"Die Welt ist bunt – Gott sei Dank!" – groß prangt das Motto der Evangelischen Jugend in Bayern auf einem Truck, der mit Luftballons, Wimpeln und einem aufblasbaren Regenbogen über und über dekoriert ist. Es ist ein sonniger Samstagvormittag am Prinzregentenufer in Nürnberg. Hier geht es wuselig zu, denn gleich startet die Demonstration zum Christopher Street Day, die im Laufe des Tages 10.000 bis 15.000 Menschen nach Nürnberg ziehen wird.
Am Truck versammeln sich Mitglieder der EJ Nürnberg, Fürth und Erlangen. Unter ihnen ist Friederike, die einen Luftballon an ihrer Kleidung befestigt hat. Sie trägt Namen in die Liste auf ihrem Klemmbrett ein und ist zum zweiten Mal mit der EJ beim CSD dabei. Die Erfahrung letztes Jahr war gut, darum geht es dieses Jahr noch eine Nummer größer, erzählt sie:
"Der Wagen ist genauso groß wie letztes Jahr, aber wir haben jetzt auch eine Fußgruppe angemeldet, die einen Bollerwagen dabei hat und kleine Segenskärtchen verteilt. So können wir noch näher an die Menschen herankommen."
Dann geht es auch schon los. Rund 20 Menschen besteigen die Ladefläche. Für Wasser, Sonnencreme und Ohrstöpsel ist gesorgt, denn es wird heiß und laut. "Für immer Frühling” von Soffie dröhnt aus den Lautsprechern, während sich der Demozug ruckelnd über den Rathenauplatz und den Hauptmarkt auf den Weg zum Kornmarkt macht. Die Playlist haben die Jugendlichen selbst erstellt, genauso wie die vielen selbst gemalten Plakate. "Separate trash, not people" und "Love is a terrible thing to hate" steht darauf.
"Ich finde es wichtig, dass die queere Community laut sein kann, und ich will mit ihr gemeinsam laut sein", erklärt Sascha, der heute zum ersten Mal auf dem Wagen mitfährt. "Mein Wunsch für heute ist, dass es friedlich bleibt und alle Spaß haben." Und bis auf eine kleine Störaktion der rechten Szene gegen Ende der Demo bleibt es bei diesem CSD glücklicherweise auch dabei.
Evangelische Jugend: Zeigen, dass Kirche nicht nur aus alten weißen Männern besteht
Der Evangelischen Jugend geht es darum, zu zeigen, "dass die evangelische Kirche nicht nur aus alten weißen Männern besteht, sondern dass es dort viele Menschen gibt – junge wie alte –, die sich für die Rechte von LSBTIQ+ einsetzen, und dass Gott alle Menschen liebt", erzählen mir zwei Teilnehmerinnen. Denn:
"Die Liebe zwischen den Menschen ist das Wichtigste und Höchste, das es gibt."
Und so ist die Stimmung auf dem Wagen super. Es wird getanzt und den Menschen auf der Straße mit Fähnchen zugewinkt. Viele fotografieren den Wagen, winken zurück, ein junger Mann formt ein Herz aus seinen Händen. Dann zieht er ein kleines, silbernes Kreuz an einer Kette unter seinem Hemd hervor – ein Zeichen der Verbundenheit. Und dafür, wie viel kirchliche Präsenz auf dem CSD für die Menschen bedeuten kann.
Den Überblick während der Demo behält ein Team von Hauptamtlichen um Daniela Schremser, Dekanatsjugendreferentin der EJ Nürnberg. Im Vorfeld galt es nicht nur, den LKW zu buchen und die Organisation zu stemmen, sondern auch, die Teilnehmenden inhaltlich mitzunehmen: "Weil es natürlich auch politische Jugendbildung ist, die wir hier machen. Gestern beim Schildergestalten ging es zum Beispiel auch um die Frage: Warum machen wir das eigentlich?", erklärt Schremser.
