Evangelische Morgenfeier
Warum Networking lebensnotwendig ist und was das mit dem biblischen König Hiskia, der Klimakrise, Parkbänken und der Gemeinschaft der Heiligen zu tun hat, erzählt Julia Rittner-Kopp in der Morgenfeier.
Teppichweben

"Häng dich an Gottes Bart!" 

"Häng dich an Gottes Bart", habe ich in einem Roman gelesen. Und den Kopf geschüttelt. Weil das so gar nicht meinem Bild von Gott entspricht - ein Mann mit Bart, liebe Leserinnen und Leser. Und trotzdem gefällt mir etwas daran. 
In dem Buch rät das eine Ballettlehrerin ihrem jungen Tanzschüler. Beim Springen geht es nicht darum, möglichst hoch zu springen, sagt sie, sondern möglichst lange in der Luft zu bleiben. Aber wie soll das gehen, will der Junge wissen. "Häng dich an Gottes Bart", sagt sie. Aus dem Schüler wird später der weltberühmte Tänzer Rudolf Nurejew. Und der konnte tanzen, springen, in der Luft schweben.

 An Gottes Bart (dran) hängen… Ich finde, dieser Tanz-Tipp hilft auch, besser durchs Leben zu kommen. Weil ich mich festmachen muss, wenn ich hoch hinauswill. Wenn ich irgendwo mitmachen, dazugehören will - und wenn ich den Boden unter den Füßen verliere.  Jeder Mensch muss sich irgendwo festmachen, an etwas dranhängen. So beginnt schon unser Leben: An der Nabelschnur. Das Familiennetz trägt mich. Nachbarsleute. Freundinnen und Freunde. Zusammensein mit Gleichgesinnten. Mit Fremden.  Ich bin Teil von einem unendlich großen Gewebe.  Bin Mensch aus Erde vom Acker. Geschöpf unter Geschöpfen. Wächterin über Tiere und Pflanzen.  Alles hängt mit allem zusammen. Vom Grün der Bäume bin ich abhängig, um atmen zu können. Ich bin Wasserwesen, Luftwesen, Erdenkind. So soll es sein. So ist es gut. So sind wir geschaffen.

Biblische Texte schenken Bilder und Geschichten vom Leben als einem großen Netzwerk.  Nur so funktioniert Leben: Durch Networking, Netzwerken. Es ist nämlich ein Irrtum zu glauben, dass der Einzelkämpfer, die Stärkste allein überlebt im Laufe der Menschheitsgeschichte. Survival of the fittest? Nein, die beste Überlebensstrategie in der Schöpfung ist die Kooperation. Zusammenwirken, Verbindungen schaffen und sie nutzen, sich gut vernetzen - so geht Überleben. Und Leben. Wissenschaften bestätigen das und zeigen uns, dass wirklich alles so geschaffen ist. Das Ökosystem. 

Auch wir selbst. Unser ganzer Körper ist so ein faszinierendes Gewebe. Nichts kann isoliert bestehen. Herzkreislauf, Sehnengewebe, Nervenbahnen. Oder die Faszien – eine Art Band, ein feines Netzwerk. Wie eine Schutzhülle umgibt es unsere Muskeln und Organe. Bewahrt sie vor Schäden, gibt ihnen Halt. Und sorgt dafür, dass wir beweglich bleiben. 
Was wir denken, was wir fühlen, was wir erlebt haben und erleben, alles zeigt sich im Körper. Eins greift ins andere. 
Wir wissen das alles heute. Die große Frage ist: Begreifen wir uns selbst so? Leben wir auch danach? Schützen wir die großen Netzwerke, erhalten und stärken wir sie? Ich glaube, dass sich unser Denken ganz danach ausrichten muss, wenn wir das Leben auf diesem Planeten schützen wollen. Was wir isoliert behandeln, wird schwach sein und Schaden nehmen oder Schaden anrichten… Was wir in einem großen Zusammenhang betrachten, das hat Kraft. 

