Manchmal sind es die leisen Momente, die bleiben: Johannes Friedrich beim Abendmahl in der kleinen Dorfkirche, beim Gespräch am Gartenzaun, beim Trostwort im Krankenzimmer. Der frühere bayerische Landesbischof und ehemalige leitende Bischof der Lutheraner in Deutschland wurde nach seiner Amtszeit Pfarrer im mittelfränkischen Bertholdsdorf – 140 Einwohner –, auf einer halben Stelle zuständig für 720 Evangelische in den umliegenden Orten. Für ihn war es kein Karriereabbruch. Denn er glaubte: Gott begegnet uns im Bruder, in der Schwester – mitten im Alltag. Was wie eine Fußnote seines Lebens wirkt, ist sein Vermächtnis: Kirche ist dort am stärksten, wo sie nah bei den Menschen ist.
Geboren 1948 in Bielefeld, studierte Johannes Friedrich Theologie in Erlangen und Tübingen. Früh fragte er in seiner Dissertation nach dem "Gott im Bruder" – nach der Gegenwart Gottes im Mitmenschen. Diese Frage blieb Leitmotiv seines Lebens. Erste Stationen führten ihn als Pfarrer und Studentenpfarrer nach Nürnberg. Von 1985 bis 1991 war er Propst der Erlöserkirche in Jerusalem – eine Zeit, die ihn für den interreligiösen Dialog prägte und sein Gespür für die Zerbrechlichkeit, aber auch für die Kraft von Versöhnung schärfte.
1991 kehrte er nach Nürnberg zurück, als Stadtdekan. Acht Jahre lang war er dort ein Gesicht der evangelischen Kirche: zugewandt, streitbar, gestaltungsfreudig. Er brachte Projekte wie das Haus der Kirche "eckstein" und das Bibelmuseum auf den Weg. Kirche verstand er als Stimme mitten in der Gesellschaft, nicht am Rand. 1996 wurde er in die Landessynode gewählt und ergriff dort die Initiative für die Vereinbarung "Zur Begründung eines neuen Verhältnisses von Christen und Juden".
Brückenbauer, Prediger, theologischer Kopf
1999 wählte ihn die Synode für zwölf Jahre zum Landesbischof. Zwölf Jahre lang prägte Friedrich die Landeskirche – als Brückenbauer, als Prediger, als theologischer Kopf. Er gründete mit anderen das "Bündnis für Toleranz", profilierte die Kirche im Kampf gegen Extremismus und förderte das Gespräch mit Jüdinnen und Juden sowie mit Muslimen. 2005 wurde er zum leitenden Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) gewählt, von 2002 bis 2013 gehörte er auch dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an.
In seiner Zeit als Landesbischof hatte Friedrich alle der damals noch 67 evangelischen Dekanate besucht und alle Partnerkirchen der bayerischen Landeskirche. Wenn im Terminkalender noch eine Lücke war, hat er jede Anfrage zu einem Kirchweihjubiläum angenommen – mit dem Preis, dass er im Schnitt 140 Nächte im Jahr nicht zu Hause war und nahezu kein freies Wochenende hatte. Zur Präsenz im evangelischen Bayern kam eine Medienpräsenz, die seine Vorgänger so nicht hatten. Neben Wolfgang Huber und Margot Käßmann war der bayerische Bischof der gefragteste Gesprächspartner der Medien.
In seiner Amtszeit hat es die bayerische Landeskirche im Zusammenwirken von Landessynode, dem Bischof und seinem Finanzreferenten geschafft, schuldenfrei zu werden. Dass sich Friedrich in einem schwierigen Konsolidierungsprozess keine wirklichen Feinde gemacht hat, zeugte von seiner Fähigkeit, zuzuhören, zu vermitteln, nach einem Erkenntnisgewinn eine bereits gefallene Entscheidung noch einmal zu überprüfen.
