle Kräfte des Wasser zusammen. Evangelische Morgenfeier von Andrea Wagner-Pinggéra.

Warum ist Wasser bei der Taufe nötig?

Vor kurzem war ich zu einer Taufe eingeladen. Eltern, Paten, Freunde der Familie und viele Kinder hatten sich in der Kirche versammelt. Getauft wurde ein kleines Mädchen. Die Schwangerschaft war schwierig verlaufen und nun waren alle froh, dass alles so glimpflich abgegangen war. So stand denn auch der Dank für den gnädigen Schutz von Mutter und Kind im Vordergrund. Dazu kamen die guten Wünsche der Großeltern und Paten, die einfühlsame Predigt des Pfarrers.

Zur Taufe selbst wurden alle Kinder gebeten, an den Taufstein zu kommen, um möglichst gut beobachten zu können, was nun passiert. Etwas zögernd kamen die Kinder nach vorne. Einer durfte die Temperatur des Wassers überprüfen, ein Mädchen dreimal etwas Wasser in die Hand des Pfarrers gießen, der damit die Kleine taufte. Dann wurden die Taufkerzen entzündet, das neue Gemeindeglied den Anwesenden als nun getauft vorgestellt. Sehr anrührend war das. Beim Hinausgehen hörte ich das Gespräch zweier Damen: »Was soll das eigentlich mit dem Wasser bei der Taufe? Kann man den Dank für ein neugeborenes Kind nicht irgendwie anders gestalten, so dass man es besser versteht?«

Was soll das mit dem Wasser bei der Taufe? Ist es ein merkwürdiges Überbleibsel eines Ritus, den niemand mehr versteht und das man deswegen auch lassen kann? Oder ist das Wasser bei der Taufe doch letztlich ganz wesentlich? Wesentlicher vielleicht, als es auf den ersten Blick scheint.

Es lohnt sich, das Wasser selbst mal etwas genauer in den Blick zu nehmen und dann zu schauen, was Wasser und Taufe miteinander zu tun haben. Die Taufe Jesu im Jordan, die an diesem Sonntag gefeiert wird, ist dafür Anlass. Nur von seiner Taufe her lässt sich die Taufe überhaupt verstehen.

Wasser ist die Quelle des Lebens

Wasser. Wie entzückend sind die kleinen Märzenbächlein im Wald, in denen sich das Wasser aus der Schneeschmelze sammelt. Der stille Moorsee in der Abendsonne. Ganz unbewegt liegt er da. Golden bricht sich in ihm das Licht. Wie still er ist und unergründlich.

Im Sommer ein Ausflug an einen See. An diesem Tag war der Himmel klar und die Luft angenehm frisch. Baden wollten wir. Aber zunächst: einmal um den See wandern! Die Sonne steigt und es wird heiß. Nur wenige Bäume, die Schatten werfen. Wie sehr lockt mich das Wasser. Endlich sind wir wieder am Ausgangspunkt, mieten ein kleines Boot und rudern raus. Mich hält es nicht länger, ich springe in den See. Was für eine Wohltat! Das Wasser umgibt mich, kühlt mich und erfrischt mich, außen und innen. Fast schlagartig fühle ich mich entspannt.

In unseren Breiten regnet oder schneit häufig. Auf jeden Fall so oft, dass es an Wasser nicht mangelt. Man dreht den Hahn auf und schon fließt es. Zum Kochen, Waschen, Duschen und Baden. Andernorts ist das anders. Kilometerweit schleppen die Frauen das Wasser. Das reicht dann gerade zum Kochen und zum Trinken, aber zu nicht viel mehr. Entsprechend sind dann die hygienischen Verhältnisse. Viele sind krank. In dem Augenblick, wenn Wasseranschlüsse gelegt werden, ändert sich eigentlich alles. Es gibt genug zu trinken. Menschen werden gesund, weil sie sich selbst regelmäßig waschen und ihre Häuser reinigen.

Wunderbares Wasser. Oft genug heilkräftig. Wohl sind Badekuren aus der Mode gekommen und doch: Wer älter wird, für den sind heilsame Quellen eine Wohltat. Schon allein die Wärme. Mehr noch aber die Spurenelemente. Ein oder mehrere Bäder und Ekzeme jucken weniger, die schmerzhafte Arthrose lässt nach.

