Ein früher Abend im Fichtelgebirge. Ich stehe am Bahnsteig und warte. Neben mir ein Mann mit einem dunklen Parka, die Mütze tief ins Gesicht gezogen; weiter vorne eine Gruppe junger Mädchen, helle Stimmen, aufgeregtes Lachen. Noch ist nichts zu sehen von unserem Zug. Ich trete ein wenig auf der Stelle, schaue vor mich hin, geradeaus, auf das gegenüberliegende Gleis mit den abgestellten weißen Waggons. Da entdecke ich ihn, diesen Schriftzug, den jemand mit schwarzer Farbe auf einen der Wagen gesprayt hat. Die letzten Buchstaben kippen etwas nach vorne. Ich kneife die Augen zusammen. Jetzt kann ich es lesen: Lass mich dir von dem Leben erzählen, das ich nie geführt habe. 

Was für ein Satz. Keiner von denen, die sofort hängenbleiben im Kopf. Ziemlich umständlich formuliert. Lass mich dir von dem Leben erzählen, das ich nie geführt habe. Es muss eine Weile gedauert haben, das auf den Wagen zu schreiben. Wer hat sich diese Mühe gemacht? Was ist ihm so wichtig daran? Ich kann meinen Blick nicht von dem Schriftzug lösen. Das Leben, das ich nie geführt habe. Welches Leben wäre das gewesen? Wem willst du davon erzählen? Und warum? Hat dich der Text der Poetry-Slammerin Julia Engelmann zu deinem Satz inspiriert? 

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein […], und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen werden, werden traurige Konjunktive sein wie - "Einmal wär ich fast einen Marathon gelaufen und hätte fast die Buddenbrooks gelesen, und ich wär mal beinah ,bis die Wolken wieder lila` waren noch wach gewesen, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen, und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten"  

Traurige Konjunktive. Geschichten, die wir hätten erzählen können. Das Leben, das ich nie geführt habe: Wie gebannt schaue ich auf die schwarzen Buchstaben. Wo ließe sich ein solcher Satz besser inszenieren als auf einem Bahnhof mit seiner ganz eigenen Bildersprache: Einen Zug verpassen, seine Lichter nur noch von hinten sehen. Oder: In den verkehrten Zug einsteigen. Den richtigen Ausstieg verpassen. Die Weichen falsch stellen. Und dann sind da die Zeiger der Bahnhofsuhren, die unaufhaltsam weiterrücken, im Sekundentakt. Was geschehen ist, ist geschehen.

Wie hätte mein Leben sein können, wie war es? Der Satz am Bahnsteig, liebe Hörerinnen und Hörer, berührt mich, weil mir vertraut ist, was ich an Empfindungen daraus lese: Das Hadern mit manchem, was war. Der Schmerz über das, was ich verloren habe, und was nicht wiedergutzumachen ist. Traurigkeit. All diesen Gefühlen hat Philippe Sarde in seiner Musik zu dem Film "Die Dinge des Lebens" eine zärtliche Melodie gegeben.

Sätze, die nach vorne weisen

Dastehen. Gebannt von dem, was hätte sein können in meinem Leben. Und gebannt auch von dem, was war. 
Das Evangelium für diesen Sonntag lässt mich so nicht stehen. "Lass mich dir von dem Leben erzählen, das ich nie geführt habe": Das ist kein Satz, den Jesus gesagt hätte. Von ihm stammen andere Sätze. Sätze, die mich in Bewegung setzen, die nach vorne weisen. Sätze, wie diese Geschichte aus dem Lukasevangelium sie erzählt.

Jesus sprach […]: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. 

Jesus scheint in diesem Moment nur eine Richtung zu kennen: Nach vorne. Lass die Toten ihre Toten begraben: Ein kompromissloser Satz, der mich auch verstört. Lass die Toten ihre Toten begraben: Wie soll das gehen? Wie soll ich Neues anfangen, wenn ich zuvor nicht Abschied nehmen darf von einem lieben Menschen, von meinem Leben, wie es bisher war? 

"Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes": Dieses Bild aus der Landwirtschaft am Ende des Textes hilft mir, die Sätze zuvor einzuordnen. Jesus wertet meinen Schmerz über das, was ich verliere, nicht ab. Aber: Er setzt ihm Grenzen, damit meine Trauer mich nicht hindert daran, weiterzugehen. Wenn ich einen Pflug führe, muss ich den Boden, den ich beackern will, genau im Blick haben. Ich muss mich auf den nächsten Schritt konzentrieren, ich brauche alle meine Kraft, damit die Furche, die ich ziehe, fest ist und klar. Nach vorne leben und zugleich an der Vergangenheit hängenbleiben – das geht nicht, dann wird meine Furche schief. Ich muss meinen Blick auf das Hier und Jetzt richten. Und auf den, der mir vorausgeht und mir die Richtung weist. 

