17.09.2017
Soziale Gerechtigkeit

Noch vor sechs Monaten war soziale Gerechtigkeit überall: In Zeitungsüberschriften, in der Tagesschau, in jedem Kneipengespräch. Anfangs hatte der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit seinem Wahlkampfthema einen Nerv bei vielen Wählern getroffen – heute scheint das Interesse daran verflogen zu sein. Und das, obwohl viele Menschen in Deutschland das Gefühl haben, dass der Unterschied zwischen Arm und Reich immer größer wird. Aber wie viel Gerechtigkeit kann ein Einzelner von seiner Gesellschaft erwarten? Wer soll sie herstellen? Der Staat, der Arbeitgeber, die Nachbarn, die Freunde, die Kirchen?
Grundeinkommen für alle?
Gleiches Grundeinkommen für alle?

Auf die Frage nach Gerechtigkeit hat jeder eine andere Antwort. Für Politiker im Wahlkampf-Modus mag soziale Gerechtigkeit längst wieder abgehakt sein – sie sind zum nächsten Thema geeilt. Für die von Altersarmut bedrohten Rentner, für die alleinerziehenden Mütter und Väter, für die Paketzusteller und anderen Geringverdiener spielt soziale Gerechtigkeit täglich eine Rolle. Meistens deshalb, weil es für sie keine gibt.

Uwe Kloss, 52, ist ausgebildeter Dreher und momentan tätig als Transporthelfer. Der große, schlanke Mann mit dem braunen Pferdeschwanz und der runden Brille arbeitet bei der Diakonie in Landshut, im Arbeitsprojekt »Hab & Gut«. Er bekommt den Mindestlohn und hat einen auf zwei Jahre befristeten Vertrag. »Die Diakonie würde gerne besser zahlen, aber dann bekommt sie keine staatlichen Zuschüsse mehr. Das können wir uns nicht leisten«, erzählt seine Chefin, Sabine Angermaier.

Uwe Kloss ist trotzdem froh und dankbar für seinen Job. Er hat schon andere Zeiten hinter sich. Als er eine schwere Lungenentzündung bekam, wurde ihm nach sechswöchiger Krankheit inklusive Intensivstation einfach gekündigt. Zehn Jahre war er als Dreher von einer Zeitarbeitsfirma überall eingesetzt worden, auch bei BMW in Dingolfing. »Ich habe nicht kapiert, warum die mir jetzt gekündigt haben«, sagt Kloss, und das Unverständnis und die Kränkung sind bis heute spürbar. Wie können sechs Wochen Krankheit zehn Jahre zuverlässige Arbeit zerstören?

Uwe Kloss.
Uwe Kloss ist Transporthelfer bei der Diakonie in Landshut.

In Deutschland ist Kloss ein Leiharbeiter unter vielen gewesen. 2015 gab es 961 000 Leiharbeitnehmer, wie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei Die Linke vom letzten Jahr zeigt. Das sind etwa 2,6 Prozent aller Beschäftigten, Tendenz steigend. Kloss sagt, dass zu seiner Zeit die Leiharbeitsfirma über die Hälfte seines Lohns kassiert habe. Vor zwei Jahren lag das mittlere Bruttogehalt von Leiharbeitern bei 1700 Euro, weit unter dem Gehalt von fest angestellten Arbeitnehmern. »Das Zeitfirmen-Modell ist sehr ungerecht«, findet Kloss, »aber lieber Arbeit als keine Arbeit haben!«

Für Uwe Kloss ist das eine starke Aussage. Der zurückhaltende Mann hat durch die Kündigung vor fünf Jahren jeglichen Halt verloren. Bis heute nimmt er täglich Tabletten gegen Depressionen und kämpft mit Panikattacken. Im Mai hat er sich einen Tag nicht gut gefühlt und ist zu Hause geblieben. Vor lauter Panik hat er sich nicht bei seiner Chefin gemeldet. Erst als ein Kollege vorbeigefahren ist, konnte ihm die Angst genommen werden, erneut seine Arbeit zu verlieren, nur weil er einen Tag krank war.

