Was passiert, wenn sich eine ehemalige "Germany’s Next Topmodel"-Gewinnerin und ein queerer evangelischer Pfarrer im Podcast unterhalten? Es wird überraschend tiefgründig, herausfordernd und inspirierend.
So geschehen in einer aktuellen Folge von "G Spot", dem Podcast von Model und Influencerin Stefanie Giesinger. Zu Gast war Tim Lahr, evangelischer Pfarrer, queere Stimme auf Instagram (@amen.aber.sexy) und leidenschaftlicher Verfechter einer offenen, inklusiven Kirche.
Zwischen Zweifel und Offenheit: Giesingers Zugang zum Glauben
Stefanie Giesinger beschreibt sich selbst als spirituellen Menschen – sie sei gläubig aufgewachsen, habe aber mit der Institution Kirche gebrochen. Ihre Erfahrungen waren von Ausschluss, Regeln und Enge geprägt.
Das kann auch Tim bestätigen: Religion wirkte für ihn nicht befreiend, sondern kontrollierend.
"Ich hatte das Gefühl: Wenn ich alles richtig mache, kommt das gute Leben. Aber es kam nicht."
Stefanies Eindruck: Religion wurde zu oft genutzt, um Menschen – insbesondere marginalisierte Gruppen – klein zu halten. Homophobie im Namen des Glaubens habe sie besonders abgeschreckt.
Tim Lahr: Queer, gläubig und mittendrin
Pfarrer Tim Lahr hingegen setzt sich bewusst genau dort ein: mitten in der Kirche. Als offen queerer Theologe vertritt er eine Kirche, die radikale Nächstenliebe lebt – und queere Menschen nicht nur duldet, sondern bewusst sichtbar macht.
Glaube, so sagt er, müsse empowern, nicht beschränken. Und auch queere Theologie und Praxis seien längst Realität – weit mehr queere Pfarrer*innen als vermutet arbeiteten inzwischen in der evangelischen Kirche.
"Religion ist ein Raum der Befreiung, kein Ort der Unterdrückung."
Ein zentraler Punkt: die oft gehörte Formulierung "Gott liebt den Sünder, aber hasst die Sünde". Für Tim Lahr ein Widerspruch. "Das klingt wie: Sei queer, aber lebe es bitte nicht aus. Das ist keine echte Liebe." In seiner Community sei daher Sichtbarkeit Programm: "Wir zeigen uns erst recht."
Glaube, der Räume schafft
Für Lahr ist Kirche mehr als eine Institution – sie ist ein sozialer Raum. "Wo sonst wird so viel zusammen gesungen?", fragt er. Er liebt die Gottesdienste, aber auch die Feste, die queere Safe Spaces, die Gemeinschaft. Seine Vision: die Ressourcen der Kirche – Gebäude, Räume, Geld – für jene nutzbar zu machen, die lange ausgeschlossen wurden.
Dazu gehören auch Menschen, die unter sexualisierter Gewalt in kirchlichen Kontexten gelitten haben.
"Die Kirche muss sich denen zuwenden, die sich so lange geschämt haben – nicht umgekehrt."
Dafür prägend ist für ihn der Satz von Gisèle Pelicot: "Die Scham muss die Seite wechseln."
Spannungsfeld: Austritt oder Widerstand?
Giesinger macht keinen Hehl daraus, dass all diese Missstände für sie persönlich Gründe waren, sich von der Kirche zu entfernen. Sie findet Lahrs Perspektive jedoch nachvollziehbar und bewundernswert. Lahr wiederum versteht Austritte – aber warnt: Wer geht, überlässt das Feld denen, die Veränderung verhindern wollen. Besonders auf Social Media gewännen konservative und fundamentalistische Strömungen an Einfluss – seine Reaktion: präsent sein, sichtbar sein, einen Gegenpol setzen.
Beide Gesprächspartner sind sich einig: Die Kirche muss sich weiterentwickeln. Weg vom Patriarchat, hin zu gerechter Sprache ("nicht immer von ‚Herr‘ sprechen") und neuen Leitbildern. Die Rolle der Kirche, sagt Lahr, sei nicht nur spirituell, sondern auch gesellschaftlich – gerade in Krisenzeiten. Menschen suchten Orientierung, aber einfache Antworten auf komplexe Fragen seien gefährlich. Deshalb brauche es theologische Tiefe, Offenheit – und eine Kirche, die ihre Macht teilt.
Stefanie Giesinger stellt schließlich die Frage, wie man lernt, weniger über andere zu urteilen. Lahrs Antwort: Biblische Demut. "Wenn du mit dem Finger auf andere zeigst, zeigen zwei Finger auf dich selbst." Ähnlich wie es in der Bibel steht, wie etwa bei Matthäus 7,3: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?"
Empfehlungen aus dem Podcast:
Serien-Tipp:
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Sex Education (Staffelfinale der aktuellen Staffel – spannende Schnittstelle von Religion und Queerness)
Bücher:
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Dorothee Sölle: diverse Titel
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Sara Vecera: Wie ist Jesus weiß geworden?
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Andreas Krebs: Gott queer gedacht
Pfarrer Tim Lahr
Tim Lahr, 34, ist evangelischer Pfarrer in Köln. Aufgewachsen in Bonn, studierte er dort auch Theologie. Heute arbeitet er in der Gemeinde Deutz/Poll und ist auf Instagram als Pfarrer aktiv. Seit Mai 2023 leitet er den Aufbau der "Queeren Kirche" – einem Erprobungsraum der Evangelischen Kirche im Rheinland für neue Gottesdienstformen und queersensible Seelsorge.