Was denken junge Menschen über Krieg, Sicherheit und ihre eigene Rolle in der Gesellschaft? EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich hat auf ihrer Sommerreise Rekruten, Schülerinnen, Geflüchtete und Freiwillige getroffen. Im Interview spricht sie über Zweifel und Engagement, über Glaube in unsicheren Zeiten – und darüber, warum junge Stimmen gehört werden müssen.
"Ich war richtig beeindruckt davon, welche Gedanken zum Thema Kriege und Frieden sie sich machen"
Sie haben gerade den ersten Teil Ihrer Sommerreise absolviert und sehr viele verschiedene junge Menschen getroffen. Übergreifendes Thema war ja die wachsende Kriegsgefahr. Wie war das Spektrum an Reaktionen?
Anna-Nicole Heinrich: Ich habe mich mit vier sehr unterschiedlichen Gruppen junger Leute getroffen. Zuerst in einer Bundeswehrkaserne in Altenstadt in Oberbayern mit jungen Rekrut*innen. Das fand ich sehr spannend. Da waren Leute dabei, die nur zehn Monate freiwilligen Wehrdienst machen, aber auch solche, die sich für 15 Jahre verpflichtet haben. Je nachdem, wie langfristig diese Entscheidung ist, geht natürlich auch eine unterschiedlich tiefe Reflexion damit einher.
Dann war ich bei Schüler*innen einer neunten Klasse im baden-württembergischen Sachsenheim. Da war ich ehrlich gesagt ein bisschen aufgeregt, weil ich mir nicht sicher war, ob man mit Jugendlichen im schulischen Setting wirklich gut ins Gespräch kommen kann. Aber ich war richtig beeindruckt davon, welche Gedanken zum Thema Kriege und Frieden sie sich machen. Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, habe ich mir überhaupt keine Gedanken in diese Richtung gemacht. Das hat natürlich mit der Gesamtsituation heute zu tun – sie sind viel mehr damit konfrontiert als wir damals. Die Lage ist angespannter, der russische Angriffskrieg in der Ukraine, Irrsinn im Weißen Haus, die innenpolitische Lage, die Fragen zur Stabilität unserer Demokratie aufwirft. Das bekommen die viel mehr mit – von allen Seiten.
Und die anderen Gruppen?
Im Boxclub in Berlin habe ich ukrainische Jugendliche getroffen, zwischen 13 und 16 Jahren alt – das war sehr intensiv. Und am Mittwoch war ich bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Da waren die Jugendlichen etwas älter, zwischen 18 Jahren und Mitte 20. Sie haben sich aktiv entschieden, an einem Sommercamp beim Gedenkweg Buchenwald teilzunehmen und dort Erinnerungsarbeit zu machen. An allen Orten waren die jungen Menschen stark engagiert und sensibilisiert.
Gab es etwas, das sich wie ein roter Faden durch alle Begegnungen gezogen hat?
Ja, definitiv. Ich habe überall junge Leute getroffen, die sich – in unterschiedlichen Kontexten – mit der Frage auseinandersetzen: Kann ich einen Unterschied machen? Oder was kann ich eigentlich beitragen? Einige der jungen Soldat*innen sagten zum Beispiel: 'Ich will der Gesellschaft, meinem Land etwas zurückgeben.' Sie erwarten nicht, dass jeder zur Bundeswehr geht, aber sie wünschen sich, dass sich jeder mal die Frage stellt: Wo kann ich einen Unterschied machen? Was kann ich beitragen? Wo habe ich als Bürger*in nicht nur Rechte und Freiheiten, sondern auch Pflichten?
Bei den Schüler*innen klang die Frage eher skeptisch: Kann ich überhaupt etwas bewirken? Macht es überhaupt einen Unterschied, wenn ich mich irgendwo engagiere? Bei den Freiwilligen im Camp ist es wiederum eine Hauptmotivation, sich zu engagieren – sei es im Sommercamp oder in einem Freiwilligenjahr.
Und bei den ukrainischen Jugendlichen?
