Vision von 2007: Universaler Frieden und rechtserhaltende Gewalt

"Wir glauben an die UN", mit diesen Worten kommentierte Robert Leicht in der "Zeit" im Jahr 2007 die EKD-Friedensdenkschrift "Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen". Der Text war visionär und optimistisch: "Universale Organisationen" sollten nicht nur Kriege verhindern, sondern im Sinne eines erweiterten Sicherheitsbegriffs eine "globale Friedensordnung" realisieren, in der neben einem Schutz vor Gewalt auch wirtschaftliche, kulturelle und soziale Grundrechte sukzessive verwirklicht würden.

Militär sollte als eine Art Polizei mit "rechtserhaltender Gewalt" die Einhaltung der regelbasierten Ordnung gewährleisten.

Was in der Politikwissenschaft als "positiver Friedensbegriff" und "erweiterter Sicherheitsbegriff" entwickelt und von den Vereinten Nationen in ihren "17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung" festgeschrieben wurde, rückte in der EKD-Denkschrift von 2007 in die Nähe der biblischen Friedensverheißungen – des "Schalom" im Alten Testament und Jesu Verkündigung des Himmelreiches. Damit griff sie Impulse aus der weltweiten Ökumene auf, vor allem aus dem "Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" in den 1980er Jahren.

2025: Schutz vor Gewalt als grundlegendes Gut

Dass auf diesem Wege manches erreicht wurde, tritt im Moment leicht in den Hintergrund. Denn im Jahr 2025 ist die Welt eine andere: Landesverteidigung, Kriegstüchtigkeit und Wehrpflicht bestimmen den Diskurs; die internationale Ordnung befindet sich in einer manifesten Krise. Dass die neue Friedensdenkschrift "Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick" an dieser Leitlinie festhält, ist deshalb keine Selbstverständlichkeit.

Sie orientiert sich weiterhin an den vier Dimensionen eines gerechten Friedens: Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten und friedensfördernder Umgang mit Pluralität. Zugleich – und das ist gegenüber 2007 neu – wird die erste Dimension, der Schutz vor Gewalt als ein "grundlegendes Gut" bezeichnet. Die gegenwärtige politische Situation führe "schmerzhaft vor Augen, dass bereits viel erreicht ist, wenn Menschen vor intentionaler physischer Gewalt sicher sind." Gleichzeitig wird betont, dass es einen dauerhaften Schutz nur geben könne, wenn mittel- bis langfristig die anderen Dimensionen im Blick seien. Hatte Robert Leicht der Denkschrift von 2007 eine "gewisse Arglosigkeit" diagnostiziert, macht der neue Text diesen Fehler sicher nicht.

Der erste Satz ist Programm: "Die Schärfung friedensethischer Urteilskraft ist unverzichtbarer Bestandteil des Christentums."

Genau zu fragen, was unter Frieden zu verstehen ist und was ihm dient, ist anstrengend, aber keine akademische Spielerei in Zeiten, in denen das Thema "Frieden" vor allem auf den Wahlplakaten der AfD zu lesen ist!

Friedenstüchtigkeit statt Kriegstüchtigkeit

Die deutlichste Veränderung besteht in der Bewertung der Notwendigkeit von Verteidigungsfähigkeit: "Gewalt muss – notfalls mit Gegengewalt – eingedämmt werden, ohne aber das Ziel der Überwindung von Gewalt aus den Augen zu verlieren." Kritisiert wird dagegen der Begriff "Kriegstüchtigkeit", da er Gefahr laufe, den Schutz vor Gewalt als das einzig legitime Ziel von Militär aus dem Blick zu verlieren. Stattdessen spricht die Denkschrift von "Friedenstüchtigkeit" und "Verteidigungsfähigkeit" und fordert, Aufrüstung müsse so erfolgen, "dass sie in sich das Angebot zur Rüstungskontrolle trägt."

