10.12.2012
Amt und Ehrenamt

Neues Prädikantengesetz der bayerischen Kirche sorgt für Diskussion

Das neue Prädikantengesetz sorgt in der bayerischen Landeskirche für Spannungen. Die ehrenamtlichen Prädikanten haben mehr Befugnisse. Wird sich dadurch das Berufsbild der Pfarrerinnen und Pfarrer verändern?
Brechen des Brots mit Händen

Sie dürfen predigen, Abendmahl feiern, und - im Ausnahmefall - neuerdings auch taufen. Damit sind die Prädikantinnen und Prädikanten in der bayerischen Landeskirche den Pfarrerinnen und Pfarrern im "Kerngeschäft" - also in der Wortverkündigung und in der Sakramentsverwaltung - gleichgestellt. Allerdings ehrenamtlich - ohne Theologiestudium, ohne Ordination und ohne Gehalt.

Predigthelfer im Gottesdienst

Die Bezeichnung "Prädikant" stammt vom Lateinischen "praedicare" (predigen). Und das war lange auch die Aufgabe der Prädikanten. Sie waren Predigthelfer im Gottesdienst. Während und nach dem Krieg war das eine wichtige Funktion in der Gemeinde, weil viele Pfarrer im Feld oder in Gefangenschaft waren. Eigens dafür ausgebildete Handwerker, Lehrer und Angestellte leiteten den Gottesdienst und hielten die Predigt.

In der Not war auf einmal Luthers Gedanke vom "Priestertum aller Gläubigen" verwirklicht. Ehrenamtliche hatten Zugang zum "besonderen Amt" in der lutherischen Kirche. Als dann wieder genug Pfarrer in Amt und Würden waren, geriet der Prädikantendienst wieder an den Rand, ihre Vertreter wurden oft als "Schmalspurtheologen" belächelt.

Pfarrermangel in Bayern       

Doch nun sind die Prädikanten wieder gefragt, in Bayern droht um 2020 ein Pfarrermangel. Geburtenstarke Jahrgänge gehen in den Ruhestand und es ist noch nicht ausgemacht, dass von unten genügend nachkommt. Es wird jetzt schon eng. "In manchen Regionen lässt sich das kirchliche Leben nur aufrechterhalten, wenn Prädikanten ihren Dienst tun", sagte der zuständige Oberkirchenrat Michael Martin in einem Sonntagsblatt-Interview in Ausgabe Nr. 35.

Sie werden also gebraucht. Wie wird sich das Berufsbild der Pfarrerinnen und Pfarrer verändern, wenn die Prädikanten mehr und mehr die geistlichen Aufgaben des Pfarramts übernehmen? Bleibt für die Pfarrer die Verwaltung übrig und vielleicht noch die Begleitung der Prädikanten?

Konsequenzen des Prädikatengesetzes

Seit dem Inkrafttreten des neuen Prädikantengesetzes Mitte des Jahres wird unter Pfarrern über die Konsequenzen diskutiert. "Der Gemeindedienst ist nicht mehr attraktiv, weil er als kaum mehr leistbar und nicht mehr sinnerfüllend empfunden wird", klagte Corinna Hektor, zweite Vorsitzende des bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins, bei der Herbsttagung ihres Verbands. Stattdessen würden Prädikanten "ganz allmählich den Verkündigungsauftrag übernehmen". Verkündigung und Sakramentsverwaltung seien jedoch wesentlich für den Pfarrberuf, sagte die Theologin. Und sie warnt: "Die Motivation geht verloren, wenn der Eindruck entsteht, wir seien in den Kernbereichen ersetzbar, Lückenbüßer oder Boss von Ehrenamtlichen."

Lückenbüßer wollen weder Prädikanten noch Pfarrer sein. Dekan Martin Ost, Schriftleiter des Pfarrer-Korrespondenzblatts, kommt in einem Editorial in leicht frustriertem Unterton zum Schluss, "Pfarrer und Pfarrerinnen sollten vielleicht Betriebswirtschaft studieren oder Eventmanagement oder Meditationsseminare besuchen, damit sie die restlichen Arbeiten in der Gemeinde machen können." Er verweist aber auch auf die besondere Befähigung von ausgebildeten Theologen. Eine Taufe sei eben doch mehr als der reine Taufakt. Die Herausforderung liege in der Taufvorbereitung, im Taufgespräch mit ausgetretenen oder andersgläubigen Paten, mit Zweiflern, mit Fragenden, "die über die Kreuzzüge, die Schöpfung, den Papst, die Inquisition und den Reichtum der Kirche räsonieren". Zweifellos ist hier ein ausgebildeter Theologe weit besser aufgestellt als ein ehrenamtlicher Prädikant.

Äußere Unterscheidung ist wichtig

Weil die Berufsbilder immer mehr verschwimmen, wird nun verstärkt auf die äußerliche Unterscheidung Wert gelegt. Dass Prädikanten das Tragen eines Pfarrerstalars streng untersagt ist, musste der Kulmbacher Prädikant Peter Weich erfahren. Er predigte bei einer Taufe mit Talar und Beffchen. Die Sache wurde im Landeskirchenrat besprochen, Weich bekam einen Brief der Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner, in dem ihm untersagt wurde, den Talar eines Pfarrers zu tragen. Der Dienst der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums müsse geordnet geschehen, argumentierte Greiner. Und sie drohte mit dem Strafgesetzbuch Paragraf 132a. Dort geht es um den Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen. In einem Rundschreiben des Gottesdienstinstituts wurde klargestellt: "Das Tragen eines Pfarrerstalars ist nicht erlaubt".

Andere Landeskirchen machen hier keinen Unterschied. Im Rheinland werden Prädikanten ordiniert und sind den Pfarrern gleichgestellt, sie tragen den Pfarrerstalar. Die Kirche wird dort die Prädikanten noch mehr brauchen, der Pfarrermangel hat dort noch ganz andere Dimensionen.

Die Diskussion wird weitergehen. Vielleicht wird dabei klar werden, wo Pfarrerinnen und Pfarrer vor allem gebraucht werden: Im Gemeindeaufbau, in der theologischen Argumentation, in der Seelsorge. Und natürlich weiterhin im Gottesdienst.

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