Innerkirchlich gilt Friedrich deshalb als Integrationsfigur, als fähiger Vermittler in schwierigen Situationen. Er hat nicht polarisiert, sondern lieber bei einem nächtlichen Gespräch den Konsens gesucht. Vielleicht wollte er manchmal zu sehr allen gerecht werden. Vor allem der konservative Flügel der Landeskirche zeigte sich öfter enttäuscht über den Bischof. Im kleinen Kreis haben sie stets einen interessierten, verständnisvollen Bischof erlebt, der dann oft in den maßgebenden Gremien eine andere, liberalere Position vertreten hat. Die Umbenennung der Meiserstraße und die Öffnung der Pfarrhäuser für gleichgeschlechtliche Paare werden ihm von den Konservativen in der Kirche übel genommen.
Pragmatisch in der Ökumene
Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit darf Friedrich sicher auch den trotz miesen Wetters gelungenen 2. Ökumenischen Kirchentag in München im Mai 2010 zählen. Gegen Wolfgang Hubers "Ökumene der Profile" hat Friedrich stets versucht, das Gemeinsame der Konfessionen herauszustellen. Er hat – weniger populistisch und öffentlichkeitswirksam als Huber – den schwierigeren Weg des Gesprächs auf kirchenleitender Ebene gesucht und für mehr Pragmatismus in der Ökumene geworben. "Ich habe gelernt, dass es in der Ökumene nicht darauf ankommt, zu sagen, wo sich die anderen ändern müssen. Ich will den Papst nicht evangelisch machen", war sein Credo in der Ökumene.
Friedrich hat oft gegen den Kurs der Evangelischen Kirche in Deutschland den Schulterschluss mit der bayerischen katholischen Bischofskonferenz und dem Münchner Erzbischof Marx gesucht, zum Beispiel in bioethischen Fragen – verbunden mit der Hoffnung, dass sich dann mehr bewegen lässt in drängenden ökumenischen Fragen. Bei Erzbischof Marx ist er manches Mal bei der Rückfahrt von gemeinsamen Terminen nach München ins Auto eingestiegen, oder er bei ihm. Viel Prügel hat er für seinen Vorstoß bekommen, den Papst unter bestimmten Bedingungen als ökumenisch anerkannten Sprecher der Weltchristenheit zu akzeptieren. Diese Idee hatte ihm womöglich die Aussicht genommen, einmal EKD-Ratsvorsitzender zu werden.
Von der katholischen Kirche bekam er für seine Offenheit wenig zurück. Keine eucharistische Gastfreundschaft bei konfessionsverschiedenen Ehen und Familien, kein Pfingstmontag als ökumenischer Feiertag, erst recht keine Anerkennung als vollwertige Kirche. Stattdessen musste er die süffisanten Bemerkungen katholischer Bischöfe ertragen, es könne keine Ökumene mit der Brechstange geben, oder Ökumene sei doch keine Sache von Tarifverhandlungen.
Friedrich war über die Jahre konservativer geworden, aus dem streitbaren Studentenpfarrer wurde ein wertkonservativer Bewahrer. Vom linken Lager der Synode gewählt, fand er sich bald in der Mitte wieder, weil dort die Flügel der Landeskirche am besten zusammenzuhalten sind.
Lebensfreude trotz Krankheit
Was ihn in den Krisenzeiten gehalten hat? Seine Frau, die ihn bei vielen Terminen begleitet hat – und zuletzt pflegend an seiner Seite stand. In den letzten Jahren seines Lebens war Friedrich durch eine unheilbare Krankheit eingeschränkt.
Für ihn realisierte sich das, was er in besseren Tagen in einem Gespräch mit dem Fernsehmoderator Erich Lejeune formuliert hatte: "Mit Tod und Sterben sind tiefe Ängste verbunden, ein schmerzhaftes Abschiednehmen. Gleichwohl geben sie die Chance, "das Leben verantwortlich zu gestalten."
Seine Erkrankung nahm ihm zwar Kraft, nicht aber die Lebensfreude. Friedrich beteiligte sich weiterhin am öffentlichen Leben und bewahrte dabei seinen wachen Geist und seine unbeschwerte Heiterkeit.