Seit wenigen Jahren bietet "Bildung evangelisch zwischen Tauber und Aisch" einen Ausbildungskurs für Kirchenführerinnen und Kirchenführer an. Im Herbst 2026 startet der nächste Durchgang, sagt Maria Rummel, Referentin in der Erwachsenenbildung: "Wir haben 2021 gemeinsam mit Pfarrern und Fachleuten den ersten Kurs entwickelt. Inzwischen haben wir rund 40 Menschen ausgebildet." Viele entdecken durch die Ausbildung ihre Kirche und ihren Glauben neu.
Die Führungen sind immer mehr als Architekturvermittlung. Bei Kindern geht es ums Entdecken, bei Erwachsenen um Vertiefung. Manche schließen mit Musik, Gebet oder Segen, andere mit einem Kaffee oder einem Besuch im Eiscafé nebenan – wie es in der neuen Kirchenführer-Broschüre empfohlen wird.
Was lernt man, wenn man Kirchenführer wird? "Ganz sicher nicht nur, wann welcher Altar gebaut wurde", lacht Friederike Enser, die durch St. Kilian in Bad Windsheim führt. Es geht um Kirchengeschichte, Architektur und Theologie, aber ebenso um Spiritualität, Kommunikation und Pädagogik. Die angehenden Führer lernen, wie man unterschiedliche Gruppen anspricht – Schulklassen genauso wie Frauengruppen oder Touristen auf der Durchreise.
Kirchen persönlich erleben: Von der Führung zum spirituellen Zugang
"Früher waren Führungen oft reine Zahlen-Daten-Fakten-Veranstaltungen", erzählt Enser. "Aber bei uns geht es darum, den Raum spirituell erfahrbar zu machen. "Meine Kirche zeigen" ist ein Leitmotiv dieser Ausbildung geworden – Ausdruck einer Haltung, die die Kirchenräume nicht als museale Orte versteht, sondern als lebendige Räume, in denen Glaube, Geschichte und persönliche Erfahrung miteinander verschmelzen.
Wie unterschiedlich das sein kann, zeigt der Alltag: Eine Führung mit Achtklässlern von der Wirtschaftsschule verlangt andere Formen als eine für christliche Frauengruppen. Und die Methoden sind ebenso divers: Erika Dietrich-Kämpf lässt Jugendliche auch mal mit Zettel und Stift Fragen notieren, Claudia Dentzer nutzt Schreibimpulse: Erst mal in Ruhe hinsetzen, Eindrücke sammeln, Stimmungen spüren. So wird aus einer Führung eine Entdeckungsreise.
Persönliche Geschichten prägen Kirchenführungen und schaffen Nähe
Für Claudia Dentzer ist die Kirche St. Kilian ein Stück Heimat – und Herzenssache. "Das ist die Kirche meiner Kindheit. Mein Vater war hier einst Dekan, meine Mutter hat an der alten Orgel gespielt. Ich bin hier groß geworden. Diese Erinnerungen bringe ich in meine Führungen ein. Die Menschen spüren das." Auch Erika Dietrich-Kämpf, Kirchenführerin in der Seekapelle Bad Windsheim, erzählt von einer engen Bindung: "Ich lebe seit 35 Jahren in Deutschland und Kirche war für mich immer etwas Naheliegendes. Ich sehe die Seekapelle, wenn ich aus dem Fenster schaue, höre morgens und abends die Glocken. Das gehört zu meinem Leben."
Friederike Enser liebt die Architektur und die Geschichte von St. Kilian, aber sie will auch wachrütteln:
"Ich finde es erschreckend, wie selbstverständlich viele Menschen an Kirchen vorbeigehen. Das ist eine Ignoranz, gegen die ich etwas tun will. Unsere Kirchen sind Kulturschätze! Jede Fuge, jedes Detail erzählt von Menschen, die ihr Wissen und ihren Glauben hineingelegt haben."
Für sie ist jede Führung ein Versuch, das Staunen zurückzubringen. "Unsere Kirchen prägen das Land. Wenn wir es schaffen, Menschen dafür zu begeistern, bewahren wir ein Stück Seele unserer Orte."
Ausbildung: Liturgie, Didaktik und Stimme professionell verbinden
Die Kurse dauern circa ein Jahr, mit regelmäßigen Wochenendmodulen. Auf dem Programm stehen Kunstgeschichte, Theologie, Liturgie, Spiritualität und Didaktik – aber auch Übungen zur Stimme, Gruppenleitung oder Präsentation.
Am Ende jeder Ausbildung steht eine "Probeführung", bei der einer der Teilnehmer seine Kirche vorstellt und die Gruppe anschließend reflektiert. "Es ist ein lernendes Miteinander, kein Wettbewerb", sagt Maria Rummel. "Aber Qualität ist uns wichtig. Wer sich nicht auf den spirituellen Zugang einlässt, bekommt kein Zertifikat." "Eine Teilnehmerin sagte nach der Ausbildung: 'Mein Leben hat sich verändert. Ich bin reicher geworden, ich bin wieder gefragt.' Das zu hören, ist für mich das schönste Kompliment", erzählt Rummel.
Auch über die Dekanatsgrenzen hinaus gibt es Austausch – mit anderen Bildungswerken in Bayern. Denn die Ausbildung folgt zwar gemeinsamen Standards der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, wird aber regional gestaltet. "Es gibt Themen, die überall vorkommen müssen", so Rummel. "Aber jedes Team bringt eigene Schwerpunkte ein. Wir sind hier besonders breit aufgestellt – mit Theologen, Musikerinnen, Pädagoginnen."
Der nächste Ausbildungskurs startet am 17. Oktober mit dem ersten Studientag. Maximal 20 Teilnehmer aus den Dekanaten Bad Windsheim, Neustadt/Aisch, Uffenheim und Rothenburg werden aufgenommen.