Bei der Synodaltagung der bayerischen Landeskirche Ende 2016 hat Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm »mehr soziale Gerechtigkeit« und »Antworten auf die zunehmende Spaltung der Gesellschaft« gefordert. Die Angst der Menschen vor Armut und sozialem Abstieg sei groß. Es sei auch Aufgabe der Kirchen, Menschen in Not dabei zu helfen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Arbeitsprojekte der Diakonie bringen wieder in Arbeit

Unterstützung ist da. Die Diakonie Bayern hat beispielsweise »Arbeitsprojekte«, die Menschen wie Uwe Kloss helfen, wieder zu arbeiten. »Manche schaffen auch den Absprung in den regulären Arbeitsmarkt«, erzählt Sabine Angermaier. Nachdem Uwe Kloss Arbeit, Freundin und Wohnung verloren hatte, lebte er einige Zeit in einem Obdachlosenwohnheim für Männer. Trotz lauter Musik jede Nacht hat er es geschafft, jeden Tag pünktlich und sauber zu seinem Praktikum bei »Hab & Gut« zu erscheinen. Zwei Monate lang – so wie er es vom Arbeiten von früher gewohnt war. Dann wurde er übernommen. Jetzt leitet er die Neuzugänge mit an. Seit vier Monaten hat er wieder eine Wohnung, ein Kollege hat sie ihm vermittelt. »Die Arbeit hat mich wieder fit gemacht«, sagt Kloss. Und in den eigenen vier Wänden hat er endlich Ruhe. Nur die täglichen Tabletten, die bleiben.

Laut statistischem Bundesamt sind viele Menschen in einer ähnlichen Lage wie Uwe Kloss: So waren 20 Prozent der Deutschen im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das sind rund 16, 1 Millionen Menschen, die viel arbeiten und kaum davon leben können. Hier sind Kirche und Staat gefragt. Das ehrenamtliche Engagement der Kirchen ist unbestritten. Aber ist das mehr als ein Deckmäntelchen?

Wuck Linhardt.
Arbeiterpfarrer Wuck Linhardt fordert von seiner Kirche mehr Kontakt zu den Armen.

Wuck Linhardt hat dazu eine klare Meinung: »Die Kirche muss wieder eine Kirche der Armen werden, statt nur zu den Armen hinzugehen«, sagt der Arbeiterpfarrer. »Kirche der Armen heißt nicht, aus seinem normalen Bereich Ausflüge zu machen«, erklärt der 48-Jährige. Wenn Jesus sage: »Ich bin die Straße«, sei das der Aufruf, die prekären Orte zum Mittelpunkt des Lebens zu machen und damit alles umzudrehen. »Nur so werden Randgruppen als die zentralen Gruppen sichtbar, die sie laut Bibel sind«, ist sich Linhardt sicher.

Dass das Rausgehen Mut kostet, weiß er aus eigener Erfahrung. Er selbst hat sich nach Jahren in Vikariat und Pfarramt dazu entschieden, das kirchliche Milieu zu verlassen und als ungelernter Arbeiter seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. »Man lebt als Arbeiterpfarrer von dem, was man mit seinen Händen verdient«, erklärt er. Momentan arbeitet er als Küchenhelfer in einem Krankenhaus. Schließlich bekommt man durch ein Theologiestudium keine praktischen Kenntnisse, da ist die Jobauswahl eher klein. Linhardt hat vieles aufgegeben: die Pfarrersrente, den Beamtenstatus, die Anstellungsgarantie. »Das war kein Projekt auf Zeit, das war eine Lebensentscheidung«, erklärt er. Trotz der eigenen Konsequenz vermittelt Linhardt in keinem Moment das Gefühl, jede andere Art zu leben sei falsch.

