Zwei Nürnberger Kirchengemeinden lassen ihre Kirchengebäude von Studierenden der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm neu betrachten. Parallel dazu erhalten mehrere Gemeinden eine Sozialraumanalyse, die helfen soll, ihre Rolle im Quartier neu zu definieren. Initiator Ekkehard Wohlleben, Leiter der Evangelischen Stadtakademie Nürnberg, und Nadja Letzel, Architektin sowie Professorin für Entwerfen und Bauen im Bestand an der Technischen Hochschule Nürnberg, erklären, um was es geht.
Herr Wohlleben, Sie leiten als Direktor der Evangelischen Stadtakademie dieses spannende Projekt. Wie ist die Idee entstanden?
Wohlleben: Der Kern des Ganzen ist, dass wir nicht nur über den Rückzug oder das Einsparen von Quadratmetern reden wollen, sondern aktiv überlegen, wie aus einer notwendigen Reduktion etwas entstehen kann, das die kirchliche Arbeit nach vorne bringt. Wir unterstützen diesen Prozess als Stadtakademie in engster Abstimmung mit dem Dekanat, insbesondere mit dem für Bau zuständigen Dekan Jonas Schiller. Für uns ist das ein Bildungsprozess im laufenden Verfahren: Menschen bilden sich fort, während sie ihre Gemeinde neu erfinden. Durch die Kooperation mit der Technischen Hochschule Nürnberg bringen wir zwei Welten zusammen: Eine Architekturklasse widmet sich der Umgestaltung der Räume, während Studierende der Sozialen Arbeit fundierte Sozialraumanalysen erstellen. So erfahren die Gemeinden ganz genau, wo sie im Quartier stehen, welche anderen Akteure es gibt und wie sie sich durch Kooperationen für die Zukunft aufstellen können.
Wie wurden die Kirchengemeinden ausgewählt, deren Gebäude untersucht werden?
Wohlleben: Wir haben über das Dekanat alle Pfarrerinnen und Pfarrer angeschrieben und das Projekt vorgestellt. Gemeinden konnten sich daraufhin bewerben. Aus mehreren Rückmeldungen haben wir schließlich zwei ausgewählt, deren Kirchengebäude für ein Semesterprojekt gut geeignet sind – auch im Hinblick auf Denkmalschutz und andere Rahmenbedingungen. Parallel dazu erhalten sechs Gemeinden eine Sozialraumanalyse, die ihnen hilft zu verstehen, wie sich ihr Umfeld verändert und welche Rolle sie darin spielen können.
Frau Letzel, Sie lehren "Bauen im Bestand". Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit an einer bestehenden Kirche von einem klassischen Neubauprojekt für Ihre Studierenden?
Letzel: Ich beschäftige mich im Grunde mein gesamtes Berufsleben mit dem Umbau, aber heute liegt dieses Thema mehr denn je am Puls der Zeit. Lange Zeit galt das Bauen im Bestand in der Architektur fast als Außenseiterthema, doch inzwischen hat sich die Welt gedreht: Wir erkennen schmerzlich, dass wir viel "geerbt" haben, aber oft nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Der Umbau ist ein komplexerer Prozess als ein Neubau, weil man das Vorhandene aushalten und transformieren muss. Aber genau darin liegt eine enorme Erfindungskraft, die oft viel größer ist als auf der grünen Wiese. Für meine Studierenden ist das eine faszinierende Herausforderung: Sie lernen, ganzheitlich zu denken und sich philosophischen Fragen zu stellen – was macht uns in der Welt aus? – während sie gleichzeitig ganz handfest mit dem architektonischen Material arbeiten.
Kirchen sind ja keine gewöhnlichen Immobilien. Sie sind oft geweiht und emotional hoch aufgeladen. Wie gehen Sie und Ihre Studierenden damit um?
Letzel: Das ist das große Glück an dieser Aufgabe: Die Architektur darf hier zeigen, dass sie mehrere Bedeutungsebenen bergen kann. Wir haben es nicht mit profanen Aufgaben zu tun, müssen das Profane aber dennoch einschließen. Ein Kirchenraum trägt tiefste menschliche Spuren in sich, er hat eigene Maßstäbe. Wir dürfen an dem Punkt, an dem wir angekommen sind, nicht verharren, sondern müssen das Weiterdenken und Handeln lernen. Unsere Studierenden – eine Gruppe von etwa bis zu 64 angehenden Architekten, die das als ihre Bachelor-Abschlussarbeit bearbeiten – haben richtig Power. Sie sind die nächste Generation, die die Welt gestaltet, und sie brauchen relevante Aufgaben an Orten, an denen Veränderung wirklich wichtig ist. Wir arbeiten dabei im Team mit Kollegen wie Sebastian Kofink und Florian Fischer sowie dem Nürnberger Architekten Steven Dané.
Herr Wohlleben, Sie mussten aus den Bewerbungen eine Auswahl treffen. Warum fiel die Wahl gerade auf St. Andreas und die Melanchthonkirche?
