Unlängst schüttelte einer in einem sozialen Medium virtuell den Kopf über die Depressivität meiner letzten Sonntagsblattkolumne. Ich nehme diese Kritik zum Anstoß, mich in dieser Kolumne noch depressiver zu äußern. Es geht mir nämlich ein wenig wie dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Der sagte vor kurzem bei seinem Auftritt auf dem Monte Verità, er habe sich immer gewünscht, einen Roman mit Happy End zu schreiben, nur sei ihm das leider bislang nicht gelungen.

Ich selbst würde es so sagen: Weil mir das Happy End nicht gegeben ist und weil kein Mensch und keine Menschheit dieses Happy End zu bewerkstelligen vermag, überlasse ich das Happy End lieber Gott. Die Steine auf den Gräbern der Welt sind schlicht zu schwer für den Homo sapiens. Man kann sich und Andere aufgrund dieser Schwere damit zu trösten suchen, dass sich das Leben durchsetzt und dass dies die Osterbotschaft und das Happy End sei. Aber der Satz "Das Leben setzt sich durch" ist nicht österlich, sondern unterirdisch. Und er macht sich halt doch leider besser auf Bomben als auf der Kinderonkologie. 

KI im Seminar: Wenn Studierende das Denken outsourcen

Also zurück zur Depression. Sie beschleicht mich derzeit nicht nur angesichts der Weltlage, sondern auch beim Korrigieren mancher schriftlicher Studienarbeiten. Bereits nach der Lektüre weniger Sätze weiß ich, wes Geistes Kinder diese Hausarbeiten sind – und zwar Kinder der KI. Ich will diese Erfahrung keineswegs verallgemeinern, weil gerade die engagiertesten meiner Studierenden ihrem Namen, also dem Sinn des lateinischen Wortes "studium", nach wie vor alle Ehre machen.

Sie widmen sich voller Eifer und Leidenschaft schwierigsten theologischen Themen und kämen nie auf die Idee, ihr Selbststudium an die KI wegzuwerfen. Dafür werden sie nicht nur mit Bestnoten, sondern auch mit eigenen Erkenntnissen belohnt, die sie womöglich ein Leben lang "zwischen den Ohren" haben und anderen weitergeben können, ohne dass sie im Lauf ihres Berufslebens jedesmal von Neuem das Internet konsultieren müssen, um sich theologische Informationen zu beschaffen oder ein theologisches Urteil zu bilden.

Warum KI so verführerisch ist – und wie teuer wir sie bezahlen

Aber es gibt eben auch die Anderen, deren Geist nicht willig und deren Fleisch schwach ist und die von der bloßen Existenz des Mediums der KI dazu verführt werden, von ihm Gebrauch zu machen. So ist das mit den Medien. Gerade die genialsten von ihnen sind deshalb unwiderstehlich, weil sich ihre Nutzerinnen und Nutzer einen Gewinn von ihnen versprechen, ohne auch den Preis zu registrieren, den sie dafür zahlen. Je besser ein Medium funktioniert und je weniger es von Magie zu unterscheiden ist, desto unwiderstehlicher ist es, den Heiligen Geist in der Maschine zu vermuten und die KI sozusagen mit dem Wort zu verwechseln, das Johannes 1 Vers 1 zufolge am Anfang war.

Noch merke ich bei der Lektüre KI-erzeugter theologischer Texte wie gesagt sehr schnell, aus welcher "Feder" sie stammen. Auch deshalb, weil die Nutzung künstlicher Intelligenz halt leider doch nicht selten mit einer natürlichen Dummheit einhergeht, die sich gar nicht bemüht, das von der KI Ausgespuckte nochmals zu reflektieren oder zu raffinieren. Und diese Dummheit, die natürlich auch eine kulturell generierte Dummheit, also sozusagen die Dummheit des digitalen Zeitalters ist, kann sich nicht vorstellen, dass jemand in der Lage sein könnte, ein KI-Erzeugnis von einem Nicht-KI-Erzeugnis zu unterscheiden.

Genau davor aber fürchte ich mich. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich es nicht mehr merke, dass ich einen KI-Text vor mir habe. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich am Turing-Test scheitern und eine KI-generierte, im Stil von Ralf Frisch verfasste Kolumne für eine Kolumne von mir halten werde.

"Smooth" statt substanziell: So klingen theologische KI-Texte

Und ich habe auch noch eine andere Angst. Ich fürchte mich nämlich davor, dass Menschen, die seit ihrer Kindheit KI nutzen, schon bald so abgestumpft sein werden, dass sie in KI-Texten nichts mehr vermissen. Wer nur noch KI-generierte Texte konsumiert und keine anderen Texte mehr kennt, dem wird nichts mehr fehlen, wenn irgendwann alle menschlichen Autorinnen und Autoren von der Bildfläche und von den Bildschirmen verschwunden sein werden.