»Der Alltag eines Arbeiters ist für viele in der Kirche kaum vorstellbar«

Durch seine beruflichen Erfahrungen hat er gesehen, dass für viele Menschen Gerechtigkeit nicht mehr real ist, weil sie nicht bei ihnen ankommt. »Die Wahrnehmung, was gerecht ist, wird verwässert, wenn man nur von Leistungsgerechtigkeit oder Chancengleichheit spricht«, sagt Linhardt. Gerechtigkeit und Teilhabe an den Gütern der Erde seien ein Menschenrecht. Dieses Gefühl sollte man kultivieren, findet der Theologe. Dass die Kirche als Institution kaum oder nur in karitativer Form Kontakt zu denjenigen hat, die die Politik gern als abgehängt bezeichnet, stört ihn sehr.

»Unsere evangelische Kirche ist sehr stark akademisch geprägt. Der Alltag eines Arbeiters ist für viele kaum vorstellbar.« In den Kirchenvorständen der Gemeinden säßen überwiegend Akademiker, Arbeiter seien darin kaum zu finden, kritisiert Linhardt. Kirche habe den Auftrag, an die Orte zu gehen, wo Menschen für Gerechtigkeit kämpfen, erklärt er. Kirchengemeinden könnten an Demonstrationen teilnehmen, auch um den Menschen dort zuzuhören. Er ist sich sicher, dass es dadurch zu neuen Beziehungen zu anderen Menschen und anderen Gruppen käme, so Linhardt.

Ein bisschen erinnern seine Forderungen an Franz von Assisi, der freiwillig und gegen den Willen seines Vaters ein privilegiertes Leben gegen die Armut tauschte. »Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie mit anderen kämpft«, interpretiert der Arbeiterpfarrer den Ausspruch Dietrich Bonhoeffers, wonach die Kirche nur Kirche ist, wenn sie für andere da ist. Das Hinausgehen aus den eigenen Räumen sei der erste Schritt zu einer Umkehr. »Anders sind wir nur eine Kirche für uns selbst.«

Wer verdient wieviel - und warum?
Wer verdient wieviel - und warum? Ist Einkommen in Deutschland gerecht verteilt?

Die Kritik, dass Hilfe häufig eher dem Helfenden hilft anstatt dem Betroffenen, muss sich die Kirche – die das Helfen quasi im Programm hat – gefallen lassen. Für die Schaffung von gesellschaftlicher Gerechtigkeit ist Teilhabe eine wichtige Voraussetzung. Doch dafür müssen die Bedürftigen mit ins Boot geholt werden, damit sie selbst bestimmen können, welche Unterstützung für sie sinnvoll ist.

Für Udo Rahtfelder ist Gerechtigkeit nur ein leeres Konzept. »Einer Kassiererin, die nicht verkauftes Brot mitnimmt, das sonst weggeschmissen werden soll, wird gekündigt wegen Klauens – und Uli Hoeneß kommt in einen Pseudoknast mit Ponyhof«, spitzt der Langzeitarbeitslose zu. Seine Ausbildung zum Industriekaufmann konnte ihn nicht davor bewahren, in die Arbeitslosigkeit zu rutschen. Der 60-Jährige litt vor fünf Jahren unter Burn-Out. Nach 18 Monaten Klinik und Reha lehnte sein Arbeitgeber sämtliche Wiedereingliederungsvorschläge der Rehaklinik kategorisch ab.

Damals war Rathfelder Mitte 50 und ist seitdem »unbefristet fest angestellt beim Jobcenter«, wie er es beschreibt. Rathfelder, der früher mal Vertriebsleiter in einer Hightech-Firma war, junge Sanitäter ausgebildet und in einem Fotofachgeschäft als Verkäufer gearbeitet hat, ist auch jetzt noch sehr aktiv. Unter anderem bei »Plan B«, einer Selbsthilfegruppe für Langzeitarbeitslose in Bayreuth. Dort trifft er sich zweimal im Monat zum Austausch. Begleitet wird die Gruppe von zwei Sozialpädagoginnen, die über einen evangelischen und einen katholischen Träger finanziert werden. »Bei ›Plan B‹ wird die vom Jobcenter betriebene Entsolidarisierung aufgefangen«, findet Rathfelder. »Ich habe 40 Jahre hart gearbeitet und würde jetzt immer noch gerne arbeiten«, sagt Rathfelder.

