Millionenprojekt
Holz, Glas, viel Grün und viele junge Leute: so stellen sich die Planer das fertige ECN in Nürnberg vor, den Evangelischen Campus, nahe der Innenstadt. Bald können die Arbeiten am teuersten Projekt der Landeskirche starten.
Projektleiter Stefan Ark Nitsche (r.), der frühere Nürnberger Regionalbischof, mit Bauleiter Sebastian Hagemann.

"Poi und Drachenstäbe" - diese Worten stehen auf einem DinA4-Blatt an einer Tür im Untergeschoss. Dahinter bereitet Daniel Sixl in einem Theatersaal gerade seine Jonglierstunde mit Kugeln an Stricken (Poi) und mit langen Stäben vor. "Die Zeit hier war unglaublich gut", sagt der Jonglier-Trainer. Er meint die Monate, die er in der ehemaligen Oberpostdirektion am Nürnberger Rathenauplatz seine Kurse geben konnte.

Künstler: "Wussten von Anfang an, dass es ein Ende hat"

Die Eigentümerin, die evangelische Landeskirche, die hier in den kommenden Jahren ihren Evangelischen Campus Nürnberg (ECN) entstehen lassen will, hatte Künstlern für eine geringe Miete 2.500 Quadratmeter in dem Gebäude überlassen. "Wir wussten ja von Anfang an, dass es ein Ende hat", meint Künstler Johannes Schießl vom Berufsverband Bildender Künstler Mittelfranken. Aber der eine oder andere habe schon gehofft, dass man über den 30. August hinaus bleiben könne.

"Die Lage war toll", schwärmt Künstlerin Anna-Maria Bieniek, die ihr Atelier nun auch wieder verlassen muss. "Die Leute sind so schnell am Rathenauplatz", ergänzt ihr Kollege, Harald Kienle, der in seinen Atelierräumen Holzskulpturen aus winzigen Brettchen zusammengesetzt hat. In einem der Innenhöfe des großen Gebäudekomplexes steht Gerhard Faul, Geschäftsführer des Theater ArtiSchocken, einem weiteren Zwischenmieter, "auf den ersten Blick ist man erschlagen von der Betonfassade", stellt er fest. Inzwischen mag er aber den Charme der 1960er und 1970er Jahre.

Holz und Glas ersetzt Beton

Wenn im Jahr 2024 der Gebäudekomplex mit seinen 25.000 Quadratmetern Nutzfläche saniert sein wird, werden die Betonfassaden-Teile aber verschwunden und durch Holz und Glas ersetzt sein, so sehen es die Entwürfe des Wiener Architekturbüro Franz & Sue vor. Für 49 Millionen Euro hat die evangelische Landeskirche 2017 das Gebäude gekauft und damals von manchem Nürnberger Immobilienkenner Kopfschütteln geerntet. Inzwischen hätten dieselben Fachleute aber eingeräumt, dass der Kirche da nichts Schlechtes angedreht worden sei, erzählt Projektleiter Stefan Ark Nitsche - wenn auch der Kauf nicht gerade ein Schnäppchen war.

Der frühere Regionalbischof steht zusammen mit Bauleiter Sebastian Hagemann in einem Raum mit ersten Materialmustern für den Umbau. Großformatige Fotos zeigen, wie einmal - Sky-Lounge oder Cafeteria, der große Saal mit dem Foyer, die Kapelle und der Raum der Stille auf einem der Dächer aussehen sollen.

Auch externe Mieter sollen kommen

Zwei U-Bahn-Stationen vom Nürnberger Hauptbahnhof entfernt, in zwei Minuten Fahrt erreichbar, sollen auf 25.000 Quadratmetern die Evangelische Hochschule Nürnberg und die Rummelsberger Akademien einziehen. Einrichtungen der Landeskirche, wie die evangelische Jugend oder das Amt für Gemeindedienst bekommen ihren Platz, der CVJM oder die Evangelische Schulstiftung.

Aber auch für externe Mieter wird geplant. Das gehört ebenso zum Finanzierungsplan wie die 25 Millionen Euro Fördermittel, die beantragt wurden. Denn der Umbau der Bayreuther Straße 1 wird wohl 128 Millionen Euro kosten. So viel hat das Kirchenparlament, die Landessynode, hierfür genehmigt. Auch das Parlament selbst könnte zu seinen Sitzungen hier zusammenkommen, sagt Nitsche. Einen multifunktionalen Saal, der 600 Quadratmeter haben wird, mehrere Besprechungs- und Konferenzräume könnte sie nutzen und müsste so nicht zu jeder Tagung Räume anmieten.

Baugenehmigung soll im Herbst kommen

Im Herbst erwartet die Bauherrin die Baugenehmigung, erzählt Hagemann. Bis dahin werde erstmal entrümpelt: die flexiblen Zwischenwände entfernt, die Rohstoffe wie Gips und Metall recycelt. Die Substanz sei gut, erzählt der Architekt, wenn er zielsicher durch Gänge und Stockwerke der drei Gebäudeteile führt, die Gäste erstmal verwirren. Der damals staatliche Bau sei "in Zeiten des Kalten Kriegs" so solide wie möglich und mit einem atombombensichern Kellergeschoss gebaut worden. Der Beton sei auch im guten Zustand, hätten die Kernbohrungen und Untersuchungen ergeben, sagt Hagemann. Die flexiblen Zwischenwänden könnten überall "einfach" herausgenommen werden. So entstehe für die neuen Nutzer eine Spielfläche, "auf der sie selbst anfangen können zu denken", stellt Projektleiter Nitsche fest.

Das tut zum Beispiel das Team des Amts für Gemeindedienst, das von der Südstadt an den Rathenauplatz umsiedeln wird. Man setze auf ein "großes Mitspracherecht" und freue sich auf ein "modernes, ästhetisch ansprechendendes und gut ausgestatteten Gebäude", sagt Leiterin Gudrun Scheiner-Petry. "Viele von uns sind neugierig und gespannt auf neue Räume, ein neues Miteinander, auf Veränderung der Arbeitsweisen". Es gebe aber auch Unsicherheiten darüber, was mit dem 'Spirit' der jetzigen Einrichtung passiere. "Bleibt er erhalten oder geht er in einem Riesengebilde unter?" Optimistisch ist Scheiner-Petry, dass es gelingen kann mit dem ECN "ein gemeinsames evangelisches Gesicht zu zeigen".

Wird aus dem Betonklotz in drei Jahren wirklich ein ECN als offene Bildungs- und Begegnungscampus, dann wäre dieses Gesicht eines, das die Menschen neugierig auf Kirche macht, wie es Nitsche in einem Interview für die Informationszeitung zum ECN formuliert. Und Kunst und Kultur sollen hier auch wieder einen Platz finden, verspricht er den scheidenden Zwischennutzern.

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