Das war besonders eindrucksvoll. Ich habe sie gefragt: 'Warum seid ihr bereit, mit mir als wildfremder Person zu sprechen?' Ihre Antwort: 'Weil wir hier zwar in Sicherheit sind, aber jeden Tag mit dem Krieg konfrontiert werden. Wir wollen etwas beitragen. Wir hoffen, dass unser Erzählen den Menschen in der Ukraine hilft und dass wir Botschafter sein können für die angespannte Situation.' Das hat mich sehr bewegt.
"Wenn man junge Menschen als Teil des Diskurses ernst nehmen will, dann heißt das eben nicht, dass sie immer gleich Lösungen liefern müssen"
Was ist Ihnen noch hängengeblieben?
Ein eindrucksvoller Impuls kam von einer Schülerin! Sie fragte mich direkt: 'Was kannst du eigentlich tun? Was sind deine Handlungsspielräume? Alles, was wir dir erzählen – was machst du damit?' Als ich zurückfragte: 'Wie hättet ihr es denn gerne?', sagte sie: 'Typisch. Da kommen Leute, die Verantwortung tragen, fragen uns Löcher in den Bauch, und dann sagen sie: Eine kritische Frage ist nur legitim, wenn man gleich die Antwort mitliefert. Aber hey, das ist nicht meine Rolle! Ich bin 15. Ich habe viele Fragen und will, dass sie gehört werden – nicht, dass ich sie alle selbst beantworten muss.'
Das finde ich auch für die gesellschaftliche Debatte sehr wichtig. Wenn man junge Menschen als Teil des Diskurses ernst nehmen will, dann heißt das eben nicht, dass sie immer gleich Lösungen liefern müssen. Es reicht, wenn sie Fragen stellen – und das dürfen sie mit vollem Recht.
Gab es auch Ideen oder Konzepte, die Ihnen besonders aufgefallen sind?
Ich habe mit allen Gruppen über Freiwilligkeit und Pflicht gesprochen. Spannend war, dass wirklich viele sagten: Es kann Situationen geben, in denen Pflicht nötig ist, aber die Unterstützung dabei, etwas freiwillig zu tun, hat einen viel höheren Wert. Besonders deutlich wurde das bei den Rekruten: 'Wir sind hier 50 Leute in der Grundausbildung – und es macht einen Unterschied, dass alle freiwillig hier sind.' Viele kommen direkt aus der Schule oder aus anderen Berufen und sagen: 'Ich habe hier zum ersten Mal ein Teamgefühl erlebt, das ich sonst nie hatte.' Dieses Gefühl hängt stark mit der Freiwilligkeit und dem Mindset zusammen: Gewinnen heißt nicht, dass der Schnellste vorn ist – sondern dass alle gemeinsam über die Ziellinie kommen.
Was haben die Jugendlichen zum Thema Sicherheit gesagt?
Da kamen sehr differenzierte Antworten. Die Soldaten sagten: Die militärische Verteidigungsfähigkeit gehört zur Sicherheit dazu, aber sie ist nicht alles. Selbst das bestausgerüstete Militär nützt nichts, wenn die zivile Infrastruktur nicht resilient ist.
Die Schüler*innen betonten, dass Sicherheit für sie viele Facetten hat: Sie beginnt im Privaten – in der Familie, in der Schule – und reicht bis zur gesellschaftlichen Absicherung. Sie sehen, dass man Bedrohungsszenarien nicht eindimensional begegnen kann.
Bei den Freiwilligen in Buchenwald fand ich einen Gedanken besonders spannend: Die Geschichte zeigt, dass militärische Stärke nicht nur destruktiv sein muss. Buchenwald wäre nicht befreit worden, wenn die Alliierten nicht auch militärisch stark gewesen wären.
Gab es auch herausfordernde oder belastende Momente?
Ja, definitiv. Besonders intensiv war das Gespräch mit den ukrainischen Jugendlichen im Boxclub. Wir haben erst zusammen Zeit in der Halle verbracht – sie haben mir gezeigt, wie man auf einen Sandsack boxt, das half, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Aber dann kamen Aussagen wie: 'Mein Vater und meine Schwester sind noch in der Ukraine.' Er erzählte, seine Schwester sei beim Militär, sein Vater war – und dann senkte er den Blick und sagte nichts mehr.
