17.09.2017
Soziale Gerechtigkeit

Diakoniepräsident Bammessel über Kirche und Gerechtigkeit

Als Präsident des Diakonischen Werks Bayern hat Michael Bammessel täglich mit Menschen zu tun, die das Gefühl haben, es gehe in Deutschland nicht gerecht zu. Auch er selbst findet, dass "Lasten und Chancen ungerecht verteilt sind".
Michael Bammessel Diakoniepräsident Bayern
Michael Bammessel Diakoniepräsident Bayern

Was glauben Sie, für wen soziale Gerechtigkeit eine Rolle spielt?

Bammessel: Ich denke, das hängt von der jeweiligen Lebenssituation ab. Der Kreis der Menschen, die zwar nicht hungern, aber auch nicht weiterkommen, nimmt zu. Das Gefühl der Ungerechtigkeit ist jedoch schichtenunabhängig. So empfinden auch Handwerker, die nicht unbedingt zu den Randgruppen gehören, es oft als ungerecht, wenn der Staat ihre Arbeit durch Vorschriften behindert.

Was kann die Kirche für mehr soziale Gerechtigkeit tun?

Bammessel: Die Kirche erreicht mit ihren Angeboten mehr die Mittelschicht. Es müsste mehr Projekte wie die Vesperkirchen geben, die schaffen eine schichtenübergreifende Gemeinschaftserfahrung. Es gelingt der Kirche nur sehr wenig, Menschen aus schlechter bezahlten Berufen in ihre Entscheidungsstrukturen einzubinden. Das wäre Gerechtigkeit live! Es ist wie mit einem fahrenden Zug, der Waggons verloren hat: Es braucht eine Rangierlok, um die Waggons wieder an den Zug anzukoppeln. Da sehe ich eine große Aufgabe für die Kirchengemeinden, die Diakonie und die Politik.

Ruhen sich die Kirchengemeinden darauf aus, dass die Diakonie die soziale Arbeit macht?

Bammessel: Gemeinden haben manchmal eine Tendenz zu sagen, für soziale Arbeit ist die Diakonie zuständig. Dabei haben sie gute Voraussetzungen, etwas für die ganze Gesellschaft zu tun: Im Konfirmandenunterricht kommen ja alle zusammen!

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