Bei einer F*ck Up Night in Fürth am 24. Oktober erzählen Menschen von gescheiterten Projekten, falschen Entscheidungen und Erfahrungen, die sich nicht einfach in Erfolgsgeschichten verwandeln lassen. Einer von ihnen ist Bertram Unger. Mit seiner Frau hat er eine Idee vorangetrieben, aus der eines der größten Kirche-Kunterbunt-Projekte Deutschlands geworden ist. Bei den Veranstaltungen in Coburg kommen regelmäßig zwischen 400 und 500 Menschen zusammen. Familien entdecken den Glauben, Kinder erleben Kirche als einen Ort, an dem sie willkommen sind, und rund 100 Ehrenamtliche engagieren sich für das Projekt. Von außen betrachtet ist das eine Erfolgsgeschichte.

Doch hinter den Kulissen geriet das Projekt in eine Krise. Als die Arbeit immer umfangreicher wurde, sollte eine hauptamtliche Stelle Entlastung schaffen. Stattdessen entstanden Konflikte über Zuständigkeiten, Verantwortung und Einfluss. Die junge Mitarbeiterin, die das Team unterstützen sollte, kündigte nach einem Jahr. Die Aufgaben blieben – und die Belastung nahm zu.

"Ich habe gemerkt: Man kann auch für etwas ausbrennen, das man eigentlich total liebt", sagt Unger. Er ist Vorsitzender des CVJM Coburg und Leiter der Kirche Kunterbunt Coburg. Für ihn wurde die Krise nicht nur zu einer organisatorischen, sondern auch zu einer persönlichen und geistlichen Herausforderung.

Wenn ein Herzensprojekt zum Konflikt wird

Die Auseinandersetzungen führten Unger zu einer unbequemen Frage: Ging es ihm wirklich nur um Gottes Sache – oder war Kirche Kunterbunt für ihn auch zu einem persönlichen Prestigeprojekt geworden?

"Ich habe das Projekt mit initiiert und aufgebaut, unzählige Abende investiert und viel Herzblut hineingelegt", erzählt er. Dabei habe er es möglicherweise ein Stück weit als sein eigenes Projekt betrachtet. Einen Bibelvers aus dem ersten Korintherbrief habe er in dieser Zeit neu für sich entdeckt: "Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben."

"Das war für mich ein persönlicher Fuck-up-Moment: Man will Gottes Werk voranbringen und verteidigt es so sehr, dass man selbst Teil der Konflikte wird."

Unger sieht darin eine wichtige Frage für den Umgang mit Fehlern: "Ich finde es wichtig, bei einem Scheitern nicht nur nach den Fehlern der anderen zu suchen, sondern auch bei sich selbst anzufangen. Die anderen kann ich schlechter verändern als mich selbst."

Die Krise löste sich nicht durch eine große Reform. Das Team begann, sich regelmäßig mit dem Geschäftsführer der Gesamtkirchengemeinde zusammenzusetzen. Statt übereinander zu reden, wollte man miteinander sprechen. Außerdem konnte eine langjährige Mitarbeiterin für die hauptamtliche Stelle gewonnen werden, die die Menschen und die ursprüngliche Vision bereits kannte. Das half, Brücken zu bauen.

Nicht alle Schwierigkeiten seien verschwunden, sagt Unger. Doch die Zusammenarbeit funktioniere inzwischen wieder deutlich besser. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, auch die eigene Rolle zu hinterfragen und Verantwortung abzugeben. Für ihn bedeutet das nicht, das Scheitern nachträglich als Gottes Plan zu deuten. Es bedeutet vielmehr, ehrlich zu fragen, welchen eigenen Anteil man daran hatte – und was sich daraus verändern lässt.

Menschen in einer Kneipe
Kneipengottesdienst in der Annabar in Schwabach.

Ein Projekt kann zugleich scheitern und gelingen

Auch Michael Käser kennt die Erfahrung, dass eine gute Idee nicht so aufgeht wie geplant. Mit dem Kneipengottesdienst "Gemeinsam am Tresen" wollte er Menschen erreichen, die in der Kirche keine Heimat haben. Besonders eine jüngere Generation sollte einen Ort finden, an dem sie Gemeinschaft erleben und Glauben auf eine andere Weise kennenlernen kann.

