Mit F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" haben die Kreuzgangspiele Feuchtwangen ihr erstes großes Abendstück der Saison präsentiert. Eine Inszenierung, die die Goldenen Zwanziger feiert und zugleich deren moralische Leere schonungslos offenlegt.

Regisseur Johannes Kaetzler verwandelt den Jahrhundertroman in ein musikalisches Freilichtspektakel voller Glanz, Melancholie und Gesellschaftskritik. Im Feuchtwanger Kreuzgang sind die "Roaring Twenties" los.  Zwischen den romanischen Arkaden des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts entfaltet sich mit "Der große Gatsby" ein schillerndes Panorama aus Reichtum, Sehnsucht, Dekadenz und Verzweiflung. Hundert Jahre nach Erscheinen des Romans wirkt Fitzgeralds Geschichte erstaunlich gegenwärtig.

Im Mittelpunkt steht Jay Gatsby, jener geheimnisvolle Millionär, der rauschende Feste veranstaltet und dennoch eine zutiefst einsame Figur bleibt. Lennart Matthiesen gelingt es eindrucksvoll, diesen Widerspruch sichtbar zu machen. Sein Gatsby besitzt die lässige Selbstgewissheit eines Mannes, dem scheinbar die Welt gehört. Gleichzeitig schimmert hinter jeder Geste die Verletzlichkeit eines Menschen durch, dessen gesamtes Leben auf einer einzigen Hoffnung ruht: der Wiedergewinnung seiner Jugendliebe Daisy.

Diese Daisy wird von Meike Pintaske mit großer Präsenz gespielt. Sie verleiht der Figur jene Mischung aus Charme, Oberflächlichkeit und emotionaler Unentschlossenheit, die Fitzgeralds Romanfigur bis heute so faszinierend macht. Pintaske beweist einmal mehr ihre bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit und gestaltet Daisy weder als bloßes Opfer noch als reine Verführerin, sondern als vielschichtige Frau, die selbst Gefangene ihrer gesellschaftlichen Rolle bleibt.

Musical-Elemente treffen auf Erzähltheater

Regisseur Johannes Kaetzler hat den Stoff für Feuchtwangen deutlich gestrafft und ihn zugleich mit zahlreichen musikalischen Elementen versehen. Aus dem Roman wird eine Art Musical-Schauspiel, das immer wieder zwischen Erzähltheater, Revue und Drama pendelt. Die eigens für diese Fassung komponierte Musik von Michael Reffi trägt wesentlich zur Atmosphäre bei. Nicht jede gesangliche Darbietung erreicht dabei dieselbe Qualität. Manche Nummer wirkt etwas rau oder bewusst bänkelsängerhaft angelegt. Doch gerade diese Uneinheitlichkeit passt überraschend gut zur erzählten Welt, die ebenfalls von Brüchen und Widersprüchen geprägt ist.

Überhaupt lebt die Inszenierung von ihrer Bewegung. Konstantin Krisch hat dem Ensemble eine energiegeladene Choreografie auf den Leib geschrieben. Die Bühne bleibt fast ständig in Aktion. Menschen tanzen, feiern, flirten und scheitern. So entsteht ein pulsierendes Gesellschaftsbild, das den Zuschauer knapp zwei Stunden lang kaum zur Ruhe kommen lässt.

Großen Anteil daran haben auch Werner Brenners Bühnenbild und die Kostüme von Bernhard Westermann. Besonders die eleganten Garderoben lassen die Zwanzigerjahre in Feuchtwangen schimmernd auferstehen. Der historische Kreuzgang wird dabei nicht überbaut, sondern klug in die Inszenierung integriert. Die mittelalterliche Architektur bildet einen faszinierenden Kontrast zur fiebrigen Moderne der dargestellten Epoche.

Auf der Suche nach dem moralischen Kompass

Doch "Der große Gatsby" ist weit mehr als eine nostalgische Zeitreise. Die eigentliche Stärke der Inszenierung liegt in ihrer existenziellen Tiefe. Fitzgerald beschreibt eine Gesellschaft, die ihren moralischen Kompass verloren hat. Wo einst religiöse und ethische Werte Orientierung gaben, herrschen nun Geld, Status und Konsum. Die Figuren glauben nicht mehr an Gott, sondern an den Erfolg.

