Pat Barker wagt in "Die Stille der Frauen" eine provokante Neufassung des trojanischen Mythos. Die vielfach ausgezeichnete britische Autorin erzählt die Geschichte der Ilias nicht aus der Sicht von Helden wie Achilles oder Agamemnon, sondern aus der Perspektive von Briseis – einer versklavten Frau, deren Stimme bislang im Epos kaum vorkommt. Diese neue Blickrichtung macht das Buch zu einem wichtigen literarischen Beitrag im Kontext feministischer Mythos-Neuerzählungen.

Bei Homer Nebensache: Weibliche Gewalterfahrung

Der Roman beginnt mit der Eroberung der Küstenstadt Lyrnessos. Briseis, die trojanische Königin, erlebt den Mord an ihrer Familie und wird zur Kriegsbeute – versklavt und Achilles übergeben. Was in Homers Epos Nebensache bleibt, steht hier im Zentrum: die weibliche Erfahrung von Gewalt, Entmenschlichung und Ohnmacht.

Briseis ist keine stumme Figur, sondern die Erzählerin – eine scharfsinnige, beobachtende und innerlich widerständige Frau.

"Ich war das Schweigen unter Männern. Das bedeutete, ich war frei zu beobachten. Und ich beobachtete alles."

Besonders eindrucksvoll ist die Beziehung zwischen Briseis und Achilles: ambivalent, von Macht geprägt, aber nicht ohne Zwischenmenschlichkeit. Barker zeigt Achilles als komplexe Figur – gleichzeitig kalt und verletzlich, kriegerisch und musisch. Auch Patroklos, sein Gefährte, gewinnt emotionale Tiefe. Er bringt Empathie ins Lager der Griechen, ist Arzt, Vermittler – und letztlich auch Opfer.

Raue, nüchterne Sprache mit Kraft

Barker schreibt präzise, schnörkellos und oft erschütternd. Sie romantisiert nichts. Ihre Sprache ist rau, oft nüchtern – und genau darin liegt ihre Kraft. Gewalt wird nicht heroisiert, sondern entlarvt. Krieg ist hier keine Bühne für Ehre, sondern Ort männlicher Brutalität, der auch Körper von Frauen kolonisiert.

Der Perspektivwechsel ist mehr als ein erzählerischer Trick – er ist ein literarisch-politisches Statement. Briseis ist nicht Opfer, nicht Heldin – sondern Mensch. Ihre Sichtweise zwingt dazu, den Mythos neu zu denken.

"Die Stille der Frauen" reiht sich ein in die Bewegung feministischer Relektüren: von Margaret Atwoods "Penelopiade" bis Natalie Haynes’ "A Thousand Ships". Barker schafft es, der antiken Vorlage treu zu bleiben und sie gleichzeitig radikal umzudeuten. Ihr Roman ist ein "Reclaim the Canon"-Beitrag – klug, packend und notwendig.

Pat Barker gelingt mit "Die Stille der Frauen" eine kraftvolle literarische Neubesetzung eines alten Stoffes. Die Sicht der Frauen, die sonst zum Hintergrundrauschen gehören, wird zum Zentrum. Die Kritik an Gewalt, Patriarchat und mythischer Verklärung ist klar, aber nie hohl. Wer die Ilias kennt, wird neu lesen. Wer sie nicht kennt, wird hier einen packenden, erschütternden Roman finden.

Pat Barker (2020): Die Stille der Frauen, Münchner Verlagsgruppe, 416 Seiten, 19,99 Euro.

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