Viele Menschen träumen von Wasser

Wasser erfrischt, reinigt und heilt. Im ganz eigentlichen Sinn. Das spiegelt sich auch in den Bildern, die die Seele malt. Viele Menschen träumen vor großen Entscheidungen von Flüssen, die sie durchschreiten müssen. Wenn man sich hineinbegibt, ist man erstaunt, wie einfach das Hindurchgehen ist, das Wasser weniger tief und müheloser als gedacht. Wer so träumt, weiß: Nun ist die Zeit wirklich gekommen.

Andere Menschen träumen davon, in einem mal ruhig dahinfließenden, dann wieder reißenden Fluss zu schwimmen, manchmal auch mehr zu treiben. Immer aber mit dem Gefühl, getragen zu sein – im Fluss sozusagen. Solche Träume sind beruhigend, manchmal geradezu tröstlich in Zeiten, wenn etwas festgefahren ist. Häufig ändert sich dann auch „in echt“ etwas, weil das Fließende die Spannung auflöst, auch das Verkrustete und einen mitnimmt.

Ob alle Menschen vom Wasser träumen? Oder nur die, die sich ohnehin zum Wasser hingezogen fühlen? Ich weiß es nicht. Diese Bilder entfalten offensichtlich im Leben fast so etwas wie eine persönliche prophetische Kraft.

Was für den einzelnen und persönlich zutrifft, ist auch der Fall bei einem Traumgesicht des Propheten Ezechiel. Er träumt vom Tempel als Quelle des Heils. Ums Wasser geht es und darum, wie es alles verwandelt.

Zunächst beschreibt der Prophet ausführlich, wie der zerstörte Tempel, den König Salomo hatte errichten lassen, wieder aufgebaut werden soll. Das ist tatsächlich ziemlich detailverliebt und für alle, die Architekturangaben nicht sofort im Kopf umsetzen können, auch langweilig. Dann aber verwandelt sich, was Ezechiel aufschreibt, unter der Hand. Aus einer Bauanweisung wird ein Traum. Gott nimmt den Propheten an die Hand:

»Und er führte mich zu der Tür des Tempels. Und siehe, da floss ein Wasser heraus. Nach tausend Ellen ging es mir bis an die Knöchel. Nach abermals tausend Ellen ging es mir bis an die Knie; nach noch tausend Ellen bis an die Lenden. Nach noch tausend Ellen war es ein Strom, so tief, dass ich nicht mehr hindurchgehen konnte; denn das Wasser war so hoch, dass man schwimmen musste und nicht hindurchgehen konnte. Und er führte mich zurück am Ufer des Flusses entlang. Es standen sehr viele Bäume am Ufer auf beiden Seiten. Und er sprach zu mir: Dies Wasser fließt nach Osten und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer. Und wenn es ins Meer fließt, soll dessen Wasser gesund werden, und alles, was darin lebt und webt, wohin der Strom kommt, das soll leben. Und es soll sehr viele Fische dort geben, wenn dieses Wasser dorthin kommt; Und es werden an ihm die Fischer stehen. Von En-Gedi bis nach En-Eglajim wird man die Netze zum Trocknen aufspannen. Und an dem Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei.« (Ezechiel 47, 1-12 mit Kürzungen)

Ein kleines Rinnsal entspringt aus dem Innersten des Tempels, dem Heiligtum. Gottes Wohnung wird zur Quelle allen Lebens. Aus dem Rinnsal wird ein Bach, ein kleiner Fluss, ein großer Strom. Wie so etwas in der Realität gehen soll, ist dabei völlig unwichtig – dass es Nebenflüsse bräuchte und es überhaupt unmöglich ist, auf der kurzen Strecke zwischen Jerusalem und Totem Meer einen großen Strom entstehen zu lassen – geschenkt. Wichtig ist nur das Bild: Aus der Wohnung Gottes entspringt ein Paradiesfluss. Wo sein Wasser hinkommt, entsteht Leben. Selbst das Tote Meer, Inbegriff lebensfeindlichen Wassers, ist mit einem Mal derart fischreich, dass die Fischer lange Netze spannen können und die Fische gehen ihnen einfach so ins Netz. Und die Bäume an seinem Ufer: Sie tragen unentwegt Frucht. Niemand muss sich kümmern, das geschieht von selbst und immer ist genug da. Das Wasser aus dem Heiligtum macht heil, lebendig, neu.