Noch allerdings ist es nicht so weit. Und noch weigere ich mich, mich damit abzufinden, dass es diese menschlichen Autorinnen und Autoren bald nicht mehr brauchen wird. Ich leide vielmehr immer schmerzlicher unter den KI-generierten theologischen Hausarbeiten, die sich wie Werbeannoncen lesen, in denen lichtdurchflutete Wohnungen oder Urlaubsziele angepriesen werden – oder anders gesagt: die ein wenig zu aufdringlich nach Zuckerwatte schmecken. Man könnte den Flavour dieser Texte als "smooth" bezeichnen. Jedenfalls geht ihre Lektüre runter wie Öl.

Wären diese Texte Bilder, würden sie an Sektenästhetik erinnern. Wären sie Songs, würden sie den einlullenden Endlosschleifen des Easy Listening gleichen, die immer ein bisschen nach Porno klingen. Das Happy End und die friedliche Harmonie, die manche in meinen Kolumnen vermissen, ist in den Feel-good-Texten der KI jedenfalls allgegenwärtig. Aber es ist ein ideologisches Happy End. Zu schön und zu glattpoliert, vor allem aber zu ecken- und kantenfrei, zu zusammengerührt und zu fertigsoßig, um wahr sein zu können. Viele KI-Cocktails muten wie aus dem moralischen Bilderbuch des ZDF an. Obendrein kommen sie auf den scheinbar krallenlosen Samtpfoten der Empathie daher. Und zwar so sanft, dass die Pulsadern derjenigen, die der KI mangels sozialer Kontakte ihr Herz ausschütten, quasi von alleine aufgehen.

Die Kirche des leeren Wortes: Fünf Szenarien, die Frisch fürchtet

Ich hoffe ja um der natürlichen Intelligenz und der menschlichen Phantasie willen, dass theologische KI-Texte noch lange so gestrickt sein werden, dass ihre Leserinnen und Leser sich um so mehr nach authentischen, lebenserfahrungsgesättigten Stimmen sehnen – also in meinem Fall nach den Stimmen meiner Studierenden, die ernsthaft mit theologischen Problemen und um überzeugende theologische Worte ringen.

Die schönsten Studienarbeiten sind eigentlich die, die wie der Erzvater Jakob hinkend aus dem Kampf mit ihrem Thema hervorgehen. Und das gilt natürlich nicht nur für theologische Studienarbeiten, sondern für alle theologischen Äußerungen, die ihren Namen verdienen. Theologische KI-Texte dagegen hinken nicht – selbst dann nicht, wenn man sie bittet, einen hinkenden Eindruck zu erwecken. Noch nicht. Denn ich mache mir natürlich keine Illusionen. Bald werden sich die Reihen schließen, und zwischen die Texte wirklicher Menschen und die Texte der KI wird kein Blatt mehr passen. Bald wird sich niemand mehr nach Texten von Menschen sehnen, weil es immer weniger originäre Texte von Menschen geben wird. Und bald werden auch und gerade in einer Kirche des Wortes die Worte der KI den Ton angeben.

Hier ist sie also, meine Horrorvision. Mir graut vor einer evangelischen Kirche, in der die kirchenabwicklungsmanagementüberlasteten theologisch-pädagogischen Hauptamtlichen immer mehr auf technisch erzeugte Verkündigungstexte zurückgreifen werden, um sich technokratischeren Tätigkeiten zuzuwenden. Mir graut vor einer evangelischen Kirche, die ihre theologische Reflexion rückstandsfrei an die KI outsourct und entsorgt. Mir graut vor einer evangelischen Kirche, deren Worterzeugnisse irgendwann nicht mehr unterscheidbar sein werden von den eingängigen Rhetoriken und aalglatten Inhalten sanfter ideologischer Überwältigungsverlautbarungen.

Mir graut vor einer Kirche des Wortes, die irgendwann zur Kirche der leeren Worte geworden sein wird. Und mir graut auch noch vor etwas anderem. Mir graut davor, dass die kulturtechnologische Revolution der KI das theologische Niveau kirchlicher Äußerungen nicht absenken, sondern anheben und ich eines Tages froh sein könnte, nicht mehr die leeren theologischen Worte von Menschen, sondern die Worte einer KI vor mir zu haben. 

Buchdruck damals, KI heute – wer gewinnt die nächste Reformation?

Auch die Reformation profitierte bekanntlich von einer kulturtechnologischen Revolution, nämlich vom Buchdruck. Die Frage ist, wer fünfhundert Jahre später von der kulturtechnologischen Revolution der KI profitiert. Ich fürchte, dass sie den Geistlichen endgültig den Geist austreiben und uns ins späte Mittelalter zurückbefördern könnte.

