Der Mensch kann nicht ohne Emotionen leben. Und obwohl Gefühle wie Wut, Enttäuschung oder Neid oft negativ besetzt sind, bergen sie zugleich eine andere Kraft: Sie können Aufbruch bedeuten, Motivation schaffen und den Mut zur Veränderung wecken. Genau darum ging es beim Jahresempfang des bayerischen Landesbischofs Christian Kopp am Mittwochabend in der Evangelischen Akademie Tutzing.
Jahresempfang in Tutzing bringt Kirche, Politik und Medien zusammen
Trotz des wechselhaften Wetters mit vorsichtigem Sonnenschein, Graupelschauern und für Mai ungewöhnlich kühlen Temperaturen folgten zahlreiche Gäste der Einladung ins Schloss Tutzing. Vertreter:innen aus Kirche, Medien, Politik, Wissenschaft und Kultur kamen zusammen, um über ein Thema nachzudenken, das aktueller kaum sein könnte: die Macht der Gefühle in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.
Musikalisch eingerahmt wurde der Abend von der Express Brass Band, die mit ihren kraftvollen Bläserklängen für eine zugleich lebendige und erfrischende Atmosphäre sorgte. Zwischen tiefgründigen Gedanken und intensiven Diskussionen setzte die Band musikalische Akzente, die den Empfang auf besondere Weise begleiteten.
Eva Illouz beschreibt die "explosive Moderne"
Im Mittelpunkt des Abends stand der Vortrag der französisch-israelischen Soziologin Eva Illouz zum Thema "Explosive Moderne". Landesbischof Kopp hatte diesen Schwerpunkt bewusst gewählt.
"Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle oft den Ton angeben – im persönlichen Leben und in der Politik. Umso wichtiger sind Räume, in denen wir einander zuhören und Konflikte aushalten", sagte er vorab.
Der evangelische Glaube rechne nicht mit perfekten Menschen und stärke gerade deshalb die Verantwortung für das Gemeinsame.
In seiner Vorrede griff Kopp ebenfalls zentrale Gedanken aus Illouz’ Werk auf. Angst und Scham, so betonte er, entstünden nicht einfach nur in uns selbst. Sie seien eng verbunden mit gesellschaftlichen Erwartungen, mit Bildern eines gelungenen Lebens und dem Druck, ständig mehr aus sich machen zu müssen. Menschen seien heute einerseits freier, gleichzeitig aber oft erschöpfter und ausgelaugter als je zuvor.
Warum Religion Räume für Gefühle schafft
Gerade deshalb sei das Thema auch für Kirche und Religion von besonderer Bedeutung. Religionen waren seit jeher Orte, an denen Emotionen ihren Platz hatten. Orte, an denen Menschen versucht haben, Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Scham, Liebe und Glauben zu verstehen und einzuordnen.
Illouz strukturierte ihren Vortrag in vier große Gefühlsräume der Gegenwart: Wut, Hoffnung, Neid und Enttäuschung. Drei davon gelten gemeinhin als negativ, doch die Soziologin zeigte bewusst auch ihre produktive Seite.
Besonders die Wut beschrieb sie als gesellschaftliche Triebkraft. Im Feminismus sei sie ein Leitbild moderner Bewegungen, denn die gemeinsame Wut über patriarchale Strukturen schaffe Solidarität und politische Bündnisse. Private Emotionen würden so zu gesellschaftlichen Kräften, die politische Debatten und demokratische Prozesse prägen.
Soziale Medien verstärken die Dynamik der Empörung
Auch die sozialen Medien würden diese Dynamik verstärken. Wut sei dort nicht nur sichtbar, sondern werde vielfach als unmittelbare Reaktion auf nahezu jedes gesellschaftliche Ereignis normalisiert. Die Frage dahinter laute:
Wie kann Zusammenleben gelingen, wenn Begegnungen und Zwischenmenschlichkeit zunehmend von solchen explosiven Gefühlen bestimmt werden?
Im anschließenden Podiumsgespräch mit der Journalistin Livia Gerster von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sprach Illouz auch über Scham und Stolz.
"The rejection of shame is pride – and we embrace pride, of course", sagte sie und verwies damit auf eine weitere gesellschaftliche Dynamik: Wo Scham überwunden wird, entsteht Selbstbehauptung. Gerade gesellschaftliche Bewegungen wie "Pride" seien Ausdruck davon.
Hoffnung bleibt stärker als jede Statistik
Doch nicht nur Wut, sondern auch Hoffnung stand im Fokus des Abends – allerdings in ihrer ambivalenten Form.
"Wenn wir eine Sache sicher wissen, dann diese: Die größte Mehrheit aller Träume und Hoffnungen, die wir haben, wird niemals in Erfüllung gehen", sagte Illouz. Trotzdem hielten Menschen an Hoffnung fest.
Als Beispiel nannte sie die hohen Scheidungsraten. Obwohl erste Ehen häufig scheitern und die Wahrscheinlichkeit bei zweiten und dritten Ehen oft noch steigt, entscheiden sich Menschen immer wieder neu für das Ideal romantischer Erfüllung. Die Hoffnung bleibt stärker als die Statistik.
Ähnlich beschrieb sie das Bildungssystem. Obwohl die soziale Herkunft nach wie vor maßgeblich über die Chancen eines Menschen entscheidet und privilegierte Personen deutlich bessere Voraussetzungen haben, steigt gleichzeitig der gesellschaftliche Druck auf alle, immer höhere Abschlüsse zu erreichen und "mehr aus sich zu machen". Die Enttäuschung sei dabei oft vorprogrammiert.
Wenn die Meritokratie ihr Versprechen verliert
Das Ideal der Meritokratie, also die Vorstellung, dass jeder allein durch Leistung alles erreichen könne, sei längst ins Wanken geraten. Die Folge sei eine chronische Enttäuschung, besonders in unteren sozialen Schichten. Viele glaubten, es habe ihnen an Talent oder Fähigkeiten gefehlt, obwohl bestimmte Ziele für sie strukturell nie erreichbar gewesen seien.
So wurde der Jahresempfang des Landesbischofs zu weit mehr als einem klassischen Empfang. Er wurde zu einem Abend, an dem gesellschaftliche Spannungen, politische Entwicklungen und persönliche Erfahrungen miteinander ins Gespräch kamen.
Die Gäste gingen mit neuen Perspektiven und vermutlich auch mit einigen Gefühlen nach Hause. Vor allem aber mit der Erkenntnis, dass Emotionen nicht nur privat sind, sondern unsere Gesellschaft prägen – und damit auch Kirche, Politik und das gemeinsame Leben im Jahr 2026 entscheidend mitgestalten.
Das Buch zum Vortrag: "Explosive Moderne"
In dem Buch "Explosive Moderne" analysiert Eva Illouz Gefühle wie Wut, Angst, Scham und Hoffnung als politische Kräfte unserer Zeit. Mit soziologischen Analysen und literarischen Bezügen beschreibt sie eine Gesellschaft unter emotionaler Hochspannung.
Zum Buch geht es hier.