Klagelied um unseren kranken Planeten 

Wie ein Gewebe ist das Leben. Es ist fragil, es ist schützenswert. Ehrfürchtig schaue ich es an. Es gehört mir nicht. Ich gehöre dazu. Ich hab von einer amerikanischen Geologin gehört:

Als junge Studentin ist sie mit anderen zusammen auf Erkundungstour. Sie entdecken Pegmatite. Ein Vulkangestein, auf dem sich übergroße Kristalle ablagern, auch farbige Mineralien und seltene Erden. Und diese seltenen Erden stecken in jeder Batterie, in jedem Mobiltelefon und Computer drin. Ohne sie würden alle unsere heutigen Netzwerke gar nicht funktionieren. Pegmatite sind selten, sie sind nicht erneuerbar - und sie sind 1,5 Milliarden Jahre alt. 

Auf einem von ihnen sticht der jungen Geologin ein Turmalin ins Auge. Er sieht aus wie eine winzigkleine versteinerte Wassermelone. Tief rosa innen und am Rand ein wunderschöner grüner Streifen. Sie will den Stein haben, der ist so schön. Sie sieht schon vor sich, wie er in ihrer Wohnzimmervitrine als Prachtstück leuchten würde und beginnt, ihn mit ihrem Hammer abzuklopfen, herauszulösen. Doch mit einem einzigen Schlag zertrümmert sie den Turmalin. In einer habgierigen Sekunde, sagt sie, hat sie leichthin eine kleine Herrlichkeit zerstört. Eine Herrlichkeit, die ein Drittel der ganzen Erdgeschichte miterlebt hat.

When I am laid, 
Am laid in earth, 
May my wrongs create 
No trouble…

Wenn ich einmal nicht mehr bin, mögen meine Verfehlungen keinen Kummer bereiten… Dido´s Lament – Didos Klage aus der Barock-Oper "Dido und Aeneas" von Henry Purcell. Darin geht es um Liebe, Verrat, Trauer und Tod. Ein Erzählstoff aus der Antike. Zusammen mit Chorsängerinnen singt Annie Lennox das Lied aus dieser alten Geschichte ins Heute hinein. Sie denkt an Liebe und Verrat an unserem Planeten. 

Was die Klimakatastrophe angeht, so stehen wir am Rand des Abgrunds. Annie Lennox glaubt, wir haben nicht mehr viel Zeit, etwas zu verändern. Wir schauen auf eine Zivilisation im Abwärtstrend. Und diese Wahrheit, die uns täglich anstarrt, beachten wir nicht. Machen einfach so weiter, als sei alles in Ordnung.  

In ihrem Musikvideo inszeniert sie die Arie als Klagelied um unseren kranken, sterbenden Planeten. Und gleichzeitig gibt sie darin eine Antwort auf diese bedrängende Frage unserer Zeit: Wie schützen wir das Leben auf diesem Planeten? Es geht nur, wenn wir Menschen uns nicht isoliert von der Schöpfung verstehen. Es geht nur, wenn wir uns verbinden. Wie die Chorsängerinnen, die zusammen singen, ihre Stimme erheben, sich zeigen. Den Schmerz ernst nehmen, die Klage anstimmen. Wie ein Aufwachen aus Verdrängung und Lethargie ist das. …Und ein Gebet: Mögen meine Verfehlungen keinen Kummer bereiten…

May my wrongs create no trouble…

Hiskia und das Gewebe des Lebens

Ich will Ihnen heute von einem kranken König erzählen, liebe Leserinnen und Leser, von Hiskia aus dem alten Israel. Er ist am Ende. Er kann nicht mehr. Alles tut weh. Atmen. Das Brennen auf der Haut. Nachts nicht schlafen können. Kranksein macht mürbe. Wütend manchmal. Traurig.  Zur gleichen Zeit haben die Assyrer Jerusalem erobert - und da sofort geht es dem König schlecht. Das ist nicht einfach nur gut erzählt und Zufall. Es gehört zusammen. Der kranke König ist ein Zeichen für das ganze kranke Land. Die Menschen sorgen sich, fragen: Wie wird es weitergehen? Sie fühlen sich nicht mehr sicher - in ihrem Land und Leben, nicht mehr wohl in ihrer Haut. Kranksein bedeutet auch: nicht mehr dazugehören, nicht mehr mitmachen können. Kranksein kränkt - weil es vorbei ist mit der Lebenskraft. Und mit dem Erfolg.

