31.07.2019
Konzertkritik

Bachwoche Ansbach: Musikalische Zeitreise mit dem Dresdner Kammerchor

Ein Chor von weltweitem Renomée, eine Organistin mit Lokalkolorit, ein stimmiges Programm "Von Schütz bis Bach", dargeboten im Münster Heilsbronn - die Mischung des Konzerts anlässlich der Ansbacher Bachwoche am Dienstag war super. So gut, dass sie gleich zwei Mal an einem Tag serviert wurde. Die Konzertbesucher erlebten 100 Jahre Leipziger Kirchenmusikgeschichte, die in einer Zeit stattfand, die so weit weg scheint - und doch für anderthalb Stunden greifbar wurde.
Dresdner Kammerchor im Münster Heilsbronn
Der Dresdner Kammerchor überzeugte im Münster Heilsbronn bei der Bachwoche Ansbach mit seinem Programm "Von Schütz bis Bach".

Schon bei der Eröffnung der Bachwoche am Samstag hatte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann das alle zwei Jahre stattfindende Musikfest nicht nur für sein großartiges Konzertprogramm gelobt. Es vermittle auch "christliche Glaubensinhalte". Seit ihren Anfängen im Jahr 1947 stehe die Bachwoche auch für die christliche Prägung Frankens, Bayerns und Deutschlands. Große Worte.

Zum Konzert des Dresdner Kammerchors, der zusammen mit der Organistin der beiden großen Ansbacher Kirchen St. Gumbertus und St. Johannis, Ulrike Koch, auftrat, passt dieser Satz aber. Allein wegen der Location: Neben zahlreichen wertvollen Kunstwerken wie dem Vierzehn-Nothelfer-Altar enthält das Münster Heilsbronn eine große Anzahl von Rittergräbern. Das brachte ihm die Bezeichnung "Christliche Schlafstätte Frankens" ein. Der Besuch des Münsters mit seiner reichen spätmittelalterlichen Kunstausstattung vermittelt etwas von der Spiritualität der Zisterzienser, die das Kloster 1132 gründeten und als deren Abteikirche es mehr als 400 Jahre große Bedeutung hatte. Auch einige der Hohenzollern sind hier von 1297 bis 1625 bestattet worden, darunter die drei ersten Kurfürsten von Brandenburg.

Ansbacher Bachwoche: Konzert mit perfektem Chorgesang

In diese Zeit fallen auch die Werke des einstigen Dresdner Hofkapellmeisters Heinrich Schütz, der dem Leipziger Rat 1648 seine "Geistliche Chormusik" gewidmet hatte. Aus der Sammlung von 29 fünf- bis siebenstimmigen Motetten brachte der 1985 gegründete Chor vier Stück dar: "O lieber Herre Gott", "Verleih uns Frieden", "Gin unsern Fürsten" und "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes". Die kontrapunktische Manier mit nacheinander einsetzen Stimmen sowie den Split in Teilchöre und zeilenweise musikalischer Ausdeutung brachte der Chor in einer Perfektion dar, wie man sie nur selten auf fränkischem Boden hört. Kein Wunder, möge man meinen, haben sich die Dresdner doch dem Gesamtwerk Schütz' eindringlich gewidmet und in den vergangenen Jahren komplett eingesungen.

Diese hohe Musikalität machte anschließend auch die Darbietung dreier Motetten aus dem Zyklus "Israelis Brünnlein" von Johann Hermann Schein zu einem Genuss. Der ehemalige Thomaskantor in Leipzig gilt rein kompositorisch und vom Lebensalter her als Bindeglied zwischen Schütz und Bach. Von ihm wiederum erklang bei den zwei identischen Konzerten, die am Dienstag einmal vormittags, einmal nachmittags in der jeweils voll besetzten Kirche dargeboten wurden, dann die beiden Motetten "Fürchte dich nicht" und "Komm, Jesu, komm", bei der die Dresdner Sänger ihre ganze dynamische Sangeskunst auspackten und Stellen zwischen sanftem Piano und elegischem Forte spielerisch ausloteten.

Mitreißendes Dirigat

Ein Genuss, dabei dem Chorleiter und Gründer Hans-Christoph Rademann bei der Arbeit zuzusehen, der mit Verve und Einfühlsamkeit dirigierte und förmlich jede Zeile der Texte zu leben schien. Fürs Auge bot auch das Begleitinstrumentarium einiges: Matthias Müller sorgte am historischen Violone für die tiefen Töne, Stefan Maass bediente die Theorbe, eine tiefe Laute mit zwei Hälsen und doppeltem Wirbelkasten, die am ehesten einer Kreuzung aus akustischer Gitarre und einem modernen Chapman-Stick ähnelt. Beate Röllecke spielte dazu an zwei verschiedenen Harmonien und brachte damit eine klangvolle Untermalung zum Wohlklang aus den Kehlen der Dresdner.

A propos Orgel: Ulrike Kochs Intermezzi mit Johann Pachelbels "Ricercare in C", Bachs altbekannter Fuge g-Moll und dem Trio "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend" waren keinesfalls ein Pausenklang, sondern fügten sich thematisch wie musikalisch in diese rundum gelungene Mischung ein. Als zum Schluss Bachs "Singet dem Herrn ein neues Lied" erklang, musste der Chor die dritte Strophe sogar noch einmal wiederholen, nachdem das Publikum frenetischen Applaus geschenkt hatte.

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