Besonders deutlich wird dies an George Wilson. Niklas Kappler gestaltet den Tankwart als tragische Figur zwischen Frömmigkeit und Verzweiflung. Immer wieder verweist Wilson darauf, dass "Gott alles sieht". Doch gerade er scheitert an seinen eigenen Ansprüchen. Seine religiöse Sprache kann den Zerfall seiner Welt nicht aufhalten. Am Ende nimmt er selbst die Rolle des Richters ein und tötet Gatsby.

Gatsby wiederum erscheint als Gegenbild. Er hat sich selbst erschaffen, seinen ursprünglichen Namen James Gatz abgelegt und eine neue Identität konstruiert. Sein Glaube gilt keinem göttlichen Heilsversprechen, sondern dem selbst entworfenen Traum von Erfolg und Liebe. Dass er letztlich für die Schuld anderer sterben muss, verleiht der Figur beinahe märtyrerhafte Züge.

Eine wichtige Gegenposition nimmt Nick Carraway ein. Joseph Reichelt spielt ihn mit sympathischer Zurückhaltung als Beobachter einer aus den Fugen geratenen Welt. Sein Carraway erinnert tatsächlich an den "reinen Toren" aus Wagners "Parsifal": einen Menschen, der nicht naiv, aber unverdorben bleibt. Gerade dadurch wird er zum moralischen Zentrum der Aufführung. Während fast alle anderen Figuren scheitern oder sich korrumpieren lassen, bewahrt er seine Fähigkeit zur Empathie.

Zu den stärksten Darstellern des Abends zählt auch Mario Schnitzler als Tom Buchanan. Sein Tom vereint Arroganz, Brutalität und Selbstgefälligkeit zu einem ebenso abstoßenden wie glaubwürdigen Charakter. Kirsten Schneider wiederum verleiht Jordan Baker Eleganz und Witz und macht nachvollziehbar, warum gerade sie am Ende einen Weg aus der allgemeinen Hoffnungslosigkeit findet.

Antisemtische Stereotype

Nicht unerwähnt bleiben darf allerdings ein problematischer Aspekt des Stoffes. Die Figur des Meyer Wolfsheim, gespielt von Ulrich Westermann mit deutlich mephistophelischen Zügen, verweist auf die antisemitischen Stereotype des Romans. Fitzgerald bediente mit Wolfsheim Vorstellungen vom jüdischen Strippenzieher im Hintergrund, vom geheimnisvollen Drahtzieher wirtschaftlicher und krimineller Netzwerke. Diese Bilder waren in den USA der 1920er Jahre weit verbreitet und gehören heute zu den bekanntesten problematischen Elementen des Romans. Die Feuchtwanger Inszenierung übernimmt die Figur weitgehend werkgetreu. Positiv ist dabei, dass Wolfsheim nicht überzogen karikiert wird. Dennoch bleibt die Problematik sichtbar.

Am Ende überwiegt dennoch der Eindruck einer bemerkenswert gelungenen Produktion. Kaetzlers Inszenierung feiert die Goldenen Zwanziger nicht unkritisch, sondern zeigt ihren Glanz stets gemeinsam mit ihren Schattenseiten. Die Aufführung erzählt von Menschen, die sich in Reichtum, Status und Illusionen verlieren, ohne dabei ihre Sehnsucht nach Liebe und Sinn ganz aufzugeben.

Gerade darin liegt ihre Aktualität. Fitzgeralds Amerika erscheint nicht als ferne Vergangenheit, sondern als Spiegel einer Gegenwart, die ebenfalls oft zwischen Oberflächlichkeit, Selbstinszenierung und der Suche nach Orientierung schwankt. So wird "Der große Gatsby" im Feuchtwanger Kreuzgang zu weit mehr als einer historischen Revue: zu einer eindringlichen Reflexion über Hoffnung in einer Welt, die Gefahr läuft, ihren inneren Halt zu verlieren.

Informationen und Karten: Weitere Informationen zum Stück sowie zum gesamten Festivalprogramm gibt es auf der Website der Kreuzgangspiele Feuchtwangen.