 Für einen König vielleicht besonders schwer, wenn bisher immer alles geklappt hat, was in seiner Macht steht… 
Vorbei, sagt der Prophet Jesaja zu ihm. Das war´s.  Da wendet sich der König von allem ab, weint wie noch nie zuvor in seinem Leben. Mit dem Gesicht zur Wand lässt er den Tränen freien Lauf, betet, ringt und verhandelt mit Gott. 
In der hebräischen Bibel, im Buch Jesaja klingt sein Klagelied so:

In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,
zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.
Nun werde ich nicht mehr sehen den Herrn,
ja, den Herrn im Lande der Lebendigen,
nicht mehr schauen die Menschen,
mit denen, die auf der Welt sind.
Meine Hütte ist abgebrochen
und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
(aus Jesaja 38)

Da habe ich mein Leben lang gewebt - am Stoff meines Lebens. Natürlich nicht nur ich, sondern auch viele andere. Unablässig sind Fäden hin- und hergegangen, manche sind gerissen, manche haben wir neu eingearbeitet und hier und da ein bisschen geflickt: Ein Wohnortwechsel, die Liebe, die auseinandergegangen ist oder die, die neu entstanden ist, die Prüfungen, die ich bestanden habe … - So viele Lebens-Fäden …

Und die Weberschiffchen am Webstuhl ziehen jahrein jahraus fleißig hin und her - und dann auf einmal - fertig? Auch wenn noch eine schöne Farbe fehlt, vielleicht eine, die mir besonders wichtig ist? Auch wenn mir noch ein neues Muster eingefallen wäre? Und wenn ich die eine oder andere unschöne Stellen allzu gerne ausgebessert hätte?

Ja, auch dann. Die schönsten und besten Orientteppiche, habe ich gehört, haben alle an irgendeiner Stelle einen Webfehler. Ganz bewusst soll die Handarbeit nicht perfekt sein - denn perfekt ist nur Gott, Allah, sagen die Teppichknüpfer aus ihrem muslimischen Glauben und ihrer Tradition heraus.Ich stimme ihnen zu: Das Perfekte ist allein Gott vorbehalten. Außerdem: Perfekt heißt ja auch: zu Ende. Vorbei. Zu Ende gewebt habe ich mein Leben…

In einer anderen Bibelübersetzung heißt es: Ich habe mein Leben zusammengerollt wie ein Weber den Stoff, der Faden wird nun abgeschnitten. Fertig - der Stoff, das Gewebe meines Lebens. Mitsamt den Webfehlern.

Und das sind nur die Webfehler in meinem kleinen Leben. Bei manchen habe ich aufgegeben, sie auszubessern. Weil es gar nicht geht und nicht sein muss - perfekt sein. Andere Webfehler beschäftigen mich schon. Und das sollen sie auch: Wenn ich weiter schaue, von mir weg - wie sich das Leben webt in unserem Land und zwischen den Ländern, nicht nur in Europa. Wie alles mit allem zusammenhängt. Mein Wohlstand und mein Wohlfühlen mit der Existenz des ganzen Planeten. Das ist wie bei der Geologin und den Gesteinen: Die habgierige Sekunde, in der man leichthin eine kleine Herrlichkeit zerstört. Ich will sie mir abgewöhnen.

Sich verbinden stärkt

Da liegt noch eine Menge Webarbeit vor uns. Sie gelingt - immer wieder - und zugleich wird sie immer nur teilweise gelingen.
Ich kann nicht anders - ich muss und ich will das Gewebe in größere Hände legen, auf Hoffnung hin - Gott, webe Du mit am Weiter-Leben dieser Welt. Am Zusammenhalt und an der Schönheit.

Auch Hiskia hält sein Lebensgewebe Gott hin. Und seinen Schmerz, seine Angst und Traurigkeit, bald von allem abgeschnitten zu sein.
Das ganze Beziehungsgeflecht, die Menschen, die nahen und die fernen - und Gott - Hiskia fürchtet sich davor, aus alledem herauszufallen. Zu stürzen. Sterben ist so ein Aus-allem-herausfallen, aus dem Leben treten, sich aus allem Beisammensein entfernen, "die totale Beziehungslosigkeit" (Eberhard Jüngel). Darum hängt sich Hiskia an Gottes Bart!  Er hängt sich an Gott. …Und der schenkt dem Hiskia ein paar weitere Jahre und rettet Jerusalem.