Leben, wie Jesus es vorgelebt hat

Jesus, geh voran auf der Lebensbahn. Nicht stehenbleiben, sondern weitergehen – ihm nach. 

Nachfolge. Ein großes Wort. Wie kann das aussehen bei mir? Gar nicht so anders als bei den Frauen und Männern, die vor zweitausend Jahren aufgebrochen und Jesus im buchstäblichen Sinn nachgefolgt sind. Menschen, die miterlebt haben, was wir in der Bibel nachlesen können, und die dann versucht haben, das zu tun, was Jesus ihnen vorgelebt hat. So, wie auch wir heute es tun können.  

Klare Positionen sind das. Jeder Mensch hat eine Würde vor Gott, heißt eine davon. Jesus zeigt es: Er geht zu allen Menschen, auch zu denen, mit denen niemand etwas zu tun haben will. Er macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, zwischen Kindern und alten Menschen, zwischen Fremden und denen, die schon immer hier leben. Alle sieht er an als Kinder Gottes. Und verändert sie dadurch. Selig sind die, die Frieden stiften, heißt ein anderer Grundsatz, den Jesus vorlebt. Noch am Kreuz zeigt er, dass nicht die Gewalt, sondern die Liebe das letzte Wort hat. Überhaupt, die Liebe: Sie ist das, was Jesus ausmacht, wofür er wirbt mit seinem ganzen Leben, verlockend, mitunter auch drängend: Die Liebe zum anderen Menschen. Die Liebe zu Gott. Und die Liebe auch zu mir selbst und zu dem Leben, das mir geschenkt ist. Dieses Leben, das schön ist. Trotz allem.  

Heute sind Kommunalwahlen in Bayern. Ich gehe wählen, selbstverständlich. Ich bin überzeugt von der Idee einer demokratischen Gesellschaft, auch, weil ich ihre Werte in meinem Glauben, im Leben Jesu wiederfinde. Ihm nachfolgen, das heißt für mich auch: In seinem Sinn die Gesellschaft mitgestalten und mich einsetzen dafür, dass unser Land, dass diese Welt ein guter, ein gerechter, ein friedlicher Ort ist.

Keine Frage: Der Boden, den wir gerade beackern mit unseren Pflügen, ist an vielen Stellen steinig und schwer durchdringbar. Für viele Herausforderungen gibt es keine leichten Lösungen. Auch die Bibel kennt sie nicht. Aber sie gibt uns eine Haltung mit: Mutig sein. Nicht stehenbleiben und in einer bitteren Nostalgie verharren, die in Trugbildern von der vermeintlich guten alten Zeit aufgeht. Position beziehen: Hass und Hetze sind ebenso unvereinbar mit dem Christentum wie Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit. Hinsehen auf das, was ist, auf die Schwierigkeiten ebenso wie auf das Gute. Und dann: Gemeinsam versuchen, den mitunter verhärteten Boden zu lockern und die Furchen so zu ziehen, dass wieder zarte Pflanzen aus ihnen wachsen können. Wir dürfen nicht aufgeben, die Samen zu streuen, die uns der Glaube in die Hand legt: Respekt voreinander. Liebe. Hoffnung. 

Die Vergangenheit ernst nehmen. Um anders weiterzuleben. 

Weitergehen, in Gottes Namen. Allerdings: Was die Bibel damit nicht meint, ist: Schwamm drüber. Sondern die Vergangenheit ernst nehmen: Versäumtes und Vertanes. Schuld. Was geschehen ist, ist geschehen, das heißt eben auch: Es gehört unwiderruflich dazu. Zu mir und meiner Geschichte. Zur Geschichte eines Landes. Zur Geschichte der Kirche. 

Aber: Kein Versäumnis gibt uns das Recht dazu, stehenzubleiben und uns im dem, was war, zu verstecken. Hier wird die Bibel auch energisch: Der eigenen Schuld, den eigenen Versäumnissen ins Auge schauen – ja. Diesen Blick zurück kennt sie, und wo wir ihn nicht tun, erinnert sie uns daran. Aber nicht, um in der Vergangenheit aufzugehen. Sondern: Um anders, besser weiterzuleben. 

Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens, sagt Dietrich Bonhoeffer, der Theologe und Widerstandskämpfer in der NS-Zeit, und er sagt auch: Mitten in einem Leben mit Gott täglich ein neues Leben mit ihm beginnen zu dürfen, das ist das Geschenk, das Gott mit jedem neuen Morgen macht. 
Es gibt sie, die schiefen Furchen, die ich in meinem Leben gezogen habe. Ich kann sie nicht rückgängig machen, sie gehören zu mir dazu. Aber: Ich bin nicht auf sie festgelegt. Okuli, so heißt dieser dritte Sonntag in der Passionszeit. Okuli, Augen. Im Psalm 25 steht der Vers: Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Jeden Tag kann und soll ich es wieder neu versuchen: Mein Leben so zu leben, wie Gott es sich für mich erdacht hat. 

Es wäre ja nicht dein Leben

Meine Augen richten auf ein Leben in Gottes Sinn, hier und jetzt. Und nicht auf das, was hätte sein können. Der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer sagt: 
"Leben ist Geschichte, ein Ablauf von Geschichten. Keine Zeit ist mit einer anderen vergleichbar. Jede Zeit ist jeweils neu […]. Menschliches Leben fließt dahin. Wenn viele Entscheidungen uns Glück gebracht haben, können wir uns freuen. Wenn dagegen manche Entscheidungen aus heutiger Sicht falsch waren und uns unglücklich gemacht haben, dann ist die Frage angebracht, ob ich denn damals anders hätte entscheiden können und wollen." 
"Hättest du heute anders entschieden?" fragt mich der Studienfreund, als ich nach zwei Semestern hinterfrage, ob es richtig war, das Theologiestudium aufgenommen zu haben – wäre es nicht vielleicht doch besser gewesen, Medizin zu studieren oder Lehramt? Was wäre, wenn ich eine andere Wahl getroffen hätte? 

Ich setze gerade zu einer Antwort an, da unterbricht mich der Freund: "Stopp, sag lieber nichts. Die Frage ist falsch. Hättest du damals anders entschieden – es wäre ja nicht dein Leben." Der Satz hat mir damals geholfen, und er begleitet mich bis heute. Ich habe Entscheidungen getroffen, und dafür hat es Gründe gegeben. Was es jetzt gibt, das sind verschiedene Wege, mit den Entscheidungen zu leben. Und die kann ich mir ansehen. Hier habe ich eine Wahl.  

Wie so eine Wahl aussehen kann, zeigen mir immer wieder auch andere Menschen, die mich damit beeindrucken, wie sie umgehen mit dem, was geschehen ist. Samuel Koch zählt dazu. Ein Samstagabend im Dezember 2010, der sich mir – und vielleicht auch Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer – eingeprägt hat: Ich sitze vor dem Fernseher – "Wetten, dass…?". Und da ist er, Samuel Koch, dieser junge, strahlende Sportler mit der unglaublichen Wette: Mit speziellen Sprungfedern an den Füßen will er in einem Vorwärtssalto nacheinander über fünf entgegenkommende Autos springen. Was dann geschieht, erschüttert ein Millionenpublikum: Samuel Koch stürzt schwer, bleibt bewegungslos liegen. Die Sendung wird abgebrochen. Der junge Mann überlebt, aber Samuel Koch, der Bewegungsmensch, ist seitdem querschnittsgelähmt. Eine Zehntelsekunde, ein Wimpernschlag macht alle seine Pläne, alle Träume für sein Leben zunichte. Hätte ich nur auf meinen Bauch gehört, sagt Samuel Koch später, er habe kein gutes Gefühl gehabt vor der Wette. Und nein, das Leben, das er führt, wie es jetzt ist, ist alles andere als einfach, und er hat bis heute, sechzehn Jahre nach dem schrecklichen Unfall, daran zu knabbern. Aber er möchte etwas anderes weitergeben: 

"Die Frage ist, wie man mit der Vergangenheit und den Verlusten umgeht. […] Tatsächlich ist es relativ sinnlos, an Gedanken wie ,Ach, wenn es doch nur anders gelaufen wäre!` festzuhalten. Manchmal tappe ich in diese Falle, aber das führt zu nichts. Ich versuche, meiner Vergangenheit nicht mehr nur nachzutrauern. Ich habe in meinem Leben schon so vieles geschenkt bekommen […]. Wenn ich Fotos oder Videos von früher anschaue, ist mir schmerzlich bewusst, was ich verloren habe, aber ich betrachte sie auch mit einem Lächeln. Meine Erinnerungen sind mein Schatz für die Zukunft, nicht das Museum in dem ich leblos Vergangenes stapele. Ich will nicht bitter werden." 