Die intellektuelle Verkümmerung und die spirituelle Erbärmlichkeit des Klerus waren seinerzeit derart gravierend und flächendeckend, dass die Reformatoren leichtes Spiel hatten, in den Landschaften des geistigen und geistlichen Kahlschlags ihre Kathedralen des Wortes zu errichten. Möglicherweise wird der Knoten der Geschichte diesmal aber anders auseinandergehen. Und zwar so, dass das Spiel nur eine Gewinnerin kennt – die KI nämlich, die uns so lange unerbittlich unter das Bewusstsein greifen wird, bis wir aus der Tiefe unserer imaginativen Innenwelten an die spiegelglatte Oberfläche getaucht und nach dem Bilde der KI geformt sind.

Gegen den Strom: Warum echte Worte jetzt wichtiger sind denn je

Soviel zu meiner Horrorvision. Gottseidank habe ich aber auch eine andere Vision. Es könnte ja sein, dass die evangelische Kirche inmitten der geistesvernichtenden Flut der KI-Worte die echte Gegenwart segnender Berührung und seelsorgerlicher Begegnung und die erhebende Kraft des lösenden geistesgegenwärtigen Gesprächs wiederentdeckt. Wer weiß, vielleicht entdeckt sie ja auch das Geheimnis der Realpräsenz sakramentaler Gemeinschaft wieder.

Oder gar die Faszination des Schweigens. Leider gehört es ja zum Wesen der Kirche des Wortes, dass in ihr zwar glücklicherweise auch gesungen und musiziert, aber eben auch viel zu viel geredet und viel zu wenig geistlich geschwiegen wird. Ja, die KI kann Worte machen und sich Menschen suchen, die durch die Weitergabe dieser Worte gewissermaßen ihrerseits zur KI mutieren. Dann werden irgendwann alle Predigten und alle schriftlichen Äußerungen des Protestantismus gleich nichtssagend klingen und niemanden mehr anrühren, inspirieren und erheben.

Aber vielleicht wird gerade in einer Zeit monokultureller verbaler Dauerbeschallung eine Sehnsucht nach Ruhe vor geistlosem Geplappere, eine Sehnsucht nach echter Stille und eine Sehnsucht nach schweigender Besinnung wach werden. Was die KI nicht kann und was auch dem Protestantismus schwerzufallen scheint, ist Schweigen. Ich glaube ja, dass dem Protestantismus – und natürlich auch dem Verfasser dieser Kolumne – echtes geistliches Schweigen und echte meditative Sprachlosigkeit mitunter ganz gut anstünden.

Vielleicht wird sich in der Kirche des Wortes aber ja auch eine Sehnsucht nach echten Worten, womöglich sogar nach dem echten Wort Gottes regen. Vielleicht werden immer mehr evangelische Geistliche der Versuchung der durch KI-Nutzung noch mehr geschmierten Vaselineverkündigung zu widerstehen wagen. Vielleicht wird sich der Protestantismus angesichts der immer übermächtiger werdenden Konkurrenz der wortvirtuosen künstlichen Intelligenz dazu aufraffen, die Komfortzone des stromlinienförmigen Intelligenzgebrauchs zu verlassen, sich in die Stresszone geistlich-geistiger Anstrengung zu begeben und wie weiland vor fünfhundert Jahren zu einer Kirche der gegen den Strich gebürsteten, nicht nur erden-, sondern himmelsschweren Worte zu werden.

Ich träume jedenfalls von einer Kirche, die die Tugend streitbarer und streitlustiger Sprachfähigkeit wiederentdeckt und sich davor hütet, Worte zu machen, die wie Gleitcreme sind und weder aufhorchen lassen noch Lust machen oder Trost spenden. Ich träume von einer Kirche, deren Äußerungen man ihre göttliche Herkunft anhört und die nicht Friseurgesprächen gleichen, denen man anmerkt, dass Köpfe der Haare wegen da sind. Ich träume von einer Kirche der Andersworte, der unerwartbaren banalitätsresistenten Pointen und der sperrigen und irritierenden, vielleicht sogar skandalösen, aber um so erlösenderen Gegenerzählungen.

Und last but not least träume ich von einer Kirche, deren Verheißungsworte so kraftvoll sind, dass sie den Stein von den medialen Gesinnungsgräbern wälzen und die darin verbarrikadierten Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit und aus ihrer KI-generierten Dummheit ans Licht des Geistes und der Freiheit führen.

Wenn dieser Traum wahr werden würde, wäre das ein Fest. Es wäre ein Fest der Predigt. Ein Fest der Liturgie. Ein Fest der Pädagogik. Ein Fest der Theologie. Ein Fest der Publizistik. Ein Fest der Seelsorge. Ein Fest des Evangeliums. Ein Fest der Kirche. Und es wäre vielleicht sogar ein Happy End.