Die Anglikanische Kirche in Wales hat mit Cherry Vann erstmals eine Frau zur Erzbischöfin gewählt. Vann ist zudem die erste offen lesbisch lebende Person an der Spitze der anglikanischen Kirche weltweit.

Die 66-Jährige aus Whetstone bei Leicestershire lebt seit über 30 Jahren mit ihrer Partnerin Wendy Diamonds zusammen. Lange war ihr Privatleben ein Tabu, aus Angst, im kirchlichen Dienst keine Akzeptanz zu finden. Dem "Guardian" berichtete Vann einen Tag nach der Ernennung:

"Ohne den festen Glauben, dass Gott mich zum priesterlichen Dienst berufen hat, hätte ich das nicht überlebt."

Erst 2020, bei ihrer Ernennung zur Bischöfin von Monmouth, machte sie ihre Partnerschaft öffentlich.

Frauen in der anglikanischen Kirchenleitung: ein langer Weg

Vanns Wahl ist aus zwei Gründen historisch: Die neue Erzbischöfin von Wales ist nicht nur die erste Frau in diesem Amt, sondern lebt auch offen homosexuell. Beides gilt in der anglikanischen Kirche bis heute als undenkbar.

Vann gehörte 1994 zu den ersten Frauen, die in England zur Priesterin geweiht wurden. Bis eine Frau an die Spitze der Kirchenhierarchie aufstieg, vergingen weitere 23 Jahre: 2017 wurde Sarah Mullally Bischöfin von London.

"Ich lebe eben in einer Zeit, in der ich zur Wegbereiterin wurde, aber ich bin keine Aktivistin."

Das sagte Vann in einem Interview im Kirchenbüro der Church in Wales in Cardiff.

Debatte um Homosexualität in der anglikanischen Kirche

Die Haltung zur Homosexualität spaltet die anglikanische Kirche seit Jahrzehnten. 1987 bekräftigte die Generalsynode der Church of England noch einmal, dass gleichgeschlechtlicher Sex sündhaft sei. Danach herrschte Schweigen.

1998 verabschiedete die 13. Lambeth-Konferenz der anglikanischen Bischöfe eine Resolution, in der "homosexuelle Praktiken als unvereinbar mit der Heiligen Schrift" abgelehnt wurden. Dieser Beschluss ist jedoch nicht rechtsverbindlich.

Ein erster Riss im alten Gefüge zeigte sich 2013, als mit Justin Welby ein Reformer Erzbischof von Canterbury wurde. Unter seiner Leitung startete die Kirchenleitung das Projekt "Living in Love and Faith" (LLF) – einen dreijährigen Dialogprozess, der von über 40 Geistlichen, darunter auch Sarah Mullally, getragen wird. Ziel ist eine theologische Neuverortung von Sexualität, Ehe und Vielfalt.

Seit der Veröffentlichung im Jahr 2020 dürfen Geistliche in Wales offiziell in gleichgeschlechtlichen Zivilehen leben. In der Church of England hingegen gilt weiterhin: Wer homosexuell ist und ordiniert wurde, muss zölibatär leben.

Kritik an gleichgeschlechtlicher Segnung spaltet die Kirche

Nicht alle Provinzen unterstützen den walisischen Kurs. So sprach die konservativ-evangelikale Organisation Christian Concern nach Vanns Wahl von einem "tragischen Wendepunkt" und einem "klaren Zeichen des Abfalls vom Glauben".

Ähnliche Stimmen dürften auch aus Afrika, Asien und Lateinamerika laut werden, wo die anglikanischen Kirchen oft strikt traditionalistisch sind. Bereits im Jahr 2023 hatten sich mehrere dieser Provinzen von der Church of England distanziert, nachdem diese Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt hatte. Bisher lautete die fragile Formel des Zusammenhalts: Einigkeit im Dissens, getragen von gegenseitigem Respekt.

Wie Cherry Vann auf Versöhnung setzt

Durch die Wahl Vanns droht dieser Konsens jedoch endgültig zu kippen. Doch die designierte Erzbischöfin setzt auf Versöhnung.

"Im Hintergrund geschieht bereits viel. Wir stehen nicht still. Wir müssen das Vertrauen derer zurückgewinnen, die sich verletzt oder übergangen fühlen."

Im Herbst wird Vann in der Kathedrale von Newport feierlich eingeführt. Eine kirchliche Eheschließung mit ihrer Partnerin strebt sie jedoch nicht an: "Wendy und ich sind seit 30 Jahren zusammen. Wir haben unsere Gelübde abgelegt und stehen füreinander ein – das genügt uns."

Doch für andere will sie Türen öffnen. "Die kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Paare wird kommen. Davon bin ich überzeugt. Es ist nur eine Frage der Zeit."

Wahl mit Mehrheit – nicht wegen Sexualität

Dass ihre Wahl als Symbolpolitik abgetan werden könnte, beunruhigt Vann nicht. "Die Wahl erfolgte mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Wahlkollegium – die Hürde ist hoch", sagte sie.

"Ich glaube nicht, dass mich irgendjemand in erster Linie gewählt hat, weil ich eine Frau oder lesbisch bin. Sie haben mich gewählt, weil sie glauben, dass ich die Fähigkeiten habe, die Church in Wales in dieser besonderen Zeit zu führen."