"Nicht mehr zeitgemäß" – ein Ausdruck, der inzwischen auf viele deutsche Bräuche zutrifft. Einige sind harmlos und lediglich aus der Mode gekommen, andere hingegen sehr problematisch. Am besten wäre es wohl, wenn solche Traditionen – vor allem letztere – leise und von selbst verschwinden würden.

Ganz anders verlief es jedoch beim Brauchtum des Klaasohm auf der Insel Borkum, einem Ritual zum Nikolausfest in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember. Viel zu lange war es üblich, dass Frauen von als "Klaasohm" verkleideten jungen Männern gejagt, gefangen und mit Kuhhörnern geschlagen wurden. Der NDR recherchierte dies investigativ im Format "Panorama".

Vor etwas mehr als einem Jahr folgte ein großer Aufschrei in den Medien sowie massive Kritik in den sozialen Netzwerken. Dass eine derart frauenverachtende Tradition – und damit verbundene Gewalt gegen Frauen – heute noch gefeiert wurde, erschien vielen schlicht unfassbar und dringend reformbedürftig.

Skandal um Klaasohm: Was ist seitdem passiert?

Viele Inselbewohner:innen fühlten sich in ihrer Kultur angegriffen, protestierten gegen die Abschaffung des Festes und warfen den Medien einseitige Berichterstattung vor. Schließlich erklärte der Verein Borkumer Jungs e. V., dass das Fest, das als Höhepunkt des Jahres gilt, nicht maßgeblich von diesem Schlagen und Fangen abhänge und man diesen Teil problemlos streichen könne.

Da die Diskussion schon vor Dezember entbrannte, konnte das Klaasohm-Fest 2024 erstmals ohne jegliche Gewalt stattfinden. Doch was hat sich seitdem getan?

Das Wichtigste zuerst: Auch in diesem Jahr – und hoffentlich für immer – wurden das Hauen mit Kuhhörnern und das Jagen junger Frauen unterlassen. Dennoch zeigen die Aufarbeitung und die Reaktionen vieler Bewohner:innen sowie des Verbands deutlich, welch toxisches System sich über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, auf der Insel etabliert hat.

Bereits beim Klaasohm-Fest 2024 äußerten mehrere vom NDR interviewte Personen, ihnen fehle dieser Brauch. Es sei ein "lustiges Spiel zwischen Jungen und Mädchen" gewesen. Eine ältere Frau namens "Elke" sagte den Journalist:innen, wer nicht geschlagen werden wolle, hätte eben nicht das Haus verlassen dürfen. Auch sie habe früher "den Hintern vollbekommen, grün und blau, aber man findet das toll." Die nachfolgenden Generationen bekämen dieses "Adrenalin" nun nicht mehr, das finde sie traurig. Frauen, die sich kritisch äußerten, bezeichnete sie als "mediengeil".

Betroffene werden nicht ernst genommen, sondern angefeindet

Solche Aussagen machen die vergiftete Gemeinschaftsdynamik auf der Insel deutlich. Betroffene werden nicht ernst genommen – im Gegenteil: Sie werden ausgegrenzt, angefeindet und fürchten, öffentlich zu sprechen. Viele äußern sich nur anonym, da Kritik in der Gemeinde offenbar zu spürbaren Konsequenzen führen kann.

Offizielle Stellen wie Vereinsmitglieder oder der Bürgermeister geben sich reflektiert. Sie räumen ein, dass die Tradition aus der Zeit gefallen ist und äußere Kritik berechtigt war. Auf der Website der Stadt heißt es: "Der Verein bekennt sich weiterhin klar zu seiner Haltung gegen jede Form von Gewalt", und es seien entsprechende Schutzmaßnahmen eingeführt worden. Weiter steht dort: "Der mediale Druck von 2024 war für viele Borkumer:innen extrem belastend. Beleidigungen, Drohungen und ein wochenlanger Rechtfertigungsdruck haben die Insel in dieser Zeit geprägt."
Dabei bleibt ein Beigeschmack aus Selbstmitleid und dem Frust darüber, ‚erwischt‘ worden zu sein.

Bei der Aufarbeitung von Gewalt darf es jedoch nicht sein, dass öffentlich geäußerte Kritik verurteilt wird, Transparenz fehlt und Betroffene sich weiterhin nicht trauen, unter Klarnamen aufzutreten.

Zwar heißt es weiter auf der Website: "Der VBJ ist jederzeit bereit, den direkten Dialog mit betroffenen Personen zu führen, um Anliegen ernsthaft anzuhören und gemeinsam zu erörtern."

Doch angesichts der Aussagen vieler Bewohner:innen in den Medien und der teils bedrohlichen Kommentare unter anonym hochgeladenen Videos früherer Klaasohm-Feste auf Social Media erscheint es fraglich, ob sich Betroffene wirklich trauen, das Gespräch mit offiziellen Stellen zu suchen.

Klaasohm nicht der einzige veraltete Brauch

Der Klaasohm ist jedoch nicht der einzige veraltete Brauch auf Borkum. Am Pfingstsamstag wird traditionell ein Hahn in einem kleinen Käfig an den Maibaum gebunden, um anhand seines Krähen das Wetter der Saison vorherzusagen. Zwar wird er gefüttert und erhält Wasser, doch Tierschützer:innen kritisieren den Brauch scharf: Der Hahn wird zwei Tage lang auf viel zu engem Raum gehalten, dient der Unterhaltung und kann der Stresssituation in großer Höhe nicht entkommen. PETA stuft dies als Tierleid ein – besonders bei stressempfindlichen Tieren.

Zufälligerweise ist auch für diesen Brauch der Verein Borkumer Jungs e. V. von 1830 verantwortlich. Der Vorsitzende bezeichnete ihn mittlerweile selbst als "nicht mehr zeitgemäß" und hat den Einsatz eines lebenden Hahns beendet.

Dass solche Praktiken jedoch stets erst dann abgeschafft werden, wenn sie öffentlich kritisiert werden und die Verantwortlichen unter Druck geraten, lässt aufhorchen. Was wird in kleinen, verschworenen Gemeinden noch alles unter den Teppich gekehrt? Wie viele Betroffene werden zum Schweigen gebracht? Wie viel läuft unter dem Radar, so tief internalisiert, dass es den Menschen gar nicht mehr bewusst ist, wie problematisch es ist?

Vielleicht waren dies tatsächlich die letzten beiden "nicht mehr zeitgemäßen" Bräuche auf Borkum. Doch angesichts der Geheimniskrämerei und der mangelnden Bereitschaft, Betroffene ernst zu nehmen, wird ein bitterer Beigeschmack wohl bleiben.