Wohlleben: Ich hatte das Projekt über den Dekanatsverteiler ausgeschrieben, woraufhin fünf bis sechs Bewerbungen für den architektonischen Teil und sogar zehn für die Sozialraumberatung eingingen. Wir suchten nach Objekten, die für die Studierenden eine übersichtliche Aufgabe darstellen und bei denen der Denkmalschutz den kreativen Prozess nicht zu stark einschränkt. St. Andreas ist ein Nachkriegsbau in einem Gewerbegebiet, der bisher kaum sozialräumlich eingebunden ist – hier ist konzeptionell noch alles offen. Die Melanchthonkirche ist fast 100 Jahre alt und liegt wunderbar mitten im Wohngebiet. Dort denkt die Gemeinde eher an eine Mitnutzung, also wie man den Sakralraum erhalten und gleichzeitig für weitere Zwecke öffnen kann. Besonders spannend ist, dass die Gemeinde in Ziegelstein sowohl die Sozialraumanalyse als auch die architektonische Beratung erhält.
Wie sieht der Zeitplan aus? Werden am Ende fertige Baupläne vorliegen?
Letzel: Wir starten jetzt im Sommersemester und arbeiten intensiv bis Juli. Es ist ein enger Zeitraum. Wir beginnen mit Ortsbegehungen, um die Menschen und die spezifische Atmosphäre kennenzulernen. Unsere Studierenden werden dann in Teams ein ganzes Portfolio an Optionen entwickeln – vielleicht entstehen 25 verschiedene Arbeiten. Wichtig ist dabei: Wir lassen uns in der ersten Phase nicht von finanziellen Fragen einschränken. Das würde nur die Gehirne vernebeln. Erst muss man wissen, was man will und was man sich zutraut, bevor man die Bilanz zieht. Wir liefern keine Kostenberechnungen oder fertige Ausführungspläne, sondern einen fundierten Möglichkeitsraum, der zeigt, was architektonisch denkbar ist, statt nur "weltfremde Träume" zu präsentieren. Die Gemeinden können diese Entwürfe später als Diskussionsgrundlage nutzen, wenn sie zu freien Architekten gehen.
Was bedeutet das "Kirchenmanifest" für die Quartiersentwicklung?
Wohlleben: Kirchenräume sind radikal öffentliche Räume. In einer Zeit, in der nicht-kommerzielle Räume in unseren Städten immer knapper werden, sind diese Gebäude ein Schatz für das Gemeinwesen. Denken Sie an Schulen, die Kirchen für ihre Feiern nutzen, an Sprachkurse, Gesundheitsangebote oder Musiker, die Übungsräume suchen. Wenn wir diese Räume einfach aufgeben, fehlt dem Sozialraum etwas Entscheidendes. Wir müssen mit der Kommune ins Gespräch kommen, um diese Orte gemeinsam als Kulturzentren oder Begegnungsorte zu erhalten. In Ländern wie Belgien oder den Niederlanden ist man da schon viel weiter; dort werden Kirchen bereits viel offensiver umgenutzt. Unser Ziel ist es, den Gemeinden den Mut zu geben, sich neu zu erfinden und zu entdecken, wie sie als "Kirche in der Stadt" in Zukunft eine Rolle spielen können.
Wann kann die Öffentlichkeit die Ergebnisse sehen?
Wohlleben: Wir planen für den Herbst eine Ausstellung der Entwürfe direkt vor Ort in den Gemeinden. So können die Menschen sehen, welche Visionen für ihre Kirchenräume entwickelt wurden. Bis dahin haben die Studierenden Zeit, ihre Arbeiten abzuschließen und wir können die Kontakte in den Gemeinden so festigen, dass die Entwürfe auf fruchtbaren Boden fallen.
Veranstaltungsreihe zur Zukunft von Kirchenräumen
Das Projekt wird von einer öffentlichen Veranstaltungsreihe in der Evangelischen Stadtakademie im eckstein begleitet. Im Fokus stehen architektonische, politische und gesellschaftliche Fragen zur Zukunft von Kirchenräumen.
Termine im Überblick:
Donnerstag, 16. April, 19 Uhr
"Sakrales Erbe unter Druck: Wer rettet unsere Kirchenräume?"
Diskussion mit Sabine Weigand (Mitglied des Bayerischen Landtags und des Landesdenkmalrats), Christa Heckel (Denkmalschutzbehörde Nürnberg), Stefan Lautner (Landeskirchliches Baureferat) und Dekan Jonas Schiller.
Ort: eckstein, Raum E.01, Burgstraße 1–3, Nürnberg
Mittwoch, 17. Juni, 19 Uhr
"Radikal öffentlich – Kirchenräume im Sozialraum"
Vortrag und Diskussion über die Rolle von Kirchen als öffentliche Orte im Stadtteil mit Prof. Dr. Karin Berkemann, Ulrike Krämer und Brigitte Sesselmann.
Ort: eckstein, Raum E.01, Burgstraße 1–3, Nürnberg
Eintritt frei.