Langzeitarbeitslos: »Ich bin nicht mehr stolz, ein Deutscher zu sein«

So wie ihm gehe es vielen Langzeitarbeitslosen. Rathfelder bewirbt sich weiter aktiv, wenn ihm eine Stelle ins Auge sticht, auch wenn er weiß, dass er wohl an seinem Alter scheitern wird. »In der heutigen gesellschaftlichen Situation funktioniert Gerechtigkeit nicht mehr«, sagt Rathfelder. »Ich bin schon lange nicht mehr stolz darauf, ein Deutscher zu sein.«

»Die wenigsten wissen, wie ein Leben mit Hartz IV und dem Jobcenter eigentlich aussieht und was das bedeutet.« Rathfelder steht offen zu seiner Langzeitarbeitslosigkeit, doch viele andere tun das nicht. Auch in seinem Umfeld gehe der überwiegende Teil »verhuscht« damit um. Dass sich die Menschen für ihre Arbeitslosigkeit schämen, sieht Marion Hofmann als »Riesenproblem«. Die 55-jährige Sozialpädagogin ist seit 26 Jahren in der Arbeitslosenberatung aktiv und weiß: »Die Arbeitslosigkeit ist strukturell und nicht individuell bedingt.«

Bei »Plan B« versucht sie, für die Betroffenen einen Ort zu schaffen, an dem sie nicht nach ihrer Arbeit gefragt werden und nur darüber sprechen müssen, wenn sie es wollen. »Arbeitslosigkeit bedeutet wesentlich mehr als nur die Abwesenheit von Erwerbstätigkeit – sie geht in alle Lebensbereiche hinein«, erklärt Hofmann. Sie informiert über Rechte und hilft auch bei Anträgen, doch hauptsächlich geht es darum, den Menschen wieder Selbstwertgefühl zu vermitteln. Denn die Würde der Menschen werde bei Hartz IV oft mit den Füßen getreten. »Gerechtigkeit entsteht auch dadurch, dass man nicht alles hinnimmt.«

Soziale Gerechtigkeit: Geschichte einer Entfremdung

In ihren Augen darf die Kirche vor diesem Thema nicht zurückschrecken. Schließlich sei Gerechtigkeit ihr Thema. Mit ihrem Engagement bei »Plan B« will Hofmann »stetig und beharrlich« dafür sorgen, dass Arbeitslose Unterstützung finden.

Die Geschichten von Udo Rathfelder, Uwe Kloss und selbst von Wuck Linhardt sind die Geschichten einer Entfremdung: von Staat, Gesellschaft und von der Kirche. Sie alle spüren die soziale Kluft, die sich aufgetan hat und die ihnen täglich begegnet. In der Arbeit, beim Amt und auch in der Kirche. Sie sind damit nicht allein. Viele Menschen finden: Deutschland ist nicht gerecht. Um sie wieder in die Gesellschaft hineinzuholen, müssen sie beteiligt werden: in Sportvereinen, an ihrem Arbeitsplatz – und im Vorstand von Kirchengemeinden.

 

Schreiben Sie uns: Was meinen Sie zum Thema soziale Gerechtigkeit? online@epv.de

ARBEITERGESCHWISTER

Die ersten Arbeiterpriester gibt es 1941 in Frankreich. Die Geistlichen arbeiten nicht als Pfarrer in Gemeinden, sondern verdienen ihr Geld als Arbeiter. Ziel ist es, Kirche und Christentum mit der modernen Arbeitswelt in Einklang zu bringen. Der Vatikan hat in den 1950er-Jahren die Bewegung der Arbeiterpriester in den Betrieben verboten.

Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) hat die Kirche diese priesterliche Lebensform offiziell anerkannt. Inzwischen fühlen sich auch Laien und evangelische Pfarrer dieser Tradition verpflichtet, die seit den 1970er-Jahren in der Konferenz der »Arbeitergeschwister« zusammengeschlossen sind. Die Vertreter aus den Niederlanden, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Italien und Spanien treffen sich jedes Jahr.

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