Wasser kann auch zerstören

Wasser schafft Leben. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Fast jeden Frühsommer kommt es auch bei uns zu derartigen Regenfällen, dass Flüsse über die Ufer treten. Jahrhunderthochwasser heißt das in den Medien, manchmal sogar: Jahrtausendhochwasser. Sie entstehen immer ähnlich. Erst regnet es tagelang. Dauerregen, der unterbrochen wird von kräftigen, langanhaltenden Schauern. Ein sonst eher harmloser Fluss entwickelt sich zu einem gurgelnden, reißenden Ungeheuer.

Die Nebenflüsse bringen zusätzliches Wasser, das sich nicht ausbreiten kann, weil alles eingefasst und begradigt ist. Mächtig angeschwollen ist die braune Flut; nur noch knapp unter der Uferkante tanzen gefährlich die Fluten. Dann bricht der Damm, Ortschaften und ganze Städte stehen unter Wasser, die Straßen sind unpassierbar. Wie schnell das geht. Wie wenig man sich wehren kann. Mit einem Schlag ist alles verloren: Haus kaputt, Einrichtung dahin, das Grundstück verseucht? verschlammt.

Andernorts hat das sich verändernde Klima noch gravierendere Folgen: Für die Marschallinseln zum Beispiel. Sie liegen mitten im Pazifik, dem flüssigen Kontinent. Und sie teilen das Schicksal vieler anderer Inseln, die nur ein bis zwei Meter aus dem Wasser ragen: Wenn die Meeresspiegel weiter ansteigen – und das werden sie nach menschlichem Ermessen tun – werden diese Inseln im Wasser versinken. Das kann man absehen. Diese kleinen Staaten versuchen alles, um ihr Schicksal abzuwenden. Wer nun meint, das würde nur diese fernen Inselgruppen betreffen, täuscht sich. Auch in den Niederlanden, das zu einem guten Teil unter dem Meeresspiegel liegt, werden jedes Jahr horrende Summen für Deiche verbaut, um es soweit nicht kommen zu lassen.

Und schließlich: Wie viele Menschen ertrinken jedes Jahr. Solche, die ihre Schwimmkünste überschätzt und die Kraft der Wellen unterschätzt haben. Und vor allem Menschen, die die Flucht über das Meer wählen. Auf elenden Booten. Keine entsprechende Ausrüstung, geschweige denn Schwimmwesten. Häufig genug, ohne schwimmen zu können. Aber was würde das auch nützen – zu schwimmen auf offener See. Das Mittelmeer ist zu einem Grab geworden. Namenlos die Ertrunkenen und schrecklich der Tod durch Ertrinken.

In der Taufe kommen alle Kräfte des Wassers zusammen

Wasser. Ein Wunder der Natur. Harmlos ist es nicht. So wie es Leben schenkt, kann es Leben zerstören. Manchmal sind die Katastrophen von Menschenhand verursacht, weil dem Wasser der Platz genommen wurde, den es benötigt. Flüsse, die ganze Dörfer mit sich reißen. Meterhohe Wellen, deren Wucht Küstenlandstriche regelrecht verwüstet.

Und doch: Alles kommt aus dem Wasser. Ohne das Wasser ist Leben nicht möglich. Selbst die Wüste verwandelt sich, wenn der Regen fällt. Plötzlich fängt sie an zu leben, ein zartgrüner Schimmer legt sich über Sand und Steine. Wasser ist Leben. Unmittelbar einleuchtend, das Paradies sich vorzustellen als einen Garten, der von Flüssen durchzogen ist.

Wasser: Schön, Leben schaffend, reinigend, heilsam und erfrischend. Gefährlich, bedrohlich, in die Tiefe ziehend. Es füllt alles, wohin es kommt und es kommt eigentlich überall hin. So ist das Wasser.

In der Taufe kommen all diese Kräfte des Wassers zusammen. Gott wirkt durch das Wasser, das eines seiner vornehmsten Geschöpfe ist. Wie dies geschieht, davon handelt die Geschichte von der Taufe Jesu:

»Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's ihm zu. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« (Matthäus 3, 13-17)

Schauplatz ist der Jordan, ein munterer, kleiner Fluss, der den See Genezareth und das Tote Meer verbindet. Hier tauft an einer besonders tiefen Stelle der Täufer Johannes. Mit Bedacht hat er die Stelle ausgesucht. Das Wasser ist hier besonders tief, sodass Erwachsene gerade noch stehen können. Der Täufer ist ein naher Verwandter von Jesus, sein Vetter zweiten Grades. Die beiden kennen sich schon lange, um genauer zu sein, immer schon. Ihre Mütter wohnten zusammen als sie schwanger waren.