Das Konzept setzte auf Begegnung auf Augenhöhe: Statt einer Predigt gab es Gesprächsgruppen an den Tischen, dazu Gemeinschaft und Zeit füreinander. Doch die erhoffte Zielgruppe kam nicht in der erwarteten Zahl. Statt vor allem jüngere Erwachsene anzusprechen, entwickelte sich ein Angebot für Menschen verschiedener Altersgruppen.

"Was uns nicht gelungen ist: ein Format für eine junge Generation zu entwickeln, in dem sich mehrheitlich Menschen dieser Generation treffen", sagt Käser. 

"Wir haben versucht, einen Raum zu schaffen, in dem sich vor allem diese jüngere Generation wohlfühlt. Daran sind wir gescheitert."

Er habe unterschätzt, wie wichtig es sei, ein Projekt in der Zielgruppe zu verankern. Es brauche Menschen, die das Angebot aus eigener Überzeugung weitertragen und ihre Freundeskreise mitbringen. Außerdem habe er die Freizeitgewohnheiten junger Erwachsener falsch eingeschätzt: Die Generation zwischen 18 und 30 sei heute möglicherweise weniger kneipenaffin, als er angenommen habe.

Nach einem halben Jahr habe das Team bereits überlegt, ob es überhaupt weitermachen solle. Mit der Zeit kamen jedoch mehr Menschen. Inzwischen sei es gelungen, einen Gottesdienst zu schaffen, bei dem sich die Teilnehmenden auf Augenhöhe begegnen, miteinander ins Gespräch kommen und anschließend noch zusammensitzen.

"Einen schönen Gottesdienst zu machen, bei dem wir uns auf Augenhöhe begegnen, statt einer Predigt Gesprächsgruppen an den Tischen haben und die Menschen danach noch zusammensitzen und den Abend miteinander verbringen – daran sind wir nicht gescheitert", sagt Käser. "Das ist ein voller Erfolg und supercool. Wir sind also teilweise gescheitert."

Gerade diese Unterscheidung ist ihm wichtig. Es wäre zu einfach, das verfehlte Ziel nachträglich für bedeutungslos zu erklären, nur weil etwas anderes gelungen ist. Die Aufgabe, einen Ort für die ursprünglich anvisierte jüngere Generation zu schaffen, bleibe bestehen.

Käser hat aus dem Projekt vor allem mitgenommen, wie wichtig eine ehrliche Auswertung ist: Was hat funktioniert? Was nicht? Was wurde falsch eingeschätzt? Seine Erfahrungen aus der Jugendarbeit haben ihm gezeigt, dass solche Fragen selbstverständlich dazugehören sollten. Wer offen über Fehler sprechen kann, muss sie nicht als persönliches Versagen behandeln.

Ein Mann und eine Frau vor dem Schild "Das bunte Haus"
Martin Reents und Johanna Huber (v.l.) im Foyer des Bunten Haus Miesbach.

Wenn das Scheitern kein gutes Ende hat

Martin Reents vom Bunten Haus Miesbach erzählt eine andere Geschichte. Das MUT-Projekt selbst besteht seit acht Jahren und hat sich bewährt. Dass bei Innovation nicht alles gelingt, gehört für ihn dazu: "Man macht drei Sachen, zwei gehen schief, eine funktioniert – und das reicht, um den nächsten Schritt zu machen."

Doch Reents kennt auch ein Scheitern, das sich nicht so einfach in diese Logik einfügt. Er wird bei der F*ck Up Night von einer frustrierenden Erfahrung mit Fördermitteln berichten. Es geht um ein Projekt, bei dem der Umgang mit bewilligten Mitteln und die Anforderungen der Förderung zu einem Konflikt führten. Reents beschreibt, wie viel Zeit und Energie in Auseinandersetzungen flossen, statt in die eigentliche Arbeit.

Was ihn daran besonders beschäftigt: Die Geschichte hat für ihn kein versöhnliches Ende. Er könne nicht sagen, dass er daraus etwas gelernt habe oder dass am Ende alles besser geworden sei. "Das ist keine Fuck-up-Story, bei der am Ende alles besser geworden ist", sagt er. 

"Das ist einfach richtig schiefgegangen."