Da wusste ich nicht: Frage ich weiter oder lasse ich es gut sein? Es ist schwer zu entscheiden, wann man nachfragen darf – und wann es zu viel wird. Später gab mir die Trainerin einen Hinweis – sein Vater ist seit vier Monaten verschwunden. Sie wissen nicht, was mit ihm ist.
"Die ukrainischen Jugendlichen berichteten, wie unsichtbar sie sich fühlen"
Gab es auch Dinge, die Sie herausgefordert haben?
Ja. Die ukrainischen Jugendlichen berichteten, wie unsichtbar sie sich fühlen. Einer sagte: 'Niemand versteht mich, außer jemand, der selbst aus einer Kriegssituation kommt.' Ein anderer: 'Mitschüler machen sich lustig über das, was ich und meine Familie erlebt haben.' Oder: 'Ich werde mit 'Heil Russland' begrüßt, wenn ich zur Schule komme.' Das war kein Einzelfall – sie kamen aus verschiedenen Schulen, und alle erzählten Ähnliches.
Auch bei den Rekrut*innen fand ich krass, wie schnell sie mit Vorurteilen konfrontiert wurden – selbst im engen Freundeskreis oder in der Familie. Nur, weil sie zur Bundeswehr gehen. Die Kategorisierungen kommen oft sehr schnell – und verletzen dann auch.
Hat das Thema Glaube in den Gesprächen eine Rolle gespielt?
Es ist natürlich immer auf meiner Agenda, also ja, es kam zur Sprache. Die Rückfrage war oft: 'Was kann Kirche eigentlich machen? Welche Rolle seht ihr für euch in diesen Themen?' In der Bundeswehr wurde die Militärseelsorge positiv erwähnt – wie gut es ist, einen dritten Ort innerhalb der Struktur zu haben, an dem man unabhängig von Hierarchien ins Gespräch kommen kann.
Ich versuche gerade in Momenten der Unsicherheit zu sagen, was mir hilft: Die Bibel ist voll von Geschichten über Menschen, die nicht mehr wussten, was sie beitragen können oder wie es für sie weitergeht – und trotzdem ging es weiter. Wir erzählen 2.000 Jahre später immer noch davon. Das gibt mir Hoffnung, und ich glaube, das kann auch anderen Hoffnung geben. Glaube kann Halt in aller Unsicherheit geben.
Was nehmen Sie insgesamt mit?
Dass junge Menschen viel zu wenig gute Orte haben, um sich auszutauschen. Viel läuft im Netz – und da ist es oft problematisch, schwer einzuordnen. Es fehlen physische Räume für echten Austausch. Hier kann die Kirche eine gute Rolle einnehmen.
Spannend war zu sehen, wie externe Gesprächsimpulse interne Strukturen aufbrechen können. Die Ausbilder bei der Bundeswehr sagten mir: 'Wir haben in diesen Gesprächen so viel Spannendes über unsere Soldaten erfahren – Dinge, für die im normalen Alltag kaum Raum ist.' Ähnliches Feedback kam von Lehrkräften.
"Diese Perspektiven junger Menschen müssen in den gesellschaftlichen Diskurs eingebunden sein"
Und was hat Sie besonders positiv überrascht?
Wie differenziert viele Jugendliche denken und argumentieren. In jeder Gruppe gab es eine kritische Masse, die sich wirklich ernsthafte Gedanken macht. Sie wägen ab, haben oft noch keine endgültige Meinung – aber genau das ist ehrlich und authentisch. Ein 18-jähriger Soldat sagte: 'Eigentlich wollte ich mich länger verpflichten, aber vielleicht bekomme ich Kinder – dann überlege ich mir das noch mal.' Das zeigt doch, wie verantwortlich viele mit ihren Entscheidungen umgehen – und dass es viel differenzierter ist, als es oft in der öffentlichen Debatte dargestellt wird.
Für die Zukunft ist mir klar: Diese Perspektiven junger Menschen müssen in den gesellschaftlichen Diskurs eingebunden sein. Gerade wenn wir im Herbst die Friedensdenkschrift der evangelischen Kirche veröffentlichen, brauchen wir ihre Stimmen. Und wo sie sich nicht selbst einbringen wollen, müssen wir ihre Perspektiven hören und eintragen – und da, wo sie es wollen, ihnen Raum geben, sich direkt einzubringen.