Juli 2025, Festivalgelände Open Beatz, Herzogenaurach.
Während am Freitag um 16 Uhr die ersten DJ-Acts auf den verschiedenen Bühnen für Stimmung sorgen, findet in einer Holzhütte auf dem Campingplatz eine ganz andere, aber ebenso sorgfältig eingeübte Choreografie statt.
Kurz vor vier Uhr flüchten zwei Festivalbesucherinnen in die Hütte, um sich vor dem einsetzenden Regen zu schützen. Denn die Hütte ist ein Ort, den viele Schutzsuchende gezielt ansteuern: eine Kirche.
Mitten auf dem Campinggelände, an dem wirklich jede Festivalbesucherin früher oder später vorbeikommt, steht die Open Church – eigens für dieses Wochenende auf dem Open-Beatz-Musikfestival errichtet.
Ein ungewöhnlicher Anblick, gewiss. Doch mit ihrem kleinen Kirchtürmchen und dem – sagen wir mal – kreativ interpretierten Kreuz an der Eingangstür, das aus leeren Bierdosen und Panzertape gebastelt wurde, ist sie unverkennbar.
Sascha und Leonie heiraten auf dem Open Beatz
Und auch wenn es auf den ersten Blick nicht ganz ernst gemeint wirkt, wenn sich alles um Beerpong-Tische und Ghettoblaster dreht, findet um Punkt 16 Uhr in der Open Church eine ernsthafte Trauung statt.
Sascha und Leonie wollen sich das Jawort geben.
Im Herbst steht ihre standesamtliche Hochzeit mit großer Feier an, doch die evangelische Trauung findet hier und heute in der provisorischen Kirche statt, geleitet von Pfarrer Michael Wolf.
Was zunächst außergewöhnlich klingt, hat seinen Ursprung: Sascha und Leonie betrachten das Open Beatz bis heute als ihr großes gemeinsames Hobby.
Und die Kirche wurde keineswegs nur schnell und lieblos aufgebaut. Die hölzerne Open Church sieht sowohl von außen als auch von innen liebevoll gestaltet aus. Hier ein Blumenkranz, dort ein Weihwasserbrunnen, daneben eine Feuerstelle mit Sitzgelegenheiten aus dekorierten Paletten. Vorne steht ein geschmückter Altar und auf eBay wurden eigens mehrere Kirchenbänke ersteigert, an einer davon hängt ein metallenes "Mr. & Mrs.”-Schild.
Diese Braut ist nicht wie jede andere
Dann beginnt alles wie bei einer Hochzeit: Die Gäste in Kleidern und Hemden nehmen tuschelnd auf den Bänken Platz. In der ersten Reihe sitzen Familienmitglieder. Schnell werden noch Dekorationen, Kärtchen und Musikboxen zurechtgerückt. Ein paar Minuten vor Beginn liegt trotz der ausgelassenen Festivalstimmung ein Hauch Nervosität in der Luft.
Die Braut stimmt sich noch mit einer Freundin und dem Pfarrer über den Einzug ab. Alle stellen sich auf. Zwar trägt Leonie ein klassisches, weißes Brautkleid, doch durch den kurzen Schnitt und die Kombination mit Cowboy-Stiefeln wird schnell klar: Diese Braut ist nicht wie jede andere. Auch ihr Bräutigam bleibt sich treu und erscheint in weißen Sneakern und dem T-Shirt eines bekannten Sportartikel-Herstellers – lässig, aber feierlich.
Am Arm eines Begleiters schreitet Leonie ein, während im Hintergrund "Wildest Dreams” von Taylor Swift läuft – ein modernes Hochzeitslied. Vorne angekommen, umarmt sie ihren Begleiter liebevoll. Dann nehmen Braut und Bräutigam gemeinsam auf zwei weißen Plastikstühlen Platz, die für diesen Tag kaum symbolträchtiger sein könnten. Auch hier ist der linke mit "Mrs.", der rechte mit "Mr." beschriftet.
Während draußen der Regen laut auf die Dachplane der Kirche prasselt, begrüßt Pfarrer Wolf die Hochzeitsgesellschaft. Es ist auch für ihn die erste Trauung in einer Festival-Kirche. Er findet schöne Worte, beschreibt Leonies und Saschas Gemeinsamkeiten, ihre Beziehung und die Herausforderungen, die sie bereits gemeinsam gemeistert haben.
"Ja, ich will" mit verliebtem Blick
Die Gäste schreiben ihre Wünsche auf Karten und stecken sie in eine Box. Währenddessen macht der Pfarrer ein Selfie mit seiner ersten Festival-Hochzeitsgesellschaft. Im Hintergrund werden Fähnchen für den Auszug verteilt und der Sekt für den Empfang an den Stehtischen vorbereitet.
Dann ist es so weit: Das Paar steht auf und Pfarrer Wolf fragt die beiden nacheinander, ob sie gemeinsam durchs Leben gehen, Arbeit und Freizeit, Last und Leichtigkeit, Freude und Treue sowie Sorgen und Träume miteinander teilen möchten.
Beide antworten mit verliebtem Blick: "Ja, ich will."
Es werden Ringe getauscht, der Pfarrer segnet die Ehe und es folgt der erste Kuss. Ein lauter Applaus bricht los. Alles wie bei einer ganz richtigen Hochzeit – denn genau das ist es ja auch.
Ein Teil, der jedoch nicht ganz alltäglich ist, betrifft uns: Pressevertreter*innen und Neugierige sind vor Ort, machen Aufnahmen und beobachten, denn so etwas hat es hier noch nie gegeben.
Danach geht es wieder aufs Festival
Das frisch getraute Paar steht auch nach dem Auszug noch für Fotos und Gespräche bereit. Und danach? Natürlich geht es wieder aufs Festivalgelände, wo zwei fast volle Tage mit unzähligen Künstler*innen und Partys warten.
Eine Festival-Hochzeit ist sicher nicht für jede*n etwas. Aber diese war rundum gelungen und passte perfekt zu dem glücklichen Paar.
Nach so einem Auftakt darf gern noch mehr folgen. Die Open Church wird es auch in den kommenden Jahren auf dem Open Beatz geben. Wer also im Juli 2026 ebenfalls vor den Altar treten möchte, sollte sich frühzeitig Festival-Tickets sichern, sich verloben und sich beim Open-Church-Team melden.