Mit Nachdruck wird an mehreren Stellen des 146 Seiten langen Textes betont, gerechter Friede könne sich am umfassendsten in pluralen Demokratien entfalten: In keinem anderen System wären Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheiten und friedensfördernder Umgang mit Pluralität dauerhaft besser gewährleistet.

Gerade liberale Demokratien seien aber in besonderer Weise auf Resilienz und auf die Beteiligung mündiger und informierter Bürgerinnen und Bürger angewiesen, denen die Unvollkommenheiten ihres Gemeinwesens durch Gewaltenteilung und Pressefreiheit stärker vor Augen stehen, als in autoritären Staaten. Dies mache sie besonders anfällig für hybride Angriffe wie Desinformationskampagnen, weshalb digitale Bildung eine Aufgabe für Friedensbildung sei.

Pazifismus hat mehr Würdigung verdient

In dem Text ist viel von Güterabwägungen und Dilemmata die Rede. Das macht den Text nicht einfach zu lesen. Er will zur "Schärfung der Urteilskraft" beitragen – und das gelingt ihm.

Doch zugleich geht manches verloren an prophetischer Kraft und biblischer Inspiration zu einem Leben aus Hoffnung und Gewaltlosigkeit, von dem die Bibel an vielen Stellen erzählt.

Vor allem hätte die pazifistische Tradition mehr Würdigung verdient. 1965 hatte die Evangelische Kirche in der DDR in der Handreichung "Zum Friedensdienst in der Kirche" formuliert, dass "der Dienst ohne Waffe das deutlichere Zeichen des Christseins" darstelle. Zwar ist den Autoren der Denkschrift zuzustimmen, dass dies unter den Bedingungen einer rechtsstaatlichen Demokratie anders zu beurteilen ist. Doch wäre es zu viel gewesen, diese Äußerung nicht nur als "verständlich" zu bezeichnen, um ihr dann gleich zu "widersprechen", sondern sie als richtiges, wertvolles und mutiges Signal in der damaligen Situation zu würdigen? Immerhin bildeten die tausenden von Bausoldaten die Keimzelle für Friedensgruppen und leisteten mit ihrer Gewaltfreiheit einen wesentlichen Beitrag für die Friedliche Revolution von 1989!

Bemerkenswerterweise geht der Text bei der Frage der Frage, welche Themen bei der Kriegsdienstverweigerung Gewissensgründen eine Rolle spielen, über bisherige Positionen hinaus: Es könne nicht – wie bisher überwiegend angenommen – nur um die Entscheidung gehen, niemals einen Menschen zu töten, sondern auch um die Angst, selbst getötet zu werden. Wenn die Angst um das eigene Leben leitend für eine Gewissenentscheidung sei, müsse allerdings das Problem bedacht werden, "dass dann andere den Dienst übernehmen müssen, den man selbst aus Gewissensgründen nicht zu übernehmen bereit ist."

Glaube an Gott, nicht nur an Organisationen

Insgesamt leistet der Text einen wertvollen Beitrag dazu, christliche Hoffnung, normative Maßstäbe und konkrete politische Herausforderungen aufeinander zu beziehen.

Dabei wird deutlich, dass die Bibel Orientierung, Kraft und Motivation bietet, aber keine eindeutigen ethischen Anweisungen. In selbstkritischer Weise wird bemerkt, dass die Bibel in früheren Zeiten auch von evangelischer Seite keineswegs immer von der Gewaltfreiheit Jesu her ausgelegt wurde. Diese institutionelle Selbstkritik ist ein Zeichen von Ehrlichkeit und Realismus, der das Papier kennzeichnet.

Christlicher Glaube – das wird noch deutlicher als 2007 – richtet sich nicht auf die UN, sondern auf Gott, den Schöpfer, Erlöser und Versöhner. Das kann auch dabei helfen, den Glauben an Gottes Frieden nicht zu verlieren – auch wenn sich die UN in einer Krise befinden.