Der Blick in die Vergangenheit, so sagt Samuel Koch einmal an anderer Stelle, das kann ein Mühlstein sein, ein Zementklotz, der mich festhält und beschwert: Was habe ich alles verloren, was geht nicht mehr, wo habe ich falsch entschieden. Ich habe aber auch die Möglichkeit, eine andere Brille aufzusetzen, wenn ich auf meine Geschichte schaue. Ich kann sie auch lesen mit Dankbarkeit, trotz allem. Dass und wie Samuel Koch das tut, beeindruckt mich zutiefst. Es gehe darum, sagt er, die Schätze zu sehen, die in der eigenen Vergangenheit liegen. Eine Scheune nach der Ernte, so nennt er das. Die Liebe anderer Menschen. Die schönen Erinnerungen. Die Geborgenheit in Gott. Aus all den guten Gaben im Leben, im Glauben kann ich Kraft ziehen. Um weiterzugehen auf dem Weg, der jetzt vor mir liegt. 

Nur Mut. Du bist ja nicht allein

Zurück auf den Bahnsteig im Fichtelgebirge. Der Zug, auf den wir gewartet haben, nähert sich, hält an. Wir steigen ein. Der Mann mit dem Parka, die jungen Mädchen und ich. Langsam fahren wir los. Der abgestellte Güterwaggon verliert sich in der Ferne. Sein Schriftzug aber lässt mich nicht los. Lass mich dir von dem Leben erzählen, das ich nie geführt habe. 

Nein, sondern: Erzähl mir dein Leben, so, wie es eben gewesen ist. Und vielleicht gibt es ja auch verschiedene Weisen, es zu erzählen – vielleicht entdecken wir beim Reden und Zuhören, dass da nicht nur Bitterkeit und Schmerz in deiner Geschichte stecken, sondern auch Erlebnisse und Menschen, für die du dankbar bist, die dir Kraft geben für das Leben, das Du jetzt führen willst. Vor allem davon möchte ich hören: Von deinen Plänen, deinen Hoffnungen und Träumen. Was auch immer du erlebt haben magst: Hör nicht auf, etwas zu erwarten vom Leben. Von Gott. 

Die Landschaft zieht an mir vorüber. Nein, es ist nicht unwichtig, was war. Aber wir müssen weiterleben. "Werdet Vorübergehende!" heißt es im Thomasevangelium, einer Sammlung von Jesusworten, die nicht in den Kanon biblischer Schriften aufgenommen wurde. Werdet Vorübergehende. Ich mag diesen Satz. Ich will versuchen, in seinem Sinn zu leben. Dass ich mich nicht festhalten lasse: Nicht von der Vergangenheit und dem Hadern mit dem, was war. Und auch nicht von der Sorge um das, was kommen könnte. Ich will versuchen, eine Vorüberzugehende zu sein. Eine, die lernt, loszulassen und stattdessen den Blick auf das Hier und Jetzt zu richten. Und darauf, wie ich heute leben kann. In Jesu Sinn und im Vertrauen auf ihn.  

Draußen ist es dunkel geworden, im Abteil scheint Licht. Mein Gesicht spiegelt sich im Zugfenster. Ich schaue mich an. Kleine Furchen auf der Stirn, unter den Augen. Natürlich, ich bin ja auch schon eine ganze Weile unterwegs im Leben. Da haben sich Sorgen eingegraben. Und sicher hat auch so manches, was nicht gut war bei mir und von mir, seine Spuren hinterlassen. Ebenso aber auch ziemlich viel Schönes, das mir Freude bereitet hat – da sind die Lachfältchen, die Grübchen. Was wohl noch kommt, auf welchen Böden ich noch gehen werde, wo ich noch meine Furche ziehe? 

Ich kann nur Schritt um Schritt gehen und immer wieder neu versuchen, so zu leben, wie es mir der Glaube erzählt. Mir hilft das Vertrauen darauf, dass einer mich ansieht dabei: Mit klaren, aber auch mit liebevollen Blicken. Zaghaft probiere ich ein kleines Lächeln. Mein Spiegelbild im Zugfenster dankt es mir. Geht doch, scheint es mir zuzuraunen, und: nur Mut. Du bist ja nicht allein.