Reents will damit nicht behaupten, dass Förderprogramme grundsätzlich falsch seien. Der Bewerbungsprozess habe auch geholfen, das Projekt an einer lokalen Entwicklungsstrategie auszurichten. Aber seine Erfahrung zeigt, dass nicht jedes Scheitern automatisch zu einer wertvollen Lektion wird. Manchmal bleibt ein Schaden, eine Enttäuschung oder die Erfahrung, dass ein System und die Realität eines Projekts nicht zusammenpassen.

Gerade deshalb ist seine Perspektive wichtig. Eine Fehlerkultur, die aus jedem Rückschlag sofort einen Erfolg durch Lernen machen will, kann selbst zum Problem werden. Sie lässt wenig Raum dafür, dass etwas schlicht misslingt – und dass Betroffene darüber frustriert sein dürfen.

Anna-Nicole Heinrich: Scheitern ist nicht dasselbe wie ein Fehler

Auch Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), will bei der F*ck Up Night von Rückschlägen erzählen. Ihre Beispiele reichen von einer abgesagten Präsenzsynode bis zu einem misslungenen Haarschnitt für einen Hund, auf den sie aufgepasst hatte. Anhand des Hundes habe sie erlebt, wie groß die Versuchung sein könne, einen peinlichen Fehler zu vertuschen: Im Nachhinein habe sie versucht, das Ergebnis auf Fotos zu kaschieren. Ähnlich werde auch bei größeren Vorhaben manchmal versucht, Missgeschicke zu überspielen, statt offen damit umzugehen.

"Nicht alles, was sich wie Scheitern anfühlt, war ein Fehler. Eine Idee kann scheitern, ohne dass jemand etwas falsch gemacht hat", sagt Heinrich. Entscheidend sei, das Geschehene anzuerkennen, statt es zu vertuschen oder zwanghaft in eine Erfolgsgeschichte umzudeuten.

In der evangelischen Kirche beobachte sie, dass es durch den gewachsenen Druck auf das Gesamtsystem schwieriger werden könne, offen anzusprechen, wenn etwas nicht mehr funktioniere. Das betreffe neue Projekte ebenso wie etablierte Angebote und Strukturen. Auch Bewährtes müsse daraufhin überprüft werden, ob es unter veränderten Bedingungen noch trage und was gegebenenfalls angepasst werden müsse.

Gerade wenn viel Herzblut in einem Projekt stecke, könne Kritik daran persönlich treffen. Umso wichtiger sei es, Entscheidungen hinterfragen zu können, ohne die Wertschätzung füreinander infrage zu stellen. 

"Wenn viel Herzblut in einem Projekt steckt, kann Kritik daran persönlich treffen. Umso wichtiger ist, dass wir eine Entscheidung hinterfragen können, ohne einander die Wertschätzung zu entziehen."

Das Problem zeige sich auf allen Ebenen, vom Posaunenchor bis zum Rat der EKD. Selbst wenn Beteiligte bereits Zweifel hätten, ob eine Entscheidung oder ein Vorhaben funktionieren werde, werde das manchmal nicht ausgesprochen, weil niemand andere verletzen wolle. So werde aus Rücksicht auf Personen mitunter zu lange an einem Vorhaben festgehalten.

Der christliche Glaube biete dafür eine theologische Grundlage: Menschen müssten sich Gottes Liebe nicht durch Leistung verdienen. Wer seinen Wert nicht durch Erfolge beweisen müsse, könne eher eingestehen, dass etwas misslungen sei. "Nur weil ich etwas verbockt habe, mit einer Idee gescheitert bin oder mein Ziel nicht erreicht habe, heißt das nicht, dass ich als Person gescheitert bin", sagt Heinrich. Auch müsse nicht aus jeder Niederlage nachträglich eine Erfolgsgeschichte werden.

Daraus folge für sie eine Verantwortung gegenüber anderen. Wer Menschen zum Experimentieren und Ausprobieren ermutige, müsse sie auch im Scheitern begleiten. Das bedeute nicht, Rückschläge schönzureden oder Menschen aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Vielmehr gehe es darum, anzuerkennen, wie enttäuschend ein Scheitern sein könne, und die Betroffenen damit nicht allein zu lassen.

F*ck Up Night in Fürth

Am Samstag, 24. Oktober 2026, um 19 Uhr erzählen Menschen aus Kirche und Innovationsarbeit in der Kofferfabrik Fürth offen und selbstironisch vom Scheitern. Der Abend bietet persönliche Geschichten, Live-Musik und Gespräche mit dem Publikum. Der Eintritt ist frei.