Gegen 14.30 Uhr endet die Demo am Kornmarkt und es muss schnell gehen: Musik aus, Luftballons abhängen – alle packen mit an, denn der Truck muss noch am selben Nachmittag zurückgegeben werden. Damit ist der CSD aber noch nicht zu Ende. Die meisten Teilnehmenden strömen auf den Kornmarkt, wo ein Straßenfest mit Infoständen, Bühnenprogramm und Politdiskussion stattfindet.
Rummelsberger bieten "Segen to go"
Zwischen den Menschenmassen und bunten Ständen erhebt sich das weiße Zelt der Rummelsberger Diakonie. Ein Aufsteller weist auf das dortige Angebot "Segen to go” hin. Es scheint viele Menschen in den spärlichen Schatten des Vorzelts zu locken, in dem die Diakone Torben Schultes und Peter Barbian, der Vorstand der Rummelsberger Diakonie, die Neugierigen empfangen. "Manchmal braucht es einen Segen – für das Glück, für den Kummer, für die Liebe, für das Leben" lautet die Devise. Und so unterschiedlich sind auch die Menschen, die das Zelt betreten: eine Gruppe Freund:innen, eine ältere Dame, ein junger Mann. Eigentlich glaube er nicht an Gott, erzählt er, aber das Schild habe seine Neugier geweckt. "Ich fand es schön, einen Moment der Ruhe – es war einfach wohltuend", erzählt er nach der Segnung.
"Viele kommen und möchten ihre Partnerschaft segnen lassen, manche wünschen sich auch einfach einen Segen für ihr Leben. Dann frage ich schon noch mal ein bisschen nach. Und dann sprechen wir einen sehr persönlichen Segen für dieses Anliegen und diese Lebenssituation", erzählt Barbian. Es steckt auch viel Aufwand dahinter, nicht nur finanzieller Art.
"Es soll ja auch eine stimmige Atmosphäre sein, kein Party-Event."
Daher ist der Bereich zwischen Vor- und Hauptzelt unterteilt: Dort gibt es einen großen Bogen aus pastellfarbenen Luftballons, roten Teppichboden und mit weißen Hussen bezogene Stühle. Zwei große Ballon-Trauben sorgen für visuelle Abgrenzung. "Viele fragen auch, ob man sich hier trauen lassen kann", sagt Barbian schmunzelnd.
Segnen in der Sonne bis zum Abend
Die Rummelsberger Diakonie unterstützt den CSD Nürnberg bereits seit einigen Jahren. "Das ist aber nicht das Wichtigste”, betont Barbian.
"Wir wollen zeigen, dass unser Engagement keine Eintagsfliege ist. Vielfalt ist unsere zentrale Botschaft: queere Vielfalt, aber auch die Vielfalt der Generationen und Nationalitäten."
So ist die Rummelsberger Diakonie auch mit einem eigenen Truck bei der Demonstration dabei.
Trotz aller Offenheit bleibt die kirchliche Präsenz auf dem CSD ein Spannungsfeld. Heute sei ein Mann vorbeigekommen, der schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht habe, berichtet Barbian:
"Aber wir haben uns trotzdem freundlich unterhalten, es war ein gutes Gespräch. Und das ist das Schöne am CSD, das ich mir für unsere Gesellschaft wünsche: dass wir trotz verschiedener Meinungen freundlich miteinander umgehen."
Bis 20 Uhr sind Peter Barbian und sein Team heute noch im Einsatz: Sie segnen, laden zum Gespräch ein oder einfach zu einer Pause in einem der Liegestühle am Eingang des Zeltes. "Die bewegendste Begegnung bisher war für mich eine Mutter, die um Segen für ihre beiden Kinder gebeten hat”, überlegt Barbian. Noch ist es laut und voll auf dem Kornmarkt, und die Sonne brennt auf die bunte Menge nieder. Bis zum Abend wird es sicherlich noch viele bewegende Begegnungen geben.