Prediger ist Johannes geworden. Von der Umkehr zu Gott. Davon, das eigene Leben zu ändern, den Lebensstil. Er ist dabei wenig zimperlich. Gelegentlich geht ihm der Gaul richtig durch und dann wird er deutlich, sehr deutlich. »Ihr Natterngezücht« – so weniger schmeichelhaft redet er die Leute an. Aber das ist keine Publikumsbeschimpfung. »Ändert euer Leben!« Darum geht es ihm. Er fordert die Menschen auf, sich taufen zu lassen. Das Alte, den verkrusteten Schmutz abzuwaschen. Die unschönen Wunden im Wasser zu säubern, um sie – bildlich gesprochen – dann ordentlich verbinden zu können.

Und hierhin kommt nun Jesus, um sich von Johannes taufen zu lassen. Die Frage, die der Täufer stellt, drängt sich wirklich auf: Warum willst du dich taufen lassen? Johannes stellt diese Frage, weil er Jesus kennt. Das ist kein gewöhnlicher Mensch. Jesus muss nicht zu Gott umkehren, ganz einfach, weil er immer schon bei Gott ist. Das weiß Johannes. Warum also lässt Jesus sich taufen? Nur damit alles seine Ordnung hat?

»Lass es jetzt zu!« Statt die Frage zu beantworten, gibt Jesus Johannes eine Anweisung. Es geschieht etwas, womit zumindest Johannes nicht gerechnet hat. Gott selbst bekennt sich öffentlich zu Jesus: Das ist mein lieber Sohn. Da heißt: Dieser Mensch ist Gott selbst. Damit ist ganz klar, wie das Leben und Wirken von Jesus verstanden werden muss. Unter welchen Vorzeichen es steht. Das ist kein gewöhnlicher Mensch, das ist Gott. Gleichzeitig gelten diese Worte »Das ist mein liebes Kind« jedem, der wie Jesus die Taufe empfängt.

Den ganzen Menschen taufen

Bleiben wir noch ein bisschen am Jordan. Dort, wo Johannes getauft hat. An der tiefen Stelle. Es geht richtig zur Sache, wenn Johannes tauft. Wer sich ihm anvertraut, den taucht er wirklich unter. Das ist unangenehm. Kinder machen das manchmal, sich beim Baden gegenseitig unterzutauchen. Was für die einen lustig ist, ist für andere einfach nur beklemmend. Angst, keine Luft zu bekommen, die Kontrolle vollständig zu verlieren. Wer einmal auch nur einen Augenblick zu lange unter Wasser gedrückt wurde, der fürchtet Wasser sein Leben lang. Wer sich untertauchen lässt, vertraut sein Leben einem anderen an.

Einmal habe ich das in einem evangelischen Kloster erlebt. Dort wurden – wie auch Johannes das zu tun pflegte – Erwachsene getauft. Ein gemauertes Taufbassin, in dem nur Größere stehen konnten, war bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Täufer und Täufling stiegen in das Becken. Dreimal wurde der Täufling ganz und gar untergetaucht. Ein Zeichen der Reinigung. Ein Zeichen der Umkehr. Und ein Zeichen, dass das Alte, Böse, Bösartige regelrecht ersäuft wurde, um Neues entstehen zu lassen. Was mit Wasser in Berührung kommt, wird heil, rein, neu. Das Alte, Vergangene geht dabei unter. Im wörtlichen, wie im bildlichen Sinn. Dort, wo es um geistliche Erneuerung, um Neu-Schöpfung geht, ist in der Bibel das Wasser im Spiel.

Warum lässt Jesus sich taufen? Er braucht die Taufe nicht. Aber vielleicht braucht das Wasser die Begegnung mit Gott? Die orthodoxe Kirche hat darüber schon sehr früh nachgedacht. Lange Texte handeln von dieser Frage, Gedichte und Lieder. Am schönsten aber drückt sich das aus auf den Bildern der orthodoxen Kirche, den Ikonen. Das Motiv der Taufe Jesu findet sich eigentlich in jeder Kirche.

Was also ist zu sehen? Eine stark zerklüftete Landschaft, in der Mitte des Bildes tief eingeschnitten der Jordan. Jesus steht aufrecht im Fluss, bis zur Brust ins Wasser eingetaucht. Johannes steht neben ihm am Ufer und tauft ihn. Ich vermute, so würden sich die meisten von uns die Szene ja auch vorstellen. Wenn man sich den Fluss aber genauer ansieht, stellt man fest: Im Wasser sitzt ja einer, vielleicht auch zwei.