Herr, davon lebt man,
und allein darin liegt meines Lebens Kraft:
Du lässt mich genesen
und am Leben bleiben.
Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,
dass sie nicht verdürbe;
denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.
Denn die Toten loben dich nicht,
und der Tod rühmt dich nicht,
und die in die Grube fahren,
warten nicht auf deine Treue;
sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.
(aus Jesaja 38)

Hiskia dankt für sein großes Glück, für Rettung, Heilung. Er betet und singt. Aber bevor er Gott lobt und wieder so richtig einsteigt ins Leben, schaut er noch mal auf den Schmerz und erinnert sich. Er gehört ab jetzt zum Gewebe seines Lebens. Das neu geschenkte, weitere Leben ist nicht ohne den Schmerz zu verstehen/zu leben…

 Was nur zwischen den Zeilen steht: Zum Gesundwerden gehört Geduldigsein.  ie das geduldige Einfädeln bei einer Nähnadel. Da muss ich gut hinschauen, ich brauche ausreichend Licht - eine ruhige Hand, - und die Geduld, es mehr als einmal zu versuchen, wenn es nicht gleich gelingt.  Geduld braucht es zum Gesundwerden. Gnädigsein mit den eigenen Kräften. Wache Augen, dass ich das Verbundensein nicht übersehe, nicht dran vorbeilaufe.

Ich bin in München gerne im Englischen Garten unterwegs. Am Eisbach entlang oder über die Wiesen, die alten Bäume über mir. Und dann steht da alle paar Meter eine grüne Holzbank. Die meisten tragen ein kleines glänzendes Messingschild. Ich liebe es, zu lesen, was darauf geschrieben steht: Namen, Erinnerungstage… Oder einfach nur: "Lieblingsbank von Timon und Senta". Wenn ich mich dann auf so eine Bank setze, bin ich irgendwie auch mit Timon und Senta verbunden. Auf einmal bin ich nicht allein unterwegs. Vor mir gab´s hier Menschen und nach mir wird es welche geben…

Darum gehe ich auch gerne auf Friedhöfe. Die Namen auf den Grabsteinen lesen und Worte und Bilder von der ein Auferstehung entdecken. Ich spüre: Ich gehöre dazu. Bin sterblich. Und teile die Hoffnung auf ein Leben danach. Verbunden sein mit den Toten und mit den Lebendigen - in Gottes Liebe - das ist für mich das Größte im christlichen Glauben.

Und in alten Kirchen schau mir gerne Heiligenfiguren an und Bilder. Sie sind mir alle vorausgegangen, aber wir gehören zusammen. Gemeinschaft der Heiligen - sagen wir im Glaubensbekenntnis. Verbunden in Christus und zwar ganz konkret, hautnah. Und: über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Auch mit unseren Toten. Ja, ich glaube an die Gewebe-Gemeinschaft der Heiligen.

Oder vor zwei Jahren bei einer Demonstration: Fridays for Future - der weltweite Streik fürs Klima Ende September. Hunderttausende! So wie erst vor zwei Wochen wieder. Wir sind so viele! Ich erinnere mich gut, wie sehr mich das damals bewegt hat. Zu Tränen gerührt. Dieses Zusammenstehen, Einstehen für eine gute Zukunft. Als würde das Gewebe meines Lebens dadurch stärker, schöner, wahrhaftiger. Und das Gewebe dieser Welt. 

"Wake up! Save nature, future - and your soul" habe ich auf einem Plakat gelesen. Ja, es gehört zusammen - die geschundene Natur, unsere Zukunft und alles, was wir Seele nennen. Allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.

Der Herr hat mir geholfen,
darum wollen wir singen und spielen,
solange wir leben,
im Hause des Herrn!
(aus Jesaja 38)

Leben und loben gehört zusammen. Das Leben von "nature und future" - und der Seele. So halte ich Gott mein Lebensgewebe hin. Nimm Du, web Du weiter. Und da, wo Fehler oder Löcher sind im Gewebe - will ich hinschauen, das Gewebe gegens Licht halten - ehrlich sein. Vor mir, vor Gott und der Welt. Und dann sehen, wie der Himmel durchscheint.

 

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Leserinnen und Leser immer sonntags von 10.32 bis 11.00 Uhr. Dabei haben Pfarrerinnen und Pfarrer aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.

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