23.06.2019
Motto "Europäische Klänge"

6. Münchner Orgelsommer bietet 30 Top-Konzerte gratis

Orgelmusik quer durch Europa bietet der Münchner Orgelsommer vom 30. Juni bis 8. September. Bereits zum sechsten Mal laden die evangelischen Innenstadtkirchen kostenlos zu rund 30 Konzerten im Sommerloch ein. Was Wagners Ring mit James Bond zu tun hat, und welcher Special Guest aus Notre Dame erwartet wird, verrät das Programm.
Die fünf Organisten des Münchner Orgelsommers.
Herren der Tasten: Die Gastgeber beim 6. Münchner Orgelsommer sind die Organisten der Münchner evangelischen Innenstadtkirchen, (v.l.) Michael Grill, Armin Becker, Michael Roth, Tobias Frank und Klaus Geitner.

Klassikfans schauen im Sommer in die Röhre: Der klassische Kulturbetrieb macht Pause, alle Konzerthäuser und Theater sind im August zu. Der Münchner Orgelsommer schließt deshalb eine "Marktlücke", sagt Michael Roth, Kantor an der Markuskirche. Rund 30 Konzerte zwischen 30. Juni und 8. September locken Musikfans bei sommerlichen Temperaturen in die kühlen Kirchen. Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei.

Neben den Organisten von St. Markus, St. Lukas, St. Matthäus sowie Erlöser- und Himmelfahrtskirche zählen zahlreiche Kirchenmusiker aus Europa und sogar Brasilien zu den Interpreten. Eröffnet wird der Orgelsommer am 30. Juni um 19 Uhr in der Himmelfahrtskirche Sendling von Stadtdekanin Barbara Kittelberger und Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr.

Orgelsommer mit dem Kleinen Prinz

Das Programm hält zahlreiche musikalische Leckerbissen bereit. So spielt der renommierte Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen neben klassischen Orgelwerken auch freie Improvisationen über Volkslieder aus Europa; Armin Becker mischt in St. Matthäus Wagners Ring mit Jazz und Motiven aus "Goldfinger"; Michael Grill erzählt in der Erlöserkirche an der Orgel den "kleinen Prinz" von Saint-Exupéry; Klaus Geitner lädt in der Himmelfahrtskirche Sendling zu einer Reise "von Florenz nach Oslo in 60 Minuten".

Das Motto gebe dem Orgelsommer im Jahr der Europawahl und angesichts der europakritischen Strömungen ein "halb politisches Profil", sagt Lukaskantor Tobias Frank. "Ich bin persönlich schon erschüttert, dass befreundete Musiker in England für den Brexit gestimmt haben", so Frank. Schließlich lebe gerade die Musik von gegenseitiger Inspiration, von Austausch und Vernetzung.

Orgel und Musik verbindet Europa

Mozart sei selbst mit der Kutsche quer durch Europa gereist, Händel gelte den Briten eher als Engländer denn als Deutscher, und Bach, der nie in Italien gewesen sei, habe sich den angesagten italienischen Stil über Partituren angeeignet.

Auch die Orgel habe in den letzten Jahrhunderten viele europäische Einflüsse verbunden. "Der Orgelbau hat von Land zu Land neue Blütezeiten erlebt", erklärt Michael Roth. Das schlage sich in den Kompositionen nieder: "Vor allem Frankreich und Großbritannien, in der Barockzeit auch Italien und Spanien waren besonders produktiv", ergänzt sein Kollege Frank.

Insofern ermögliche der Münchner Orgelsommer einen musikalischen "Blick über den Horizont", der auch Schlaglichter auf eher unbekannte Orgelländer wie Kroatien und Tschechien oder auch Brasilien und die USA werfe.

Orgelsommer als Festival etabliert

Beim Publikum habe sich die Reihe etabliert: Zwischen 100 und 300 Zuhörer pro Konzert haben den Orgelsommer im letzten Jahr besucht, so Frank. Innerhalb des Dekanats München sei der Orgelsommer mittlerweile ein Aushängeschild: "Das ist ein gemeindeübergreifendes Festival, das dem Dekanat gut steht und das im Sommer viele Menschen in die Kirchen lockt", sagt Markuskantor Michael Roth.

Das Festival profitiere davon, dass der Kulturbetrieb im August in vielen Bereichen zum Erliegen komme – und von den vielen Touristen. Das vom Dekanat München finanzierte Programmheft trägt dem Rechnung: Die Vorworte sind auch auf Englisch abgedruckt.

Gastorganist aus Notre Dame

Dem Münchner Klassikpublikum legt Michael Roth gerade die Gastorganisten ans Herz: "Die kommen mit ihrer Musik, die man sonst nicht so oft hören kann." Ivan Dukhnych aus der Ukraine spielt beispielsweise Werke für Violine und Orgel – alles in einer Person. Der Brasilianer Marco Lischt präsentiert Kompositionen aus seinem Heimatland.

Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr hat neben Stücken aus acht europäischen Ländern auch noch eine Uraufführung im Gepäck. Und mit dem Franzosen Johann Vexo sitzt der Mann am Spieltisch, der beim Großbrand von Notre Dame gerade noch die Orgel spielte, als das Feuer ausbrach.

Ganz so dramatisch wird es beim Münchner Orgelsommer hoffentlich nicht. Sein Bekanntheitsgrad dürfte sich aber nach der sechsten Folge wieder ein Stück steigern. "Dass der Orgelsommer zehn Wochen dauert, ist ein Vorteil – dann spricht er sich rum", sagt Lukaskantor Frank.

Gut möglich, dass er bald häufiger in der S-Bahn angesprochen wird, wie kürzlich geschehen: "Da wurde ich angesprochen: 'Sie sind doch der Orgelspieler! Im Sommer komme ich wieder zu Ihnen!'"

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