Wassergestalten, böse Wassergeister, die für des Wassers unheimliche Kräfte stehen. Ihre Augen sind erschrocken aufgerissen, als würde es nun ihnen an den Kragen gehen. Und genau das ist die Botschaft: Mit der Taufe Jesu wird die böse und zerstörerische Macht des Wassers gebrochen. Jesus heiligt das Wasser. Für evangelische  Christen ist diese Vorstellung ein bisschen fremd. Schon deswegen, weil es »in echt« ja keineswegs so ist. Trotzdem: Mir gefällt der Gedanke, dass auch die Natur – das Wasser -, wenn sie mit Jesus in Kontakt kommt, sich zum Guten verändert. Heil wird. Zum Segen für Mensch und Tier.

Orthodoxe segnen Wasser

Orthodoxe Christen spielen jedes Jahr die Taufe Jesu nach. Und sie segnen das Wasser. Die Gemeinde geht dabei an einen See, ans Meer oder zu einem Fluss. Dreimal wirft der Pfarrer ein blumengeschmücktes Kreuz ins Wasser. Dreimal wird das Kreuz von Unerschrockenen wieder heraufgetaucht. Das aus dem Wasser getauchte Kreuz ist ein sichtbares Zeichen für die neue Schöpfung, die in jedem durch die Taufe angefangen hat. Es ist sozusagen ein Pfand, dass die zerstörerischen Kräfte der Natur an ihr Ende kommen werden.

Man kann nun sagen: Das ist ein hübscher Brauch, wenngleich er in unseren Breiten eine ziemlich kalte Angelegenheit sein kann. Manchmal allerdings bewirkt dieser Brauch in Menschen Erstaunliches. Im Kloster Niederaltaich, das sich der orthodoxen Kirche sehr verbunden weiß, geht der Abt jedes Jahr zum Fest der Taufe Jesu an die nahe gelegene Donau und segnet sie mit dem Kreuz. Langsam entstand aus diesem Brauch eine Ehrfurcht vor dem Wasser. Seiner Kraft. Hand in Hand damit ging auch das Bedürfnis, mit dem Fluss ehrfürchtig umgehen zu wollen, der Donau den nötigen Respekt zu zollen. Sie frei fließen zu lassen und die Auenwälder zu erhalten. Die Natur nicht in ein Betonbett zu pressen.

Kirchengemeinden, lokale Initiativen und viele andere Freunde der Donau schlossen sich zusammen. Jeden Monat traf man sich zum Gebet an der Donau. Es werden Kalender produziert, bei allen möglichen Gelegenheiten der Fluss ins Gespräch gebracht. Immer lauter wurde die Stimme derer, die die Donau schützen wollten.  Es dauerte Jahre, bis die Politik verstanden hat, warum es besser ist, die Kraft des Wassers zu respektieren, um nicht mit ihrer Gewalt konfrontiert zu werden. Dort, wo sie nun frei fließen darf, leben seltene Vögel und befinden sich Biotope von unschätzbarem Wert.

Die Taufe Jesu und die Taufe überhaupt sind mit dem Wasser untrennbar verbunden. So wie Wasser im tatsächlichen Sinn lebendig macht, heilt und reinigt, so auch das Wasser zeichenhaft bei der Taufe: Es reinigt vom Übel und belebt den Glauben. Dabei verändern sich Menschen: Was sie von Gott und anderen Menschen trennt, kann und soll immer weniger werden, versenkt werden. Bei kleinen Kindern ist das schwer vorstellbar.

Da haben die beiden Damen, deren Gespräch ich mitgehört habe, schon recht gehabt. Aber je älter ein Mensch wird, desto mehr erschließt sich die verändernde Kraft der Taufe. Deswegen können wir auch das Wasser – in echt und als Zeichen – nur über alle Maßen schätzen. So wie Franz von Assisi in seinem Sonnengesang: „Gelobt seist du, mein Herr,  durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und rein.“

Evangelische Morgenfeier vom 7.1.2017 mit Kirchenrätin Andrea Wagner-Pinggéra, München. Thema: Die heilende Kraft des Wassers (Matthäus 3,13-17)

Das PDF mit dem vollständigen Text kann beim BR heruntergeladen werden unter diesem Link.

 

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