18.10.2019
Religiöse Gesetze

Was sagt Jesus zur Befolgung der Gebote und religiöser Vorschriften?

Kann der Mensch durch die Einhaltung des Gesetzes sein eigenes Heil schaffen? Und was geschieht bei Verfehlungen?
Die Tafeln Mose.

Freitagabend in Jerusalem. Ein buntes Treiben herrscht an der Klagemauer: Touristen, orthodoxe Juden, die ganz nah vor der Mauer stehen und mit ihren rhythmischen Bewegungen beten, Familien, deren Söhne Bar-Mitzwa feiern und sich an der Klagemauer fotografieren lassen. Dann betritt eine Gruppe schwarzgekleideter Orthodoxer den Platz, singend und tanzend feiern sie den Beginn des Sabbat. In ihrer Mitte, von einem Tänzer hoch in die Luft gereckt, die Torah-Rolle mit den fünf Büchern Mose.

Die Torah, das "Gesetz", ist immer dabei, wo fromme Juden feiern. Dabei ist sie nicht als strenger Sittenwächter, sondern ein Gegenstand der Liebe und der Verehrung. Wer einmal erlebt hat, wie Juden ihre Torah feiern, der wird sich zurückhalten mit dem alten christlichen Vorurteil, die Juden seien "geknechtet" unter dem Gesetz. Übersetzt bedeutet "Torah" nicht Gesetz, sondern "Weisung", An-Weisung für ein glückliches, erfülltes Leben im Einklang mit Gott und den Mitmenschen.

Es geht Jesus nicht um eine buchstabengetreue Befolgung bestimmter Vorschriften

Neben den Zehn Geboten, die nach biblischer Überlieferung Mose am Sinai von Gott übergeben wurden, enthält die Torah weitere 634 Ge- und Verbote, die als verbindlich gelten. Natürlich können diese Gebote nicht das ganze menschliche Leben mit all seinen Situationen erfassen. Deshalb bedarf es der Auslegungen und Konkretisierungen. Mit diesen Auslegungen haben die Rabbinen einen "Zaun" um das Gesetz geschaffen, der aus vielen kleinen Einzelvorschriften besteht: Wer den Zaun nicht übersteigt, wird damit auch die Gebote nicht verletzen. So versuchen die Angehörigen des rabbinischen Judentums, dem Willen Gottes gerecht zu werden.

Jesus geht einen anderen Weg. Zwar sagt auch er - und darin ist er vollkommener Jude -, dass das Gesetz gilt und gültig bleiben wird: "Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz" (Mt 5, 18). Und doch kann er das Gesetz brechen, wenn es dem Leben eines Menschen im Weg steht. Gerade das Sabbatgebot - für die Juden ein ganz zentrales Merkmal ihrer Identität - hat er nach dem Zeugnis der Evangelien mehrfach gebrochen oder anders ausgelegt: "Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, Leben erhalten oder töten?" (Mk 3, 4). Es geht Jesus nicht um eine buchstabengetreue Befolgung bestimmter Vorschriften. Er möchte, dass die Menschen nach dem Sinn des Gesetzes leben, und der ist zusammengefasst im Doppel- bzw. Dreifachgebot der Liebe: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt" und "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mt 22,37-39).

Wo Menschen dieses Liebesgebot verinnerlicht haben und danach leben, ist die Weissagung des Propheten Jeremia in Erfüllung gegangen: "Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben" (Jer 31,33). Die äußere Beachtung bestimmter Regeln wird da überflüssig, wo die Menschen Gott ehren und ihm vertrauen und auf das Wohl ihrer Mitmenschen achten. Und so kann Jesus sagen: "Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Mk 2,28).

Der zentrale Gedanke der Reformation: Auf Gott allein vertrauen

Erst Paulus hat das Gesetz als solches kritisiert. Zwar betrachtet auch er das Gesetz an sich als "heilig, gerecht und gut" (Röm 7,12), doch es führt den Menschen auf die falsche Fährte. Wer das Gesetz als Weg zum Heil, zur Gemeinschaft mit Gott betrachtet, der muss diesen Weg total gehen, er darf sich keinen einzigen noch so kleinen Fehler erlauben. Und dazu ist der Mensch nicht in der Lage. Außerdem - und dieser Gedanke ist vor allem in der Reformation wichtig geworden - verleitet die Gesetzesfrömmigkeit den Menschen dazu, auf seine eigenen Fähigkeiten zu vertrauen statt auf Gott allein. So stellt Paulus fest: "Christus ist das Ende des Gesetzes" (Röm 10, 4). Wer sich an ihn hält und auf ihn vertraut, der erlangt die volle und heilsame Gemeinschaft mit Gott.

Diese Erkenntnis war der zentrale Gedanke für die Reformation. Martin Luther litt in seiner Klosterzeit unter der Vorstellung, Christus sei der strenge Richter, der keine einzige Sünde ungestraft lasse, sofern sie nicht gebeichtet und von einem Priester vergeben sei. Bei der Lektüre des Römerbriefes überkam ihn die rettende Erkenntnis: Nicht wir sind es, die durch die Einhaltung des Gesetzes unser Heil schaffen. Gott schenkt es uns ganz umsonst. An uns liegt es, ob wir dieses Heil im Glauben annehmen oder ob wir uns auf unsere eigene Leistung verlassen.

Für Luther bekommt so das Gesetz einen völlig neuen Stellenwert. Dadurch, dass es prinzipiell unerfüllbar ist, zeigt es dem Menschen seine Unfähigkeit, aus eigener Kraft vor Gott gerecht zu werden. So bleibt dem Menschen nichts anderes übrig, als sich auf die Gnade Gottes zu verlassen, die in seinem Sohn Jesus Christus sichtbar geworden ist. Das Gesetz wird so zu einem Spiegel, in dem der Mensch sich erkennt; es überführt ihn seiner eigenen Unfähigkeit und führt ihn zu Christus.

Auch heute sehen sich viele Menschen bestimmten Gesetzen ausgeliefert

Für wenige Menschen hat dieses Verständnis von "Gesetz" heute noch Bedeutung. Weder quälen wir uns mit der Forderung, jede Vorschrift aus dem 4. Buch Mose zu erfüllen, noch sehen wir uns dem Anspruch ausgesetzt, jede kleinste Verfehlung zu beichten.

Ist damit das Gesetz erledigt? Wohl kaum. Heute sehen sich viele Menschen anderen Gesetzen ausgeliefert: Dem ewigen kosmischen Gesetz, das die Sterne lenkt und unser Schicksal. Dem Gesetz des Karma, das besagt, dass mein Verhalten in früheren Leben in anderen Körpern mein heutiges Leben beeinflusst. Das sind Gesetze, in denen für Gnade und Erbarmen kein Platz ist. Durch ewiges Bemühen gelangt der Mensch - nach dieser Vorstellung - irgendwann zur Erleuchtung, und seine Individualität kann sich auflösen in ein gnädiges Nichts.

Ist Christus das Ende des Gesetzes, ist er auch das Ende dieses Gesetzes. Wer sich auf Christus verlässt, ist nicht gefesselt an das, was er angeblich in früheren Leben getan hat. Vergebung ist eines der Hauptworte des christlichen Glaubens, und Gnade ein anderes. Wir haben keinen Gott, der uns gnadenlosen Gesetzen ausliefert. Christus ist das Ende auch dieser Gesetze, und der Glaube an ihn befreit - auch von diesen "kosmischen Konstanten".

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