Wer am 20. November ins Haus Contact kommt, darf seine angefangenen Stricksachen mitbringen. Oder das Brettspiel, das seit Monaten im Schrank liegt. Oder Briefpapier für den Brief, den man schon so lange schreiben wollte. Man darf aber auch einfach nur essen, zuhören, reden – oder nichts von alledem. Ein Programm, das man absolvieren muss, gibt es nicht. Genau darum geht es.
"Zeit für dich" heißt das Angebot, zu dem das evangelische Dekanat Coburg und der CVJM zweimal im Jahr Erwachsene einladen, diesmal von 18 bis 22 Uhr, kostenlos und ohne Anmeldung. Victoria Fleck, Pfarrerin in der Pfarrei Evangelisch unter der Veste, beschreibt den Kern der Idee mit einem Satz, der eher nach Selbstkritik klingt als nach Werbung. Sie wisse gar nicht, ob Kirche das verlernt habe, "oder ob Kirche einfach in der heutigen Zeit nicht gut genug erzählen kann, dass sie nichts erwartet".
Ankommen, ohne etwas zu müssen
Wie diese Erzählung praktisch aussieht, schildert ihre Kollegin Isabel Wais, Pfarrerin in der Pfarrei Coburg Süd. Am Eingang begrüßt ein Willkommensteam jeden Gast persönlich. Das Haus ist geschmückt, ein Buffet mit selbst gemachtem Essen wartet. An Mitmachstationen kann man sich einfach dazusetzen. Und es gibt Raum für das, "was man selber schon die ganze Zeit mal machen wollte, aber vielleicht nie Zeit dafür hat".
Gerade für Menschen, die keiner Gemeindegruppe angehören, soll so die Hürde sinken. Wer kennt dort wen? Was wird von mir erwartet? Das Gefühl, das der Abend vermitteln soll, fasst Fleck so zusammen: "Hier kann ich auch alleine hinkommen und ich werde mich nicht komisch fühlen." Vielleicht, sagt sie, sei genau das etwas, "was Kirche neu lernen muss".
Die Menschen, die am Sonntag fehlen
Entstanden ist "Zeit für dich" aus einer schlichten Frage: Haupt- und Ehrenamtliche überlegten, wo sie selbst eigentlich gern einmal hingehen würden. Daraus wurde eine Kooperation von Kirchengemeinden und CVJM, angelehnt an die "Kirche Kunterbunt", die Kinder und ihre Familien mit kreativen Stationen anspricht. Nur eben für Erwachsene.
Dahinter steht eine Beobachtung, die Wais jeden Sonntag macht: "dass da einfach bestimmte Menschen in unseren Gottesdiensten fehlen". Kinder erreiche die Kirche mit Kinderangeboten, Paare über Hochzeiten, Ältere kämen oft mit ihrem Bekanntenkreis. Für junge Erwachsene, Singles oder Menschen ohne Kinder dagegen gebe es kaum Angebote.
Wer dann tatsächlich kommt, ist allerdings bunter gemischt. Viele Gäste stammen aus den Gemeinden und aus dem CVJM, so Fleck. Von "Wunschgästen" will sie gar nicht sprechen. Schön sei vielmehr, "eine Gemeinschaft zu haben, die offen ist" und zu der man an einfach dazugehören kann.
Winterruhe: Bei Gott steht niemand auf dem Prüfstand
Dass Kirche nichts erwartet, ist für Isabel Wais keine Werbeformel, sondern Theologie. Das Motto "Winterruhe" soll daran erinnern, dass es Räume geben muss, "die eben nicht so durchgetaktet sind". Ein Alltag ohne solche Pausen mache auf Dauer krank. Wais verweist auf den biblischen Ruhetag, den Schabbat, und auf eine Grundüberzeugung des Glaubens: "dass Gott nicht die großen Forderungen die ganze Zeit an uns stellt, sondern uns grundsätzlich erstmal annimmt". Bei Gott, sagt sie, stehe man nicht auf dem Prüfstand und müsse nicht ständig etwas leisten.
Das wolle man in jedem Gottesdienst vermitteln. Bei "Zeit für dich" soll man es aber ganz praktisch erleben: in einer warmen, "muckeligen" Atmosphäre, in der man ankommen und sich sogar auf die ruhige, dunkle Jahreszeit freuen kann.
Wo bleibt Gott?
Ein "fettes Kreuz", wie es Besucher beim Betreten einer Kirche sofort sehen, hängt im Haus Contact nicht. Das Kirchliche zeige sich vor allem an den Menschen, sagt Wais: Die Haupt- und Ehrenamtlichen engagierten sich aus innerer Glaubensüberzeugung, dadurch entstünden Gespräche, "die über das Alltägliche hinausgehen". Gegen 20 Uhr gibt es außerdem eine Segenszeit mit Live-Musik und einer Andacht.
Victoria Fleck braucht dafür nicht mehr: "Ich glaube, überall da, wo Menschen zusammenkommen und nach Segen suchen, da ist Gott mittendrin." Und sie fragt zurück: "Und was, wenn nicht das, ist dann Kirche?"
Erfolg, der sich nicht zählen lässt
Folgerichtig misst Fleck den Erfolg nicht daran, ob Gäste danach häufiger in den Gottesdienst gehen, so schön das wäre. Sie erzählt lieber von Momenten. Von einer Silent Disco, bei der plötzlich Menschen ganz unterschiedlicher Generationen miteinander tanzten. Von einem Abend, an dem zum Abbau mehr Leute da waren als zum Aufbau. Und von einer jungen Frau, die als Kind und Jugendliche in einer Kirchengemeinde zu Hause war, nach einem Umzug aber keinen Anschluss mehr fand. Bei "Zeit für dich" war sie sofort Feuer und Flamme und bot gleich selbst Action Painting in der Kirche an. "Dann kommt es gar nicht darauf an, wie viele Menschen an dem Abend da sind", sagt Fleck.
Widerstand aus den Gemeinden habe es nicht gegeben, im Gegenteil: Viele Ehrenamtliche hätten sofort mitmachen wollen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es weniger Mut als Lust braucht." Was am Ende herauskomme, wisse man ohnehin nie, bei bewährten Formaten genauso wie bei neuen.
Eigentlich nichts Neues
Muss sich Kirche also neu erfinden? Fleck ist da zurückhaltend. Vielleicht müsse sie sich nur darauf besinnen, dass sich Menschen in Gemeinden schon immer getroffen hätten, auch jenseits des Sonntagsgottesdienstes: zum Reden, zum Essen, zum Basteln. Im Frühjahr findet "Zeit für dich" im Rahmen der Vesperkirche statt. "Menschen essen gemeinsam und das ist Kirche."
Formate wie dieses seien längst nicht mehr einzigartig, sagt sie. Vielerorts gehörten sie so selbstverständlich zum kirchlichen Leben wie der Gottesdienst am Sonntagmorgen. "Und insofern hat sich die Kirche längst schon verändert."
Am 20. November heißt das im Haus Contact: ankommen, essen, reden, vielleicht ein paar Reihen stricken. Und danach nach Hause gehen, ohne dass irgendjemand gefragt hat, was man heute eigentlich geschafft hat.